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Die „gottverfluchte, verdammte Schulbesuchserleichterung“

von Maria Gremel

Im Sommer des Jahres 1911, mit neuneinhalb Jahren, wurde Maria Gremel wie viele Kinder ärmerer, besitzloser Landfamilien jener Zeit zu einem Bauern in „Dienst“ gegeben, wo sie – als Gegenleistung für Kost und Quartier – vor allem als Kindermädchen beschäftigt wurde.

So lebte ich auf dem Bauernhof, es war eine große Familie, alle, die im Haus lebten, gehörten ihr an. Mit der Zeit gefiel es mir besser als bei meinen Eltern, wo doch alles viel dürftiger war.

In der Schule hatten wir eine Stunde Mittagspause, manchmal auch zwei, wenn eine Stunde ausfiel, da sollte ich meine Angehörigen aufsuchen. Doch ich rannte lieber mit den Schülern über Berg und Tal und spielte Räuber und Gendarm als heimzugehen.

Ob ich nun im Winter auf dem Eis rutschte oder im Herbst über Berg und Tal sprang, überall gingen dabei die Schuhe kaputt. Das aber sollten sie nicht. Wer kann aber ein springlebendiges Kind anhängen? Im nächsten Moment war die Warnung vergessen.

Mein Vater ging mich oft suchen oder paßte mich irgendwo ab, wenn ich nicht nach Hause kam. Einmal erwischte er mich beim Eisrutschen am Zöbernbach. Diesmal bekam ich Schläge, wenn auch sonst kaum einmal. Ich konnte das mit den Schlägen ja noch nicht verstehen, daß man deswegen auf ein so schönes Vergnügen verzichten sollte.

Es kam zum ersten Mal zu einer Debatte zwischen meinem Dienstherrn und meinem Vater. Er verlangte, daß ich Schuhe bekommen sollte. Der Bauer aber weigerte sich und sagte: „Man hat den Fratzen sowieso nur zum Fressen.“ Obwohl ich stets genug zum Essen hatte, wie bereits erwähnt, war das ausschlaggebend, wenn es ums Geld ging, da ja keine der beiden Seiten solches besaß.

Wenn ich heute das alles überdenke, glaube ich schon, daß ich soviel gearbeitet habe - was man mit diesem Alter eben leisten kann -, daß ich mir Schuhe verdient hätte. Mußte ich doch aufs Feld gehen, Wasser und Jause zu den Leuten tragen. Kleidung bekam ich ohnehin keine, solange ich zur Schule ging. Diese Vorhaltung mit dem Fressen machte auf mich einen tiefen Eindruck und tat mir im Innersten weh. Schuhe mußte mein Vater kaufen.

Nach und nach verstand ich beide Seiten und verstand auch mit Bitterkeit, daß Kinderarbeit nie bezahlt wird. Alles, was ich tat, hätte ein Erwachsener tun müssen, der sich wohl etwas verdient hätte, nicht aber ein Schulkind.

Immer weniger hatte ich Freizeit, immer mehr wurde ich zur Arbeit herangezogen, aber Schuhe bekam ich keine, solange ich die Schule besuchte. Es war keine Zeit mehr, die Schulaufgaben zu machen, so machte ich sie in der Mittagspause bei meiner Mutter. Manchmal aber hatte sie etwas zum Auswaschen. Mein Bruder tat zwar alles, aber gewisse, mit Blut befleckte Sachen konnte man eher einem Mädel in die Hand geben. Ein Bub würde unnötig fragen. An die Mädchen kommt das auf jeden Fall heran.

Das Wissen über solche natürliche Dinge des Lebens fehlte mir freilich gänzlich. In diesem Alter, wo heute schon jedes Schulkind über die intimsten Verhältnisse der Geschlechter aufgeklärt ist, stellt man selbstverständlich Vergleiche an.

Doch wenn ich nur einmal etwa länger stehenblieb beim Turnplatz mit allen Geräten, er war an dem Platz, wo in den Dreißiger Jahren die erste Passionsspielhalle erbaut wurde, wo ich mit Bewunderung den Buben beim Turnen zusah, gab es schon ein Geschimpfe, ob ich mich denn nicht schäme, den Buben zuzusehen.

Für uns Mädchen gab es kein Turnen in der Schule. So vieles gab es, worüber ich mich schämen sollte, nur konnte ich mir das Wort gar nicht deuten. Höchstens hob man das Kleidchen auf, das ja lange war, hielt es vor das Gesicht, um nachzudenken, was man verbrochen hat.

Meine Meinung von heute ist, daß man mit einem elf- bis zwölfjährigen Kind sehr wohl alles besprechen kann, das Verständnis dafür ist bestimmt da, nur die Entschlußkraft hat es noch nicht. Gar bald kommt man darauf, daß die Eltern ihre Welt für sich haben, von der die Kinder nichts wissen. Ebenso haben die Kinder ihre Welt für sich, in die sie die Eltern auch nicht eindringen lassen. Die Welt der Kinder ist eben eine andere.

Wenn man älter wird, kommt man darauf, daß es manchmal besser war, daß die Eltern nichts wußten. Die Eltern haben ihre Welt, die Kinder sind in eine andere hineingeboren, die die Großen oft nicht verstehen. Wir verstanden die Eltern auch oft nicht, sie sagten uns nie ihre Probleme oder Dinge, die an sie herantraten. Jeder Mensch hat eine Menge Heimlichkeiten, die nie jemand erfährt und ist auf diese Weise stets allein.

Schon in diesem Alter nahm ich mir vor, hätte ich selber einmal Kinder, werde ich versuchen, sobald sie es verstehen, ihnen zu erklären, warum man dies oder jenes nicht tun darf, nicht sich zu schämen. Wenn sie etwas nicht tun dürfen, muß man ihnen etwas anderes vorschlagen, was sie tun dürfen.

Heute glaube ich, mit dieser Methode ganz gut ausgekommen zu sein, und es freut mich, zu erleben, wie meine Kinder es mit den eigenen Kindern auch so machen.

Mein Vater war wenig zu Hause, Mutter aber sprach nie über persönliche Dinge zu uns. Wir hatten eben zu gehorchen. Wenn ich auch ein voll Leben sprudelndes Kind war, dachte ich doch über vieles lange nach. Besonders über den Schuhstreit, wußte nicht, wie ich mit dem Schock fertig werden sollte, daß das „Fressen“, nicht Essen, mir zum Vorwurf gemacht wurde.

Aber ich sollte diesen Vorwurf noch öfter hören. Vorerst nahm ich mir vor, die Schuhe zu schonen, nicht mehr auf dem Eis in die Schule zu rutschen, anstatt herum zu springen, steckte ich den Kopf in ein Buch, was ich ebenso gerne tat.

Der Winter ging zu Ende, der Frühling kam mit Blumen und Sonnenschein, und jeder soll sich schämen, der nicht fröhlich kann sein. So stand es im Liederbuch.

Fast zwei Jahre war ich nun schon vom Elternhaus fort, man gewöhnt sich allmählich an alles wie der Hund an die Schläge. So gewöhnte ich mich auch an alle Hausbewohner, wie auch an die ungarischen Hüterbuben, die aber jedes Jahr andere waren, daher wurde man auch nicht so vertraut mit ihnen wie mit den Nachbarskindern. Sie waren nur sechs Monate am Hof und mußten auch immer bei der Arbeit mithelfen, ich aber war Kindermädchen.

Unser kleiner Prinz konnte nun schon laufen, und es galt noch mehr auf ihn aufzupassen. Damit sie mich den ganzen Tag für das Kind haben konnten, wurde um die „Sommerliche Schulbefreiung“ [Sommerbefreiung] eingereicht. Es gab damals die allgemein eingeführte Befreiung vom ersten Mai bis ersten November. Der Oberlehrer nannte sie die „gottverfluchte, verdammte Schulbesuchserleichterung“, die ab dem zwölften Lebensjahr gewährt wurde.

Die Kinder vom Markt Kirchschlag, welche bei ihren Eltern zu Hause waren, konnten die Schule ganzjährig besuchen. Für die eigenen Kinder der Bauern wurde erst gar nicht eingereicht, nur die Dienstkinder waren betroffen. Man wollte eben auch Nutzen von ihnen haben und nur Schaden durch ihr „Fressen“.

Das hinzunehmen, sechs Monate nicht lernen zu dürfen, war für mich ein schwerer Schlag. Ich borgte mir wohl am Sonntag von anderen Kindern die Schulhefte aus und schrieb mir alles ab, doch wenn man nichts erklärt bekommt, kann man mit so manchem nichts anfangen. Kam man dann nach Allerheiligen wieder in die Schule und wurde gefragt, wußte man vieles nicht. Der Lehrer schalt und schimpfte über diese Einrichtung, durch die die Kinder so viel versäumten.

Im Zeugnis stand dann über zwei Viertel des Schuljahres geschrieben: „Unklassifizierbar, gänzliche Schulbesuchserleichterung!“

Es gab auch noch eine teilweise Befreiung, da konnten die Kinder zwei bis drei Tage in der Woche fehlen, die anderen Tage aber mußten sie zur Schule gehen. Aber auch das wurde mir nie erlaubt, ich sah die Klasse erst wieder nach dem ersten November.

Ach, es war so bitter, daß man immer zur Arbeit gebraucht wurde, nie mit den Mitschülern zusammen sein durfte! Die Arbeit war doppelt schwer, wenn man nur daran dachte, daß die Kameraden in der Schule sitzen und lernen dürfen. Doch was konnte man dagegen tun, auflehnen half ja doch nichts!

Schuhe gab es auch für die halbjährige Arbeitszeit keine, im Sommer kann man barfuß gehen, und im Winter ging ich ja zur Schule, dafür verdiente ich mir keine. Da war das Essen noch zu viel.

Schulzeugnis des Jahres 1914-15

Informationen zum Artikel:

Die „gottverfluchte, verdammte Schulbesuchserleichterung“

Verfasst von Maria Gremel

Auf MSG publiziert im April 2013

In: Schreibaufrufe, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt, Kirchschlag
  • Zeit: 1910er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Buch von Maria Gremel "Mit neun Jahren im Dienst. Mein Leben im Stübl und am Bauernhof, 1900-1930", S. 187-192. Mit Reflexionen über eigene Kindheitserlebnisse gibt die Erzählerin exemplarische Einblicke in die beschränkten Bildungsmöglichkeiten für Kinder ärmerer Bevölkerungsschichten jener Zeit. Die vorenthaltenen Bildungschancen in Kindheit und Jugend machten das Lernen für die Autorin zu einem Lebensthema, dem sie in späteren Jahren umso intensiver nachging.

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