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"Und die Liebe, die kam nicht zu kurz!"

von Maria Elisabeth Windisch

[...] Im Jahre 1950 war schon die Landjugend gegründet, die Burschen waren schon aktiv. So sollte auch eine Mädchengruppe der Landjugend angehören. Ich wurde ins Rennen geschickt. Am 2. Februar 1951 war in Graz die Zusammenkunft der Landjugend, und ich war die erste Gruppenleiterin der Ortsgruppe Ilz. Der Obmann der Burschen war Adjunkt auf der Gutsverwaltung Schloss Feistritz. Er hatte schon ein Motorrad und war somit flexibel. Er kam öfters zu uns ins Haus, wir besprachen die Landjugendarbeit und machten Pläne, was wir machen wollten. Wir machten Radausflüge, besuchten mit dem Bus die Grazer Messe, auch Wettbewerbe wurden abgehalten: mähen, melken und pflügen. Der Obmann und ich waren auch beim Ilzer Gesangsverein, und abends nach der Probe begleitete er mich immer heim. Da kam es vor, dass er mich einmal küsste. Er hatte damals seine Verlobung gelöst, die mit einer Arzttochter bestanden hatte. Ich war mir unsicher, wie ich mich verhalten sollte. Er war ja nicht von hier, er war aus der Obersteiermark. Er war fast zwölf Jahre älter als ich, doch ich kannte seine Absichten nicht. Es blieb nicht bei diesem einen Kuss, doch alles platonisch. Ich lernte ja viele junge Männer kennen, doch immer mit Vorsicht.

Einmal war ich auf einem Weizenfeld beim Unkrautjäten. Damals war ich allein, es war Ende April. Da konnte man noch durch das Feld gehen, die jungen Halme richteten sich wieder auf. Ich musste Disteln, Wicken, Klatschmohn, Kornblumen im Anfangsstadium herausreißen, damit das Unkraut nicht überhandnahm. Ich war weit vom Dorf entfernt auf einem abgelegenen Feld. Da kam ein Reiter auf dem Feldweg dahergaloppiert, sprang vom Pferd und fragte mich, was ich da mache. Ich sagte ihm, dass ich Unkraut jäte.

Er war ein Deutscher und auf Schloss Kalsdorf auf Besuch, das erzählte er mir. Er war auch noch jung und wollte flirten. Als ich den Flirt beendete und sagte, ich müsse weitermachen, drückte er mich schnell an sich und küsste mich. Ich war überrumpelt und verdattert. Der junge Mann lachte, sagte, ich solle nicht böse sein, schwang sich wieder aufs Pferd und ritt lachend davon. So ähnliche Kleinigkeiten kamen öfters vor, doch ohne sexuelle Belästigung.

Von der Landjugend aus veranstalteten wir auch den Landjugendball. Unser Obmann – er hieß Simon – kannte schon einige Volkstänze, wir hatten einen Burschen in der Gruppe, der sehr gut auf der Harmonika spielte. Wir lernten diese Tänze und machten Tanzeinlagen. Der Obmann und ich machten auch eine Woche lang einen Volkstanzkurs in St. Martin bei Graz, der Musikant war auch dabei. Daheim brachten wir die Tänze unseren anderen Mitgliedern bei, wir hatten somit eine Volkstanzgruppe.

Beim Landjugendball 1951 hatten wir aus Buntpapier dunkelrote und rosarote kleine Herzen gemacht und mit Nummern versehen. Ich weiß es nicht mehr genau, waren es 50 oder 100 von jeder Farbe? Wer sich ein Herz kaufte – es war ja eine Geldeinnahme für die Landjugend – musste dann schauen, wer von der anderen Farbe die gleiche Nummer hatte, und mit dem oder derjenigen tanzen. Ich kaufte mir keines, doch ein Bursche unserer Gruppe gab mir ein rosa Herz, das für die Tänzerinnen bestimmt war, und sagte, das hätte ihm jemand gegeben und ich müsse mich anstellen zum Tanz. Wir stellten uns nach Nummern auf, und gegenüber standen die männlichen Tänzer. Ich wusste noch nicht, wer meine Nummer hatte. Als die Nummern aufgerufen wurden, kam ein junger Mann auf mich zu, lächelte, verbeugte sich und sagte, er sei mein Tänzer. Er hatte das zweite Herz gekauft und es mir übermitteln lassen, damit er mit mir tanzen konnte. Der junge Mann konnte so gut tanzen! Wir schwebten über die Tanzfläche, es war herrlich. Natürlich tanzten wir mehrere Tänze miteinander. Meinen Großeltern – die überall mit dabei waren – war der junge Mann auch aufgefallen. Großmutter erkundigte sich sofort bei anderen Ballbesuchern, wer dieser junge Mann sei. Sie hatte es bald herausgefunden, ich dachte mir aber nichts dabei. Er hieß Willi Windisch und war aus Herrnberg, lustigerweise mein späterer Schwager. Doch damals kannte ich niemanden aus Herrnberg.

Es gab noch mehrere junge Männer, die Interesse zeigten, doch ich war – wie gesagt – vorsichtig. Einer wollte als Ersatz ein Abenteuer, da seine Freundin gerade in der Schweiz war, ich hatte es früh genug erfahren. Ein anderer fand es nicht richtig, dass ich von der katholischen Jugend aus für einige Tage auf Exerzitien war.

Im Sommer 1951 kaufte ich mir nach dem Kirchgang ein Eis. In der Eisdiele waren viele Leute, und ein junger Mann, größer als die anderen, grüßte zu meiner Freundin herüber. Ich fragte meine Freundin, woher sie und dieser Mann sich kennen würden. Sie sagte, dass ihre Familie in seiner Nähe in Herrnberg einen Weingarten besäße, und somit kannte sie ihn. Also weiter nichts. Mir war er aber angenehm aufgefallen, er war groß, hatte dunkelblondes gewelltes Haar und war einfach „fesch“! Doch aus den Augen, aus dem Sinn …

Burschen und Mädchen hinter einem Tisch, an dem Wein ausgeschenkt wird
Maria Elisabeth Windisch (2. von rechts) als Bezirksleiterin der Landjugend bei einer Weinverkostung in Ilz, Steiermark (1952)

Im Herbst 1951 wurde das Lagerhaus in Ilz eröffnet und eingeweiht. Die Landjugend machte im Kellergeschoß eine Ausstellung. Die Burschen stellten Feldfrüchte und Obst aus, wir Mädchen hatten Handarbeiten, eingemachte Früchte und Marmeladen bei der Ausstellung. Nach dem Festakt waren wir, Simon und ich, zur Festtafel eingeladen. Nach dem Essen machten wir noch eine Tanzprobe im kleinen Raum neben dem Speisesaal, da wir auf dem Hauptplatz später noch Volkstänze aufführen wollten. Als wir nach der Probe die Treppe hinuntergingen, verließen gerade die letzten Ehrengäste den Speisesaal, und es war rundherum lautes Stimmengewirr. Da hörte ich hinter mir eine Stimme heraus, die sagte: „Die da vorne mit dem Bürgerkleid gefällt mir.“ Da ich ein Bürgerkleid anhatte, schaute ich mich um.

Ich sah in ein lächelndes, hübsches Männergesicht, in jenes, das mir im Sommer in der Eisdiele aufgefallen war. Ich war wie elektrisiert, hatte Herzklopfen und wusste nicht, wie ich die restlichen Stufen hinunterkommen sollte. Und wieder war und blieb er verschwunden.

Ich erinnere mich, dass wir uns schon im Fasching auf einem Ball kurz getroffen haben. Er kam damals ziemlich spät, da er vorher auf einer anderen Unterhaltung war. Als wir heimgingen, meine Großeltern und ich, ging auch er heim. Er hatte sein Fahrrad bei sich und schob es ein Stück; er ging mit uns, bis sich die Wege trennten. Wir hatten ja nur einen Kilometer bis Neudorf, er aber musste einige Kilometer fahren und von dort zwei Kilometer den Berg hinauf. Herrnberg! Es gehörte zur Gemeinde Großwilfersdorf, doch mit der Pfarre nach Ilz.

Im Frühjahr 1952 gab es ein Musikertreffen in Ilz, und junge Mädchen wurden eingeteilt zum Verkauf der Festabzeichen. Ich sah unter den vielen Leuten meinen Traummann und ging auf ihn zu. Er kaufte mir ein Abzeichen ab, wir wechselten einige Worte, doch ich musste weiter „Geschäfte“ machen. An einem Sonntag nach der Kirche trafen wir einander wieder auf dem Hauptplatz, wo wir wieder reden konnten. Da wussten wir voneinander schon den Namen und den Wohnort. Ich wusste, dass er Franz hieß und in Herrnberg zu Hause war.

So kam dann der Sommer, und es gab ein Bezirkstreffen der Feuerwehren in Ilz, wo auch er mit seiner Einheit auftrat. Da meine Mutter auch gerade in Neudorf war, ging sie mit meinem kleinen Bruder und mit mir am Nachmittag nach Ilz, und wir schauten uns das an.

Es war ein wunderschöner Sommertag, und die Gruppen einzelner Gemeindefeuerwehren marschierten auf. Mein Traummann war auch dabei. Er machte nur einen kurzen Blick zur Seite, doch er hatte mich unter den Zusehern entdeckt. Als die Festlichkeit vorbei war, ging es zum Tanz. Meine Mutter und ich wollten gerade heimgehen, als er vor mir stand und mich fragte, ob ich zum Tanz mitkomme. Ich sah meine Mutter fragend an – obwohl ich schon zwanzig Jahre alt war –, und sie erlaubte mir, für kurze Zeit mitzugehen. Wir erfuhren in der kurzen Zeit so viel voneinander. Beim Tanzen erfuhr ich, dass seine Eltern nicht mehr lebten, er 29 Jahre alt sei und eine Frau fürs Leben suche. Er bewirtschaftete seinen Hof fast alleine, eine alte Tante führte ihm den Haushalt. Als wir drei Tänze getanzt hatten, stand meine Mutter an der Saaltüre und gab mir durch Zeichen zu verstehen, wir müssten nach Hause gehen. Der schöne Nachmittag war vorbei.

Von der Landjugend wurde ich inzwischen zur Bezirksleiterin gewählt, ich war viel unterwegs mit dem Fahrrad. In unserer Gruppe machten wir einen Wettbewerb im Nudelmachen. In den anderen Ortsgruppen war ich bei der Jury, in unserer war ich selbst Teilnehmerin. Es wurde ja alles händisch gemacht. Ich hatte den Vorteil, dass ich zu Hause schon immer die Teigwaren machen musste. Es wurden Suppennudeln, Bandnudeln und Fleckerln gemacht. Der Teig wurde aus 20 Dekagramm Mehl, einem Ei und etwas Wasser gemacht. Es wurde auch theoretisch geprüft. Bei den Nudeln kam es auf Sauberkeit, Schnelligkeit und Feinheit an. Ich wurde Siegerin, und der Bericht davon kam in die Zeitung. Franz hatte die Nachricht gelesen, und sein Interesse an mir stieg. Er war damals Bezirkskammerrat bei der Bauernkammer.

Im September 1952 veranstalteten wir von der Landjugend in den Weinbergen bei einem Gasthaus ein Weinlesekränzchen. Unsere Wirtschaftsberaterin und ich gingen zu Fuß hin. Auf diesem Weinlesefest waren auch die beiden Brüder Franz und Willi Windisch. Willi war der jüngere Bruder und in meinem Alter. Auf dem Fest ging es schon flott rum, denn wir waren etwas später gekommen, da wir vorher noch in einem anderen Ort bei der „Nudelbewertung“ waren. Diese halbe Nacht bis 2 Uhr früh tanzten fast ausschließlich die beiden Brüder mit mir, es kam kaum ein anderer Bursche dazwischen. Natürlich gefiel es auch mir. Es gab aber noch kein Näherkommen. Die Wirtschaftsberaterin und ich gingen nach Hause, sie konnte bei uns schlafen.

Am nächsten Morgen an der Milchsammelstelle war schon das Gespräch von den beiden Windisch-Brüdern und von mir im Gange, als ich dazukam. Es war nochmals eine lustige Unterhaltung. Mich wunderte nur, dass Großmutter es nicht erfahren hatte. Aber alle kannten diese strenge Frau und hüteten sich vor ihr. Sie ging nicht unter die Leute, und so erfuhr sie es auch nicht. Ich durfte da ja überall mitmachen, weil wir immer gemeinsam in Gruppen waren. Außerdem war sie stolz, dass ich die Funktion als Bezirks- und Ortsgruppenleiterin innehatte. Großmutter war eine intelligente Frau, sie war gelernte Schneiderin und arbeitete in der Landwirtschaft nicht viel mit. Es kamen aber viele Besucher zu uns.

Zu Allerheiligen kamen Franz und ich einander etwas näher. Der Allerheiligentag war ein Samstag, so wäre der Allerseelentag auf den Sonntag gefallen. Aus kirchlicher Sicht wurde das anders gemacht, ich weiß nicht warum. So wurde am 2. November, am Sonntag, der Allerheiligentag gefeiert, und der Allerseelentag am 3. November. Auf dem großen Friedhof waren hunderte von Menschen, doch das Schicksal führte uns zusammen.

Als die Feier auf dem Friedhof zu Ende war und die Leute den Friedhof verließen, trafen auch Franz und ich wieder aufeinander. Wir sahen einander und ließen uns nicht mehr aus den Augen. Wir gingen zusammen vom Friedhof weg und miteinander nach Ilz, und Franz lud mich auf ein Glas Wein ein. Er begleitete mich dann nach Hause zu den Großeltern, es war nur ein Kilometer Fußweg. Es wurde schon dämmerig, als wir Richtung Neudorf gingen. Wir wussten beide, wie es um uns stand, doch Franz war etwas unbeholfen, so musste ich nachhelfen. An der Stelle, wo man weder von dort noch da gesehen werden konnte, sagte ich zu ihm, jetzt müsse er wohl umkehren. Da schlang er seine Arme um mich und küsste mich behutsam. In mir stieg ein Glücksgefühl hoch.

Da es ohnehin schon fast finster war, begleitete mich Franz bis zum Haus. Großmutter wartete schon mit finsterem Gesicht vor der Haustür und sah, mit wem ich da nach Hause kam. Franz begrüßte sie noch – sie kannten einander doch vom Ball –, und er verabschiedete sich auch sogleich, denn er hatte noch weit nach Hause. Er wohnte sechs Kilometer weit weg.

Als ich im Haus war, ging ein Donnerwetter auf mich nieder. Großmutter schrie mich an: Was mir einfalle! So spät noch mit „Mannsbildern herumzuschlapfen“! Ich solle dazuschauen, das Schweinefutter zu richten.

Erstens war es erst etwas nach 17 Uhr, und zweitens war es nur ein Mann! Und ich war 20 Jahre alt. Doch ich durfte nichts sagen. Ich zog mich rasch um, ich musste noch die Rüben für die Schweine schneiden. Großvater arbeitete im Kuhstall. Großmutter wusste immer und überall etwas auszusetzen, und die berühmte Laus lief ihr ständig über die Leber. [...]

ein junges Paar auf einer Wiese sitzend
Maria Elisabeth und Franz Windisch kurz vor ihrer Hochzeit (1953)
Informationen zum Artikel:

"Und die Liebe, die kam nicht zu kurz!"

Verfasst von Maria Elisabeth Windisch

Auf MSG publiziert im September 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Oststeiermark, Ilz, Großwilfersdorf, Herrnberg
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textbeitrag ist dem von Toni Distelberger herausgegebenen Erinnerungsbuch "Von der Liebe erzählen. Sechs Lebensgeschichten von Frauen", S. 223 ff., entnommen.

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