Die Lesetruhe

„Aus dem Leben eines Waldviertler Kleinhäusler-Buben“

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Aus dem Leben eines Waldviertler Kleinhäusler-Buben

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Das Radioverbot

von Karl Schmutz

Es wird so um das Jahr 1960 gewesen sein und ich hatte meine letzte Hauptschulzeit noch hinter mich zu bringen, als wir so ziemlich die Letzten in unserem Dorf waren, die ein Radio bekamen; einen kleinen anthrazitfarbenen – so genannten Volksempfänger (Deutscher Kleinempfänger). Ich erinnere mich noch genau an sein quadratisches Aussehen, mit den beiden kleinen, seitlich angeordneten Drehknöpfen für Lautstärke und Abstimmung, sowie dem waagrechten – ebenfalls unten, jedoch in der Mitte befindlichen – elfenbeinfarbenen Drehscheibchen für die Sendersuche. Den überwiegenden Platz an der ohnehin kleinen Radiovorderfront nahm die kreisrunde Lautsprecherabdeckung, aus einem groben, beigen Stoffgewebe bestehend, ein.

Ich will nun kurz erklären, wie wir damals zu unserem Radiokastl, trotz der ständigen knappen Barschaft unseres Kleinhäuslerdaseins, kamen. Ein Radioneukauf wäre sicher noch lange nicht im Bereich des Möglichen gewesen. In jener Zeit jedoch, kam immer ein paar Mal im Jahr ein alter Wiener – ein langjähriger Bekannter meiner Eltern – zu Besuch. Es war dies der Vater eines sehr guten Jugendfreundes meines Vaters, der seinerzeit bereits ein Waldviertel-Fan war und die Leute dieser Gegend sehr schätzte. Bei einem seiner Besuche fiel ihm daher einmal auf, dass es bei uns noch keinen Radioapparat gab, obwohl das in den 60er-Jahren schon fast zum Standard eines Haushaltes gehörte. So brachte er einmal ganz überraschend beim nächsten Waldviertel-Ausflug den vorgenannten Volksempfänger in seinem Rucksack mit. Er kam nie ohne dieses Gepäckstück, da er von meinen Eltern immer irgendwelche selbst erzeugten bäuerlichen Produkte – wie Bauernbrot oder frische Butter usw. – für seine Familie in Wien erhielt. Obwohl es sich zu dieser Zeit die Stadtleute schon leisten konnten, solche Lebensmittel zu kaufen, so war es wahrscheinlich ein noch aus der Nachkriegszeit stammender Brauch meiner Eltern, guten Bekannten oder Verwandten aus der Wienerstadt bei ihrem Besuch etwas vom Lande mitzugeben.

Und so packte dieser Mann damals in der Küche ganz vorsichtig und recht umständlich – wie ich meinte – dieses Radio vom Rucksack aus und stellte es behutsam, unter den staunenden Augen meiner Eltern, auf unseren Küchentisch. Dabei erwähnte er, dass dies der alte Volksempfänger von ihm zu Hause sei, weil dieser einem neuen, moderneren Radiogerät Platz machen musste. Meine Eltern waren ganz aus dem Häuschen, als sie sahen, was da auf dem Tisch stand, nun – und ich war erst recht überrascht, über diesen nicht erwarteten Neuzugang. Mein erster kindlicher Gedanke war, wenn der Mann das Gerät wirklich da lassen würde, müsste man ihn auch fragen, wie es zu bedienen sei. Nicht dass der nach Hause fährt und wir stünden ohne eine entsprechende Einschulung da. Diese meine Sorge war aber ganz und gar unbegründet, da der Wiener Gast – nachdem er unsere Überraschung sichtlich genossen hatte – meinem Vater bis ins Detail, und das recht umständlich, das Ein- und Ausschalten, sowie die Sendersuche – mit den wichtigsten Programmen – und abschließend noch die Situierung der Antenne erklärte. Letztere war nur ein zirka einen halben Meter langes Schnürchen, was aber laut Auskunft des Mannes für einen halbwegs rauschfreien Empfang reichen würde, wenn wir hier nicht ganz am Ende der Welt wären, meinte er noch schmunzelnd. Trotz Dankbarkeit wegen des von ihm spendierten Radios fand ich das gar nicht so witzig im Bezug auf unsere Gegend. Unser Gönner verließ uns dann am frühen Nachmittag, um rechtzeitig den Zug nach Gmünd und dann weiter nach Wien zu erreichen. Selbstverständlich diesmal mit einem nicht unerheblich gefüllten Rucksack, welcher Kartoffeln, Eier und Geselchtes in sich barg. Ja, die Dankbarkeit meiner Eltern fand eben den entsprechenden materiellen Niederschlag.

ein altes Radiogerät neben einem ebenso alten Bügeleisen

Wahrlich, dieses Gerät veränderte unser doch verhältnismäßig einfaches Landleben sehr, insbesondere das meine. Als Erstes erklärte mir mein Vater, dass ich diesen heiklen Apparat nicht ohne Beisein eines Elternteiles einschalten dürfte. Das war schon eine sehr harte Einschränkung für mich und ich dachte: "Für was haben wir dann überhaupt ein Radio?" Noch am gleichen Tag wurde für unseren Volksempfänger ein spezielles Platzerl als Standort ausgewählt und die Eltern einigten sich darauf, dass Mutters bunte Nähschatulle ihren angestammten Platz in der Mauernische hinter dem Küchentisch, gleich neben dem Fenster, für den Neuankömmling räumen muss. Somit bekam das Radio sogar einen richtigen Ehrenplatz, nämlich in unmittelbarer Nähe des Herrgottswinkels. Mutter nähte dann später noch eine nette Stoffabdeckung, die mit bunten Stickereien versehen war und die das wertvolle Stück – während der Zeit, in der es nicht in Betrieb sein würde – vor Staub und Küchendünsten schützen sollte.

Man kann sagen, es begann von da an eine recht interessante Zeit in unserem Kleinhäusler-Anwesen; alleine schon wegen der Musik, welche jetzt häufig durch das Haus klang, aber spannend war auch das Nachrichtenhören, wodurch man mit der ganzen Welt verbunden war. Die Inhalte und Zusammenhänge dieser Meldungen über Ätherwellen verstand ich als Bub natürlich nicht immer, aber – wie gesagt – interessant war es trotzdem. Zu meinen Lieblingssendungen zählten die verschiedensten Hörfunkbeiträge für Kinder, die Wunschsendung am Nachmittag – welche übrigens auch meine Mutter oft einschaltete – und auch das Traummännlein, eine Gutenacht-Sendung. Die Leser werden sich jetzt wundern, dass ich mich trotz des Hauptschulalters noch für das Traummännlein erwärmen konnte. Vielleicht war es deshalb, weil uns in der damaligen Zeit – mangels anderer Unterhaltungsmöglichkeiten – das kindliche Empfinden erst viel später verloren gegangen war als den Kindern heutzutage.

Ein wichtiger Programmpunkt für meinen Vater, als Kleinlandwirt, war auf jeden Fall der Landfunk, wenn er zeitgerecht vor der Mittagszeit – wo diese Sendung immer ausgestrahlt wurde – von der Feldarbeit zurück war. Ich kann mich noch gut an die Kennmelodie erinnern, es war ein heute noch bekannter Marsch. Wenn ich mich so zurückerinnere, haben sich die Eltern Heinz Conrads' Was gibt es Neues sehr gerne gemeinsam angehört. Auch denke ich noch daran, wie meine Mutter zumeist an Sonntag-Nachmittagen während der Wunschsendung, der sie liebend gerne zuhörte, nähte oder irgendwelche Wäscheausbesserungsarbeiten durchführte, für die sie während der Woche keine Zeit hatte.

Meistens musste ich ja gemeinsam mit meinen Eltern auf das Feld. Durfte ich doch einmal alleine zu Hause bleiben, konnte ich trotz Vaters striktem Verbot der Versuchung nicht widerstehen und schaltete dann heimlich das Radio ein. Später bin ich diesbezüglich schon raffinierter geworden, als mir Vater einmal draufkam, dass ich mich immer als Schwarzhörer betätigte, wenn niemand außer mir daheim war. Es passierte nämlich eines Tages, dass mein Vater beim Einschalten des Rundfunkgerätes nicht den üblichen Sender vorfand. Somit war ich klarerweise – meiner geheimen Radiositzungen wegen – überführt, denn niemand sonst bei uns hätte an einem fremden, rauschenden Programm Interesse gehabt. Da hat es damals ganz schön gestaubt bei mir, worauf mir für einige Zeit das heimliche Radiohören vergangen war.

Aber bald packte mich schon wieder das Lauschfieber, jedoch ab diesem Zeitpunkt justierte ich nach jeder verbotenen Sitzung den Sendersuchregler immer wieder auf die Stelle ein, auf der er beim Einschalten des Radios gestanden hatte. Auch den Lautstärkendrehknopf stellte ich – um ja keine Spuren meines unerlaubten Horchvergnügens zu hinterlassen – vorsichtshalber auf jene Lautstärke zurück, auf welcher ich ihn am Beginn der Gerätbenützung vorfand. Meine Vorsicht machte sich letztendlich auch bezahlt. Ich merkte nämlich, dass sich der Sendersucher auf den unmöglichsten Frequenzen befand, wenn meine Eltern auf dem Feld waren. Ja, sogar der Lautstärkenregler war einmal fast auf volle Lautstärke gedreht, sodass ich beim Einschalten des Radios erschrak, als dieses plötzlich zu plärren begann – was logischerweise auch wieder beabsichtigt war. So merkte ich, dass mein Radiohörkonsum während meines Alleinseins regelmäßig kontrolliert wurde.

Wie gesagt, das hatte ich mit der Zeit alles in den Griff bekommen, nur – einmal hörte ich Vater besorgt zu meiner Mutter sagen: „Du, ich weiß nicht, seit wir das Radio haben, ist die Stromrechnung um vieles höher geworden; habe nicht gedacht, dass der so viel Strom frisst. Das bisschen Radiohören kann doch um Himmels willen das nicht ausmachen.“ Nun, ein sehr einschneidendes Erlebnis bezüglich unseres Volksempfängers hatte ich, als mir aus Unachtsamkeit ein schreckliches Missgeschick passierte. Ich wollte einmal heimlich, als meine Eltern gerade wieder nicht zu Hause waren, bei der rückwärtigen, gelochten Radiowand hineinsehen. Es musste doch faszinierend sein, das Innenleben dieses technischen Wunderwerkes – aus welchem all die schöne Musik und die Stimmen kamen – zu erkunden.

Und so rückte ich vorsichtig das Gerät aus der am Beginn erwähnten Mauernische, doch da – oh Sch... – kippte das Radio, glitt mir aus den Händen und fiel scheppernd zu Boden. Mir blieb vor Schreck fast das Herz stehen; ich denke, man hätte mich damals überall mit einer Nadel stechen können, ohne einen Tropfen Blut zu verlieren.

Zuerst war da nur der Schock, doch dann stieg wahnsinnige Angst in mir auf. Denn erstens dachte ich, war wahrscheinlich das so geliebte Radio kaputt und zweitens, was noch weit schrecklicher war, würde ich deshalb von meinem Vater für diese unerlaubte Handlung die doppelte Menge Tracht Prügel als sonst bekommen. Dafür würden nämlich zwei Fakten sprechen; einerseits das unerlaubte Hantieren am Gerät und andererseits, weil dieses Schaden erlitten hatte. Oh ja, diesbezüglich kannte ich meinen Vater nur zu gut und wusste um seine heftige Reaktion ob eines derartig argen Missgeschickes. Meine innigste Hoffnung bestand nur darin, dass – trotz des Sturzes – dem Radiogerät nichts passiert war, was aber eher unwahrscheinlich zu sein schien. Bei näherer Betrachtung des abgestürzten Volksempfängers – nachdem mein Schockzustand etwas abgeklungen war – sah ich mit Entsetzen, dass er an der rechten unteren Gehäuseecke eine kleine Materialabsplitterung und noch dazu einen Sprung abbekommen hatte. Vorsichtig, jedoch immer noch zitternd, stellte ich das ramponierte Kleinmöbel wieder an seinen ursprünglichen Platz zurück, schob zögernd den Stecker in die hiezu vorgesehene Steckdose und legte, wie eben erforderlich, wieder die Antennenschnur aus. Aber es geschah nichts – überhaupt nichts, soviel ich auch an den Knöpfen und am Sendersucher herumdrehte, kein Mucks kam aus dem verflixten Kastl heraus. Ja, nicht einmal ein klitzekleines, leises Rauschen oder Pfeifen. Dabei wäre mir beim geringsten dieser Geräusche schon etwas leichter zumute gewesen.

Meine Panik wuchs und ich wusste nicht, was ich zuerst machen oder denken sollte. Denken war mir momentan sowieso unmöglich. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich eine große Leere in meinem Hirn und einen riesengroßen Stein auf der Brust. Erst jetzt begann ich zu schluchzen und die Tränen kollerten mir unaufhaltsam über die vor Angst glühenden Wangen. Ich überlegte fieberhaft, was ich nur tun könnte, denn meine Eltern mussten ja schon bald heimkommen. Davonlaufen würde auch nichts nützen und eine brauchbare und glaubwürdige Ausrede gab es in diesem Fall nicht. Oh mein Gott, dachte ich neuerlich, die Ohrfeigen, die ich von Vater deswegen bekäme und wer weiß, welche länger andauernden Strafsanktionen noch folgen würden.

In meiner ersten Verzweiflung verkroch ich mich im Stadel, da konnte ich wenigstens einmal alles in Ruhe – und von den Eltern unbemerkt – überdenken. Aber schon bald hörte ich unseren Leiterwagen beim Hoftor hereinrollen. Ich schaute ängstlich durch einen Spalt zwischen zwei Brettern des Stadeltores in den Hof und wartete, bis der Vater mit den vom Wagen abgespannten Kühen im Stall verschwunden und die Luft sozusagen rein war. Als die Mutter dann vom Hof in die Küche ging und Vater noch mit den Tieren beschäftigt war, verließ ich schleunigst mein sicheres Versteck und lief ihr schluchzend und weinend in das Haus nach.

Erst nach ihren beruhigenden Worten, konnte ich mich so halbwegs wieder fassen und ihr das ganze Malheur stockend erzählen. Rechtfertigte mich aber gleichzeitig, dass ich auf keinen Fall Radio hören wollte, sondern eben nur einmal erkunden, wie unser Radio rückwärts aussah, und dabei eventuell durch die gelochte Abdeckwand innen etwas zu erspähen. Dass ich auch das Abnehmen der Rückwand vorhatte, bevor mir das Missgeschick passierte, verschwieg ich natürlich wohlweislich.

Porträt eines Burschen mit Vogel in der Hand
Der Autor (um 1960)

Meine Mutter war über das Vorgefallene ebenfalls erschrocken, sagte aber nach kurzem Überlegen – weil sie wusste, dass es für mich deswegen von Vater sicher ein paar saftige Watschen setzen würde – in erstaunlich ruhigem Ton zu mir: „Bub, geh jetzt einmal hinaus. Ich werde mit dem Vater über diese Sache sprechen, wenn er hereinkommt, vielleicht ist gar nicht so viel dabei kaputt gegangen und wir machen uns nur unnötige Sorgen.“ Ich hatte im Hinausgehen das Gefühl, dass meine Mutter das selbst nicht recht glaubte, aber mich eben nur beruhigen wollte.

Hängenden Kopfes verließ ich die Küche und schlich, um dem Vater nicht vorzeitig zu begegnen und dem Strafgericht möglichst lange zu entgehen, in den an die Küche angrenzenden kleinen Abstellraum, welcher fast nie betreten und benützt wurde. Hier, dachte ich mir, war ich vorläufig einmal gut aufgehoben und konnte sicher durch die Mauer der gleich nebenan liegenden Küche hören, wie Vater reagierte, wenn ihm die Mutter von meinem Malheur erzählte. Außerdem könnte ich so gleich direkt aus dem Verhalten meines Vaters schließen, ob die Strafe arg oder sogar drastisch ausfallen würde. So versteckte ich mich hinter ein paar alten, an die Wand gelehnten Stellagenbrettern, vermutlich eine vorsorgliche Schutzreaktion von mir. Auf Dauer konnte ich ja einer ordentlichen Bestrafung sowieso nicht entgehen.

Kurz darauf wurde ich aus meinem stumpfen Dahinbrüten gerissen und ich hörte, wie der Vater mit schweren Schritten nebenan in die Küche kam. Eine Weile war es sehr ruhig da drüben, zu still für mich – wie ich empfand. Dann hörte ich die Mutter mit der ihr eigenen, ruhigen Stimme einige Zeit sprechen. Wahrscheinlich, um dem Vater alles zu erklären und ihm einzureden, dass der Bub im Grunde genommen dafür nichts könne und so...

Gleich darauf erfolgte der für mich erlösende Zornesausbruch meines Vaters: „So ein Mistbub, man kann ihn nicht einmal ein paar Stunden alleine zu Hause lassen, ohne dass er irgendetwas anstellt. Wo steckt er denn, dass ich ihm wieder einmal ordentlich den Hintern versalze!“ Danach war wieder die beruhigende, gütige Stimme meiner Mutter zu hören und gleich darauf war es still in der Küche drüben. Ich weiß nicht, wie lange ich in meinem Versteck zugebracht hatte; mir dauerte diese Ungewissheit schon zu lange und ich hätte mein Strafgericht am liebsten schon jetzt hinter mir gehabt.

Da, plötzlich hörte ich wieder jemanden sprechen in der Küche nebenan. Im ersten Moment dachte ich, dass vielleicht wer gekommen sei, aber ich vernahm von keinem Elternteil eine Antwort auf diese mir völlig unbekannte Stimme. Dann - mein Gott war ich froh - auf einmal war auch Musik von drüben zu hören, anschließend abwechselnd verschiedene Stimmen und gleich darauf eine andere Musik.

Ich jauchzte innerlich: „Das Radio funktioniert wieder.“ Erleichtert kroch ich hinter den Brettern hervor und schlich in den Hof. Als ich hörte, wie jemand die Küchentür öffnete, versteckte ich mich rasch hinter dem vorhin von meinen Eltern abgestellten Leiterwagen; ich dachte, sicher ist sicher. So kurz nachdem Vater von meinem Missgeschick erfahren hatte, wollte ich ihm nicht unbedingt gegenüber stehen. Aber Gott sei Dank, es war die Mutter, die – wie ich ihr von meinem Versteck hervorspähend anmerken konnte – sichtlich erleichtert meinen Namen rief. Zögernd kam ich hinter dem Wagen hervor und dann erzählte sie mir, der Vater hätte unseren Volksempfänger ohne besondere Kenntnisse wieder so weit in Ordnung gebracht. Es hatte sich durch die Erschütterung beim Sturz nur eine Lampe aus dem hiefür vorgesehenen Sockel im Radioinneren gelöst. Vater steckte sie wieder an den richtigen Platz und das Radio funktioniere nun wieder – das wäre alles gewesen, meinte die Mutter. Dazu muss ich jetzt schon noch einwenden, dass die heutigen Geräte so etwas nicht mehr überstehen würden.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein so hochtechnisches Gerät derart viel aushalten würde. "Da hätte ich ja gleich selbst die Lampe an die hiefür vorgesehene Stelle stecken können, wenn das so einfach war", dachte ich mir, und mir wäre die ganze auf mich noch zukommende Misere erspart geblieben. So unkompliziert war das natürlich auch wieder nicht, aber so entsprang es halt meiner noch kindlichen Denkweise.

Darauf hörte ich in meine kurzzeitige geistige Abwesenheit hinein meine Mutter sagen: „Du Karli, jetzt musst du aber gleich zum Vater in die Küche gehen und dich entschuldigen für das, was dir mit dem Radio passiert ist; er wartet schon auf dich. Einiges wird's da schon noch setzen, wegen deiner Neugier. Ganz ohne wirst da nicht davonkommen.“ Au weh, also doch noch ein dickes Ende, dachte ich mir, aber ich wollte das endlich zu einem Abschluss bringen und so ging ich zögernd der Mutter nach in die Küche.

Vater stand noch immer beim Radio und probierte daran herum, dabei warf er mir einen durchdringenden Blick zu, als ich armes Würstel mit gesenktem Kopf in der Tür stand. Da ich aber momentan nicht in der Lage war, nur ein klares Wort hervorzubringen, und dem Weinen nahe war, stotterte ich für meinen Vater wahrscheinlich nur unverständliches Zeug, das nicht annähernd einer Entschuldigung gleichkam. Ja, und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Mein Vater kam langsam – aber unaufhaltsam – auf mich zu, sah mich mit seinem, für eine solche Situation üblichen, strengen Blick an und gab mir dann die erleichternde g‘sunde Watschn. Dabei meinte er: „Die ist für deine blöde Neugier. Du hattest Glück, da erstens nicht viel beim Radio kaputt war und zweitens hat mich deine Mutter beschwichtigt, ich solle von einer härteren Strafe – in Anbetracht dessen, dass nichts passiert ist – absehen.“ Ja, es war nur eine Dachtel  und ich wunderte mich sehr, dass ich diesmal so billig davongekommen war. Meine Verwunderung verflog aber sogleich, als ich Vater noch weiter sagen hörte: „Noch etwas Bub, mit der einen Flaschn ist es aber nicht abgetan. Ab heute hast du für drei Wochen strengstes Radioverbot und greif mir ja das Gerät nie mehr an, wenn wir nicht zu Hause sind!“

Nun, was ich zu meinem Radioerlebnis noch sagen will, das strikte Radioverbot hat mich damals noch viel härter getroffen, als fünf oder sechs sofort verabreichte Ohrfeigen.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Das Radioverbot

Verfasst von Karl Schmutz

Auf MSG publiziert im Juni 2011

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Lainsitztal
  • Zeit: 1960

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Karl Schmutz: Aus dem Leben eines Waldviertler Kleinhäusler-Buben, 2005, S. 102 ff.

Die Erzählung entstand nach einem Schreibaufruf aus Anlass des Jubiläums "80 Jahre Radio in Österreich" und wurde auch in den 2004 von Helga Maria Wolf herausgegebenen Sammelband "Auf Ätherwellen. Persönliche Radiogeschichte/n" (Damit es nicht verlorengeht..., Bd. 52) aufgenommen.

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