Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > 82 Bücher

Wir mussten das Ärgste befürchten

von Gottlieb Pomberger

(...) Es war am 15. März 1913, als mein Jahrgang (1892) zur Assentierung nach Bad Ischl gerufen wurde. Ganz wider mein Erwarten wurde ich nebst mehreren anderen Kameraden als tauglich befunden. Da ich von meiner Kindheit an mit einem Leistenbruch behaftet war und auch zur Zeit der Stellung diesen noch als ungeheilt betrachtet habe, hoffte ich auf eine Irrung der Kommission und begab mich deshalb gleich die nächsten Tage, schon der Neugierde halber, zu einem Zivilarzt nach Bad Ischl, um mich gründlich auf mein Leiden untersuchen zu lassen. Zu meinem Erstaunen konstatierte auch dieser nur mehr ganz geringe Anzeichen von einem in völliger Heilung begriffenen Leistenbruch. Jetzt musste ich freilich daran glauben, mich drei Jahre der militärischen Knechtschaft zu unterziehen.

Porträt eines Soldaten in Uniform
Gottlieb Pombergers Wunsch, für den Wehrdienst untauglich zu sein, erfüllte sich nicht. Er musste im Herbst 1913 zum 2. Tiroler Landesschützenregiment nach Bozen in Südtirol einrücken.

So kam ich Mitte September 1913 in den Besitz meiner Einberufungskarte zum 2. Tiroler Landesschützenregimente, welches damals in Bozen in Südtirol lag. Es war der 7. Oktober 1913, als wir, vier Gosauer Kameraden und ich, uns in der Hellbrunner Kaserne in Salzburg der Präsentier- oder Nachstellung zu unterziehen hatten. Am 6. Oktober nahmen wir Gosauer Kameraden von Gosau Abschied, nächtigten in Salzburg und wurden pflichtgemäß am 7. Oktober in der besagten Kaserne stellig.

Nach unserem zweiten Tauglichkeitsbefund wurden wir regimentsweise zusammengestellt und nach mehrstündigem Herumlungern auf dem Kasernenhof gegen Abend einwaggoniert und abtransportiert nach Bozen, woselbst wir am nächsten Tag gegen Mittag ankamen. Noch vor unserem Ankommen in Bozen musste ich von allen meinen Gosauer Kameraden Abschied nehmen, da einige dieser Kollegen schon in Salzburg zurückgeblieben waren, einige aber noch weiter gegen die italienische Grenze zu fahren hatten.

Am selben Tag noch (8. Oktober) wurde ich der 4. Kompanie zugeteilt, woselbst ich gleich zwei weitere Rekruten als gute Freunde fand, und zwar waren dies Rudolf Daxner aus Ebensee und Franz Meyer aus Vöcklabruck. Wir drei waren wie Brüder. Überall konnte man uns drei während unserer freien Zeit zusammen sehen.

So gingen denn nun die mit dem Militärleben, welches berechtigterweise als Sklavenleben galt, verbundenen Schmerzen an. Es kam die gefürchtete Ausbildung, die mit nicht wenig Sekkaturen verbunden war. Volle fünf Wochen hatten wir keinen wie immer gearteten freien Ausgang, wogegen die Strapazen während dieser Zeit keine unbedeutenden waren. Erst nach Ablauf der sechsten Woche durften wir in Begleitung einer Charge sonntagnachmittags auf kurze Zeit ausgehen, und erst nach einer weiteren Woche gedieh der Freiheitssinn unserer Offiziere so weit, dass wir alleine ausgehen konnten und bis 7 Uhr abends ausbleiben durften. Von diesem Tage an war es dann schon etwas leichter, da auch die Bosheiten und Feindseligkeiten der älteren Soldaten ab diesem Momente geringer wurden.

Ganz überraschend kam am 16. Dezember der Befehl, dass von jeder Kompanie 13 Mann wegen Standesüberzahl bis 1. April 1914 beurlaubt werden, und zwar werden diejenigen darauf Anspruch haben, die wegen Familienverhältnissen um Übersetzung in die Ersatzreserve angesucht haben. Da kam nun auch ich in Betracht, hatte doch mein damals 70 Jahre alter Vater ein derartiges Ansuchen mit Rücksicht darauf, dass mein Bruder Balthasar zu dieser Zeit ebenfalls aktiv diente, eingebracht.

Gleich am 17. Dezember rüstete ich ab. So schnell aber, wie ich hier schreibe, ging das Abrüsten nicht, denn ich verstand es nicht, dass ein Urlaubsgeher nur den „Gelben“ etwas zu „spicken“ brauchte, um ungeniert das Weite suchen zu können. Weil ich diese Bestechung eben unterlassen habe, wurde mir das Gewehr vielleicht viermal zurückgeworfen mit der Weisung, es ordentlicher zu reinigen. Ich gab mir Mühe und abermals Mühe, und das Gewehr war immer noch nicht rein, natürlich nur nach Ansicht des „Gelben“. Ich wurde schon fast verzagt bei dieser Sache, bis mir ein Unterjäger Namens Beilsteiner zuflüsterte: „Hau iahm zuawö a K.“ Ich kannte mich auf diesen Wink gleich aus und gab ihm wirklich diese Krone, worauf das Gewehr übergenügend rein war.

Hierauf wurde mir mein Zivilanzug herausgegeben, und ich konnte schon mit dem Nachmittagszuge abfahren. In Salzburg musste ich mangels eines Anschlusses nächtigen und kehrte folglich erst am 18. Dezember ganz unverhofft in mein Heimattal zurück. Nur allzu schnell verging dieser Urlaub. Schon zeigte der Kalender den 31. März 1914 und ich musste von meinen Angehörigen wieder Abschied nehmen, da ich mich doch am 1. April 1914 wieder bei meiner Kompanie zu melden hatte. (...)

Informationen zum Artikel:

Wir mussten das Ärgste befürchten

Verfasst von Gottlieb Pomberger

Auf MSG publiziert im September 2012

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Traunviertel, Gosau, Bad Ischl / Italien, Südtirol/Alto Adige, Bozen
  • Zeit: 1913 bis 1914

Anmerkungen

Der Textbeitrag gibt einen kurzen Ausschnitt aus den Erinnerungen des Autors wieder, die in dem Band "Des Kaisers Knechte. Erinnerungen an die Rekrutenzeit im k.(u.)k. Heer 1868 bis 1914", Wien-Köln-Weimar 2012, S. 186-189, von Christa Hämmerle herausgegeben wurden.

© Böhlau Verlag

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.