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Sonntag, 15. Juni 1958

von Brigitta Hafner

Als ich am nächsten Tag erwachte, war es schon spät am Vormittag. Ich räkelte mich noch ein bisschen im Bett, bevor ich aufstand, mich wusch und anzog. Draußen war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien strahlend vom Himmel und das Meer leuchtete in seinem hellsten Blau.

Ich räumte selbst mein Zimmer auf und begab mich dann in den Speisesaal zum Mittagessen. Ich berichtete von meiner durchbummelten Nacht und Frau Maria meinte: „Wir haben die Musik noch lange herübergehört.“

Am Vormittag waren wieder neue Urlaubsgäste gekommen, die einen netten Eindruck machten. Die meisten fuhren am Nachmittag ins Bad. Miro und ich fuhren mit dem Ruderboot ein Stück hinaus, denn uns war das Wasser zum Schwimmen noch zu kalt.

Ich war froh, dass ich nicht mit dem Motorboot hatte fahren müssen, denn es war heute ziemlich überfüllt gewesen. Die ruhige Gemütlichkeit war vorbei; es war zu erkennen, dass die Urlaubersaison immer näher rückte.

Später lud mich Miro zu sich nach Hause zu seiner Familie ein. Etliche Stufen führten uns durch die engen Gassen empor bis Miro links abbog und wir vor einem Haustor hielten. Obwohl hier für mich alle Häuser ziemlich gleich aussahen, würde ich es wieder erkennen.

Miro öffnete die Tür und die Sonne fiel durch den offenen Spalt in ein dunkles Vorhaus, von wo weitere Stufen nach oben führten. Es war angenehm kühl hier drinnen. Leise knatterten die Holzstufen, als wir nach oben stiegen. Hier öffnete er wieder eine Türe und wir befanden uns nun im eigentlichen Vorraum. Er war weit lichter und hatte einen Steinboden. Von hier führten Türen in die verschiedenen Räume. Miro schritt vor mir auf eine Türe zu, ich hielt mich knapp hinter ihm und ließ seine Hand nicht los.

Ich weiß gar nicht, wie wir eigentlich auf die Idee gekommen waren, hierher zu gehen. Wir sprachen wenig; im Vergleich zu Beginn unserer Bekanntschaft waren wir stumm geworden. So hatte er mich einfach an der Hand genommen und hierher geführt.

Als wir eintraten, erhob sich eine ältere Frau, die beim Herd gesessen war. Miro sprach zu ihr und sie reichte mir die Hand. Von ihr habe ich besonders das liebe Lächeln in Erinnerung, mit welchem sie mich anblickte. Ich bemerkte die Selbstverständlichkeit ihrer Bewegungen, ich fühlte ihre Güte und musste sie einfach lieb gewinnen. Das war seine Großmutter.

Wir hatten kaum Platz genommen, da erschien auch Miros Tante, Alfreds Frau. Sie war schlank und zart; sie begrüßte mich auch sehr herzlich. Bei ihr gefielen mir am besten die Augen, denn sie waren sehr ausdrucksvoll und lebendig. Die Unterhaltung war sehr einsilbig. Miro übersetzte so gut er konnte, und erst als Alfred kam, wurde es leichter für uns.

Später kochte Miros Großmutter Kaffee. Wie ich erfuhr, war er selbst gebrannt, weil das preisgünstiger war; er war sehr schmackhaft. Dazu wartete sie selbst gebackenen Kuchen auf.

Ehe es wir uns versahen, war der Nachmittag vergangen und ich verabschiedete mich herzlich. Ich hatte nicht das Gefühl, diese Leute erst vor ein paar Stunden kennen gelernt zu haben.

Miro brachte mich zum Hotel zurück. Wir schlenderten gemütlich Hand in Hand dahin, während es langsam Abend wurde. Beim Hotel verabschiedeten wir uns. Wir wollten heute nicht mehr ausgehen, sondern ausschlafen, damit wir am nächsten Tag frisch wären; wir wollten morgen Fische fangen fahren.

„Laku noc, Karina. Ich werde kommen morgen zum Hotel um halb sechs Uhr und dich wecken mit Steinchen.“ „Laku noc, Miro. Bis morgen.“ Ich begab mich in den Speisesaal zum Nachtmahl. Dort traf ich meine Reisefreunde und wir tauschten unsere Erlebnisse des Tages aus.

junge Frau auf einer Küstenpromenade

Montag, 16. Juni 1958

Ich hatte mir am Abend vorgenommen, pünktlich aufzuwachen, damit ich mich nicht so beeilen musste. Aber gerade an diesem Morgen war mein Schlaf tief und fest, als ich plötzlich aufgeweckt wurde.

‘Pitsch, pitsch’ waren zwei Steinchen neben mein Bett gekollert und ich rieb mir verschlafen die Augen. Dann schaute ich auf die Uhr: Fünf Uhr fünfunddreißig! Ich schüttelte den Kopf. Ich schaute wieder auf die zwei Steinchen – da machte es wieder ‘pitsch’ und ein drittes gesellte sich dazu.

Nun sprang ich aber schnell aus dem Bett. Endlich war ich wach genug, um mich an unsere Vereinbarung zu erinnern. Ich fuhr mir durchs Haar und ging zum Fenster. Unten stand Miro.

„Guten Morgen“, lachte er herauf, „heute ist gutes Wetter für Fische“, sagte er und deutete zum Himmel, den kein einziges Wölkchen trübte. „Guten Morgen, Miro. Das ist sehr gut. Ich komme gleich.“

Kalt spürte ich das Leitungswasser auf meinem Gesicht, das mich sehr erfrischte. Dann kleidete ich mich an. Ich zog mir gleich den Badeanzug an, darüber die Fischerhose und ein luftiges Leinenleibchen. Ich steckte die Pantoffeln an und hängte die Weste über. Dann nahm ich die Badetasche, in der ich schon gestern alles andere verstaut hatte. Mit der Linken schlug ich noch schnell mein Bettzeug auseinander, lehnte das Fenster halb zu, und draußen war ich.

Als ich zum Boot kam, hantierte Miro noch fleißig herum; er hatte alles zum Angeln mitgebracht. Er verstaute meine Tasche und zeigte mir, wo ich mich hinsetzen sollte. Die Sonne war erst im Aufsteigen und es war noch ziemlich kühl am Wasser. Ich zog mir meine Weste an.

Kurz vor sechs Uhr ruderten wir los. Wir hatten zwei Stunden Fahrt vor uns und Miro legte sich tüchtig ins Zeug. Wir sprachen nur wenig. Ich gab mich dem aufsteigenden Tag hin. Alles glitzerte frisch und hell. Einen ausgeruhten und glücklichen Eindruck machte die Welt. Immer höher stieg die Sonne und immer wärmer wurde ihr Schein.

Wir ruderten vorbei an Borici, an Bakarac, dann kamen wir zum Ausgang der Bucht und das offene Meer tat sich vor uns auf. Es glänzte weithin, wie geschmolzenes Metall. Die Wellen sangen leise die eintönige Melodie der Unendlichkeit.

Ich sah immer wieder zu Miro hin, wie sich seine Arme strafften bei der gleichmäßigen Betätigung der Ruder. Er leistete ganze Arbeit, zeigte gute Laune und lachte.

Als wir ziemlich weit draußen waren, befestigte Miro das mitgebrachte Tau mit dem Anker und ließ ihn hinab in die Meerestiefe, damit wir nicht abgetrieben würden. Dann setzte er sich an das eine Ende des Bootes, während ich am anderen saß. Er hatte mir eine Nylonleine gegeben, die am Ende drei kleine Widerhaken hatte. An jedem dieser Haken wurde ein halber Körper eines kleinen Fisches befestigt und dann wurde die Schnur, die fünfzig Meter lang war, in das Meer hinab gelassen. Am Ende befand sich auch ein Lot, dass das Ganze in die Tiefe zog.

Miro bediente zwei Seile. Er hatte links und rechts am Boot zwei Stangen festgemacht, mit einem Haken, an dem die Leine hing, und einem Glöckchen. Wenn ein Fisch anbiss und an der Leine zerrte, fing es zu bimmeln an. Ich hatte auch so eine Vorrichtung, aber ich hielt die Leine lieber in der Hand und wenn ich das Zappeln fühlte, zog ich die Leine hoch. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich bei Miro der erste Fisch, der zappelnd sein Leben ließ.

So saßen wir, über uns der Himmel und um uns das Meer. Wir lachten uns zu und sprachen kaum etwas. Ich passte genau auf, um einen Fisch gleich wahrzunehmen.

Endlich war es so weit. Rasch zog ich die Leine hoch und immer stärker fühlte ich ein Zerren und Ziehen. Dann hatte ich den Fisch vor mir, der wild hin und her schlug. So schnell ich erst alles getan hatte, nun schauderte mich, den zappelnden Fisch zu packen und vom Widerhaken zu befreien. Erst nach einer geraumen Zeit griff ich zu; der Fisch drohte mir zwischen den Fingern zu entgleiten, aber ich hielt fest und unterdrückte jedes aufsteigende Gefühl. Der Fisch wehrte sich um sein Leben, denn er wollte nicht sterben. Aber so ist es, der Stärkere besiegt meist den Schwächeren. Ich riss den Widerhaken heraus und warf den Fisch ins Boot. Dieses hatte einen doppelten Boden unter dem Wasser war, in welches der Fisch rutschte. „Bravo, Karina. Du hast eine schöne Fisch“, wurde ich von Miro gelobt und ich freute mich.

Später, die Sonne brannte immer heißer vom Himmel, zog ich mir die Fischerhose und das Leibchen aus und saß nun im Badeanzug da. Ich ölte mich gut ein, damit ich vor den Sonnenstrahlen etwas Schutz hatte; dann setzte ich einen alten Strohhut, den Miro mitgebracht hatte, auf.

Eine halbe Stunde war ich eifrig damit beschäftigt, meine Nylonschnur zu entknüpfen. Wie ich nämlich den zweiten Fisch an dem Haken hatte, passte ich zu wenig auf, und da der Fisch wild um sich schlug, verwickelte er mir mein ganzes Seil. Als ich fertig war, tat ich wieder einen Köder auf die Haken und ließ die Schnur ins Wasser.

Miro hatte inzwischen schon einige Fische gefangen. Dies war auch kein Wunder, denn er hatte zweifellos mehr Übung als ich. Außerdem hatte er dafür zu sorgen, dass wir zu Mittag etwas zu essen haben würden, während das Fischfangen für mich bloß ein Vergnügen war. Nach meinem Erfolg hätten wir hungern müssen.

So saß ich da, die Hand mit der Schnur an den Bootsrand gelehnt und wartete, bis ein Fisch anbiss. Dabei sinnierte ich vor mich hin und konnte meinen Gedanken freien Lauf lassen. Hier war es wunderschön. Ich empfand gar nicht, dass es unter mir noch viele Meter in die Tiefe ging. Mir wurde bewusst, was schon viele beschrieben haben. Es umfing mich die Ruhe, der Frieden und die Weite des blauen Meeres. Hier konnte sich das Herz auftun und die Gedanken verweilten, man wurde von nichts gequält. Minute um Minute verging und ich fühlte mich verbunden mit Himmel und Meer.

Jetzt eben, wenn ich dies niederschreibe und einen Moment inne halte und die Augen schließe, empfinde ich wieder dieses Gefühl. Es ist verankert in meinem Inneren. Es kommt von einem selbst, aber es liegt begraben unter der Hast und Jagd des Alltags. Wir hatten es damals nicht eilig und wir waren eins mit der Natur. […]

Informationen zum Artikel:

Sonntag, 15. Juni 1958

Verfasst von Brigitta Hafner

Auf MSG publiziert im August 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Kroatien, Istrien, Bucht von Bakar
  • Zeit: Juni 1958

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Brigitta Hafner: Ich denke immer an dich, Horitschon 2006, S. 73 ff."

Der Text wurde im Rahmen eines "Lesenachmittags" zum Tagebuchtag 2013 am 7. November 2013 im Wien Museum vorgetragen.

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