Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > 82 Bücher

Als mein Vater starb ...

von Herta Laenger

... war ich drei Jahre alt. Er hat mir ein Leben lang gefehlt. An die Zeit, in der Vati auf Fronturlaub nach Hause kam und für wenige Tage endlich Mutti und mir gehörte und nicht diesem gottverdammten „Führer“, erinnere ich mich kaum. Als der Krieg zu Ende war und das Leben in der Welt sich wieder allmählich zu normalisieren begann, war seines zu Ende. Er starb eineinhalb Jahre nach Kriegsende mit nur 38 Jahren an Lungenkrebs. Ich war noch zu klein, um den Tod an sich zu begreifen. Ich fühlte nur schmerzhaft die Abwesenheit meines Vaters, konnte nicht verstehen, dass er nicht mehr da war. Damit meine Mutter mit mir nicht immer von Leibnitz, wo wir damals lebten, nach Graz fahren musste, um Vati im Krankenhaus zu besuchen, wohnten wir kurz vor seinem Tode und auch noch danach bei Verwandten in Graz. Wie verlassen ich mich nach seinem Tode fühlte und wie hilflos meine Mutter mit dieser Situation umging, geht aus einem Brief hervor, den sie an Lucie, die Schwester meines Vaters, die in der Schweiz lebte, schrieb:

„Herta plappert nun immer von Vati! Gestern sagte sie, morgen fahre ich nach Leibnitz nachschauen, ob Vati zuhause ist und ob er schon wieder gesund ist. Dann fragt sie, ob Vati noch im Spital ist. Ich bringe es einfach nicht über das Herz, ihr zu sagen, dass Papa nicht mehr kommt. Sie ist zwar noch sehr klein, aber es kommt ihr anscheinend doch etwas nicht richtig vor.“

Erst viel später tauchten allmählich die vielen Fragen auf, die ich mir stellte, wenn ich an meinen Vater dachte. Was für ein Mensch war er? Habe ich sein Leben bereichert und wie wäre mein Leben verlaufen, wenn er mich ein längeres Stück hätte begleiten können? Hat er mich so bedingungslos geliebt, wie er meine Mutter liebte? Die Antworten darauf versuchte ich in den Briefen zu finden, die er hinterlassen hat. Briefe, die Jahrzehnte lang von meiner Mutter in einer abgegriffenen, rosa Mappe im obersten Fach unseres Kleiderschrankes verwahrt wurden. Dort, wo sie unerreichbar waren für ein Kind. Sie hat nie mit mir über diese Briefe gesprochen, auch später nicht, als ich schon erwachsen war.

Das größte Drama im Leben meiner Mutter war, dass sie den frühen Tod meines Vaters nie überwunden hat. So schrieb sie nach dem Tode meines Vaters an ihre Schwägerin, Lucie, in der Schweiz:

„Mir kommt es vor, als wäre mein Herz gebrochen. Als einziger Trost bleibt mir meine Tochter. Herta ist mir das lebende Andenken an Alex. Das Leben wird für mich ein schwerer Kampf werden, aber ihr zuliebe muss ich die Kraft auf bringen“.

Und meine Mutter hat gekämpft..., so gut sie es eben konnte als eine dem Kummer erlegene Witwe, deren einziger Lebensinhalt ihr Kind war, das ihr alles ersetzen sollte, was ihr das Leben genommen hatte. Aber so, wie sie mir die Liebe meines Vaters nicht wiederbringen konnte, war es mir nicht möglich, ihr die verlorene Liebe ihres Mannes zu ersetzen und damit Geborgenheit und Sicherheit zu schaffen.

Nach ihrem Tod mit nur 52 Jahren, erinnerte ich mich der Briefe meines Vaters. Diese Briefe haben viele Fragen beantwortet, aber noch mehr blieben offen, denn die Briefe ergeben nur Momentaufnahmen aus seinem Leben, das nun vor mir liegt wie ein bruchstückhaftes Mosaik. Aber so wie jedes Mosaik Zeugnis ablegt von vergangenen Kulturen, so legen die Briefe meines Vaters Zeugnis ab, von dem gnadenlosen Existenz- und Überlebenskampf, den nicht nur meine Eltern zu führen hatten, sondern Millionen Menschen dieser Generation, deren Leben von einem grausamen Weltgeschehen überschattet wurde. Gleichzeitig sind diese Briefe auch das Vermächtnis der unerschütterlichen Liebe, die mein Vater für meine Mutter vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an empfand und die er bis zu seinem Tode, unter den schwierigsten emotionalen und existenziellen Bedingungen bewahrte. Mit Emi verband ihn eine Liebe, die mitunter einer „Achterbahn“ der Gefühle gleichkam, aber sie überdauerte alle Missverständnisse und Zerwürfnisse, die sie auszutragen hatten und die wohl kaum einem Paar erspart bleiben.

Dazu kamen die langen, kriegsbedingten Trennungen, die Emi nur schwer verkraften konnte. Das Zittern um Alex und Zukunftsangst untergruben bald ihre ohnehin schwächliche Gesundheit. Mit seinen Briefen versuchte Alex, ihr zumindest aus der Ferne emotionale Sicherheit zu vermitteln, wenn er schon nicht bei ihr sein konnte. Und er feilschte um jeden Urlaubstag, um mitunter nur für einige Stunden in Emis Arme zu eilen.

Zwischen dem Kennenlernen meiner Eltern und dem Tod meines Vaters, lag eine Zeit, die geprägt war von Wirtschaftskrise, enormer Arbeitslosigkeit und einem verbrecherischen politischen System, das die Menschen in einen infernalischen Krieg hineinmanövrierte. Alex hatte all das durchkosten müssen, eines konnte ihm jedoch niemand rauben: Die Hoffnung auf eine bessere Zeit. Diese Hoffnung zieht sich durch seine Briefe wie ein roter Faden. Aber er hat nicht nur gehofft, sondern auch gekämpft. Immer wieder um seine Existenz, seine Liebe zu Emi, dann im Krieg, der mit ihm verhältnismäßig schonungsvoll umgegangen ist und gegen den Krebs … einen Kampf, den er leider in viel zu jungen Jahren verlor.

Als er meiner Mutter das erste Mal in Graz begegnete, war er 25 Jahre alt und von ihr, der 20-jährigen, reizenden blonden und blauäugigen Schönheit aus Kärnten hin und her gerissen. Wie Fotos belegen, war besagtes Fräulein Emi bildhübsch. Als in späteren Jahren in ihrem Freundeskreis Jugenderinnerungen ausgetauscht wurden, kam heraus, dass sie es verstand, bei jedem Lächeln ihre hinreißenden Grübchen spielen zu lassen, die ihre pfirsichfarbenen Wangen zierten. Dieses unwiderstehliche Attribut legte ihr reihenweise die jungen Verehrer zu Füßen. Sie jedoch traute deren Geflunker nicht ... bis Alex kam, der unrettbar in sie verliebt, sich zum Ziel gesetzt hatte, ihr die Welt zu Füßen zu legen ... koste es was es wolle. Dass es um sein Barvermögen in der damaligen tristen Wirtschaftssituation, die durch eine galoppierende Inflation und enorme Arbeitslosigkeit gekennzeichnet war, nicht besonders glänzend stand, geht bereits aus seinem ersten Brief hervor.

Graz, 23. Aug. 1933

Liebes Emerl!

Nachdem ich gestern von Wien kommend in Graz eingetroffen bin, habe ich mein gesamtes bewegliches Besitztum gleichmäßig in sämtliche Münztelefone verteilt, ohne die so heiß ersehnte Verbindung mit Dir herstellen zu können. Da infolge höherer Gewalt sämtliche Drähte zerrissen sind, verwende ich jetzt den Rest meines einst glänzenden Vermögens zum Ankauf einer Briefmarke, um Dir folgendes mitteilen zu können: Ich habe den dritten Band von Alexandra Rachmanowa, „Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“ ergattert. Bitte, betrachte das Buch nicht als verpflichtendes Geschenk, sondern lediglich als kleine Aufmerksamkeit zu Deinem 20. Geburtstag am 26. August. Aber eigentlich müsste man zu diesem Tag nicht Dir, sondern Deiner Mutter gratulieren.

Da ich keine Möglichkeit habe, Dir das Buch zu bringen, musst Du so lieb sein und es selbst holen. Falls Dir das nicht möglich ist, läute ich Dich Samstagvormittag auf. Auch zwecks Entwurf weiterer Feldzugspläne bezüglich des Verkaufs Deiner Spritz- und Batikarbeiten in Wien. Sollten die diversen Telefondrähte bis dahin noch nicht geflickt sein, so erwarte ich Dich abends um halb acht Uhr wie gewöhnlich. Bis dahin bleib schön brav.

In großer Sehnsucht, Dein Alex

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Als mein Vater starb ...

Verfasst von Herta Laenger

Auf MSG publiziert im Juni 2012

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz, Leibnitz
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt die Einleitung der Autorin zu ihrem Buch "In großer Sehnsucht, Dein Alex. Briefe, die von Liebe, Krieg und Hoffnung erzählen" (S. 5-9), erschienen 2011 im Internationalen Literatur und Lyrik Verlag, wieder.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.