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Unser Schrebergarten

von Christine Maisel-Schulz

Von 1937 bis 1958 hatten meine Eltern einen Schrebergarten in der Gurkgasse im 14. Wiener Gemeindebezirk. Als meine Eltern 1937 heirateten, hatte mein Vater ein wenig Erspartes und Mutter erzählte mir, dass er ihr freigestellt hatte, als Hochzeitsgeschenk von diesem Ersparten entweder einen Pelzmantel zu bekommen oder die Ablöse für einen Schrebergarten. Mutter entschied sich für den Schrebergarten, was sich später in den Kriegs- und Nachkriegsjahren als Segen fürs Überleben unserer Familie herausstellen sollte. Von der Wohnung in der Fenzlgasse 48 bis zum Schrebergarten musste man nur zwei Mal über die Straße gehen. Das war natürlich ideal, da viele Leute einen Schrebergarten weit weg von ihrem Wohnort hatten, und dieser dann natürlich nicht so intensiv genützt werden konnte.

1938, 1939 und 1940 kamen wir drei Mädchen zur Welt. Ich war die Jüngste. Im Sommer hat sich praktisch unser ganzes Leben im Garten abgespielt, nachdem die Wohnung nur aus Zimmer, Küche, Kabinett bestand, für unsere fünfköpfige Familie insgesamt 37 m². Interessanterweise hatte sogar noch ein Klavier darin Platz. Wasser und WC – nein, nicht WC, nur C, denn Wasser gab es nicht auf dem Klo – waren am Gang zur gemeinsamen Nutzung durch vier Parteien, das Wasser wurde mit der Wasserkanne von der Bassena geholt. Auf Grund dieser Wohnverhältnisse war der Schrebergarten von Anfang März bis Ende Oktober unser erweitertes Wohnzimmer. Für mich als die Kleinste wurde eine große Gehschule im Garten aufgestellt wurde. Diese war so riesig, dass wir zu dritt darin spielen konnten. Sogar unser Puppenwagen hatte darin Platz. Es war deshalb so angenehm, in der Gehschule zu spielen, weil sie auch einen Boden hatte, der angenehm warm und sauber war.

Die zweijährige Christine Maisel-Schulz mit Mutter und Großmutter. Das kleine Mädchen steht in einer großen Gehschule, im Hintergrund ist ein hoher Gitterzaun und ein Teil der Schrebergartenhütte zu sehen.
Christine Maisel-Schulz mit Mutter und Großmutter (1942)

Im Hintergrund kann man einen hohen Gitterzaun sehen, dahinter war ein kleiner abgegrenzter Teil des Gartens. An der Nordseite war dieser Teil abgeschirmt durch die Hüttenwand, ost- und südseitig war der Zaun und im Westen war eine undurchsichtige Planke zum Lagerplatz einer benachbarten Baufirma. In diesem abgegrenzten Teil des Gartens hat unser Vater eine Brause installiert, sodass wir im Sommer mit dem von der Sonne erwärmten Wasser eine angenehme Dusche nehmen konnten. Der durchsichtige Gitterzaun hatte so in ca. zwei Meter Höhe Häkchen, an denen ein aus weißen Leintüchern zusammengenähter Vorhang befestigt wurde, damit wir bei unserer Nacktkultur keine unerwünschten Zuseher hatten. Dieser Teil des Gartens war sozusagen unser sommerliches Badezimmer.

Die Familie sitzt mit Pfarrer Effenberger in der Gartenlaube rund um den weißgedeckten Tisch.
Sommer 1943

Der Bereich rund um die Hütte, begrenzt durch eine Laube,  war praktisch unser Wohnzimmer im Garten, wo auch Besuche empfangen werden konnten, denn in der Wohnung war es dazu viel zu eng und zu bescheiden. Demnach gab es vorwiegend im Sommer Einladungen, wie hier auf dem obigen Bild zu sehen, unser Pfarrer, Pater Effenberger von den Kalasantinern in der Reindlgasse im 14. Bezirk. Er war später Pfarrer in der Kalasantinerpfarre in Wolfsgraben, wo heute sogar eine Straße nach ihm benannt ist.

Die Familie von Christine Maisel-Schulz in der Gartenlaube, vorne die drei Mädchen, gleich angezogen, hinten die Eltern.

Wenn Besuch kam, wurden wir immer ganz adrett herausgeputzt und wir mussten folgsam und artig sein. Darauf legten unsere Eltern größten Wert. Manchmal hatten wir auch alle drei gleiche Kleider an, wie ebenfalls auf diesem Foto ersichtlich. Hier waren es zum Beispiel Strickkleidchen, die unsere Mutter selbst aus alter Wolle hergestellt hatte. Meistens waren jedoch nur zwei von uns gleich angezogen, denn die Kleider wurden immer von der Größten zur Mittleren und dann, je nach Wachstum, zu mir „weitergereicht“. Mutter nähte unsere Kleider immer selbst. Alte Sachen, was immer sie bekommen konnte, wurden aufgetrennt, gereinigt, gewendet und wieder zu Neuem verarbeitet. Sie war darin wirklich eine Künstlerin. Not macht eben erfinderisch.

Im abgegrenzten Bereich des Gartens gab es bei der Wasserleitung ein Schaff, wo Mutter im Sommer die Wäsche waschen konnte oder wir ein „Vollbad“ nehmen konnten. Es war alles wunderbar durchdacht und mit einfachsten Mitteln hergestellt.

Der restliche Teil des Gartens – es war insgesamt eine zweieinhalbfache Schrebergartenparzelle – diente dem Obst- und Gemüsebau. Fein säuberlich ausgemessene Beete wurden von Vater angelegt, die Wege waren mit Kies bedeckt und die Beete mit Sedum umgrenzt. Das ist eine Kriechpflanze, die nicht sehr wuchert, aber die Beete sehr gut befestigt, sodass bei Regen die Erde nicht abgeschwemmt wird. Wenn ein Beet neu bepflanzt wurde, wurde immer zunächst eine Rebschnur entlang dieser Befestigung gespannt und der überwuchernde Sedum mit einem Spaten liniengenau abgestochen bzw. wenn sich vielleicht irgendwo Lücken ergaben, wurden diese mit den abgestochenen Setzlingen ausgebessert und neu begrünt.

An der Nordseite jeden Beetes wurden in genauen Abständen Tomaten gesetzt und die Pflanzen auf Stecken aufgebunden. Das Setzen der Tomaten und der Stecken war jedes Jahr im Mai nach den Eismännern eine besondere Zeremonie.

Blick durch den Garten: man sieht Bäume, Sträucher, den Gartenweg und eine Menge Paradeisstecken im Hintergrund.

 Im Frühjahr wurden jedes Jahr die Stecken neu gestrichen und das musste ganz genau sein, nämlich der Teil, der in die Erde kam, wurde geteert, die obersten 20 Zentimeter wurden weiß gestrichen und dazwischen grün. Die Reihen mussten ganz genau sein. Der erste und der letzte Stecken einer Reihe wurden zunächst in die Erde eingeschlagen, dann wurde dazwischen eine Schnur gespannt, alles mit der Wasserwaage ausgemessen und entlang dieser Schnur wurden in genauen Distanzen von 50 cm die anderen Stecken in die Erde geschlagen. Ich glaube, dass Vater der Meinung war, dass vielleicht die Paradeiser nicht so gut werden, wenn da ein Stecken nicht richtig in „Reih und Glied“ steht. Als Pflanzhilfe gab es einen zwei Meter langen hölzernen Maßstab, auf dem genau die Distanzen für die verschiedenen Gemüsesorten markiert waren; für Paradeiser 50 cm, für die Reihenabstände von Buschbohnen 30 cm,  Spinat 15 cm, usw.

Die Mutter von Christine Maisel-Schulz im Garten beim Aufbinden der Tomaten

Über den jährlichen Anbauwechsel wurde von Vater genau Buch geführt, nur die Paradeiser standen immer am gleichen Platz. Man könnte sagen, dass unser Schrebergarten ein richtiger Schaugarten war, der auch von allen Leuten der Umgebung bewundert wurde. In jedem Beet wurde ein anderes Gemüse gepflanzt, und zwar ein ganzes Beet komplett! Die Folge war, dass natürlich immer ein bestimmtes Gemüse ziemlich zur selben Zeit reif wurde. Dann gab es zum Beispiel ein oder zwei Wochen nur Spinat oder Salat oder nur Kohl oder nur Kraut in allen Variationen, die Mutter so eingefallen sind. Sie war darin wirklich erfinderisch.

Es gab klarerweise auch Obstbäume. Einen Kirschenbaum mit herrlichen Herzkirschen. Zur Erntezeit bekamen wir manchmal am Abend nur ein Stück Brot, kletterten in den Kirschenbaum und genossen eine herrliche Mahlzeit hoch oben in den Zweigen. Dabei gab es das beliebte Spiel, wer die Kerne am weitesten spucken konnte.

Vater hat zur Geburt jeder seiner Töchter einen Baum gepflanzt. Meine älteste Schwester hatte einen Zwetschgenbaum bekommen. Dieser war hochgeschossen, ebenso wie meine Schwester auch und hatte gute Früchte. Für Fini, die Mittlere von uns Dreien, wurde ein Marillenbaum gepflanzt, der so herrliche, volle, pausbackige Früchte trug, genau wie Fini, die auch immer rote Backen und ein rundliches Gesicht hatte. Für mich wurde ein Pfirsichbaum gepflanzt, der nicht und nicht wachsen wollte und auch nur wenige Früchte trug. Im Jahr 1948, als ich selbst Tuberkulose bekam, kaum mehr Überlebenschancen hatte und als letzte Hoffnung von der Caritas nach Spanien zur Erholung und Genesung geschickt wurde, ist auch mein Pfirsichbäumchen eingegangen. Ich war sehr traurig darüber, dass ich jetzt keinen „Lebensbaum“ mehr hatte.

Mutter und Vater konnten sich keinen Urlaub leisten. Unser Schrebergarten war ihnen Arbeit und Freizeit und Urlaub zugleich. In der Kriegszeit war Vater eingerückt und die ganze Last lag in den Händen und auf den Schultern meiner Mutter. Es war sicherlich eine schwere Zeit für sie, mit drei kleinen Kindern die Kriegsjahre zu erleben. Wir waren sehr arm, aber der Schrebergarten hat uns über die ärgste Not gerettet. Für den Winter wurde natürlich eingekocht – Kirschenkompott, Marillenmarmelade, Zwetschgenmarmelade, in Rexgläsern wurden Marillen, Zwetschgen und Fisolen eingelegt. In der kleinen Wohnung war natürlich nicht viel Platz zum Verstauen dieser Vorräte. Da wusste Vater auch zu helfen und hat in dem kleinen Vorzimmer oberhalb des Türstocks eine kleine Stellage gebaut, wo dann das Eingekochte hinter einem dunklen Vorhang aufbewahrt wurde.

Im Schrebergarten gab es entlang des Weges vom Eingang bis zur Hütte auch Blumen. Die wurden dann dazu verwendet, das karge Wirtschaftsgeld ein wenig aufzubessern. Einerseits verkaufte Mutter Rosen an Blumenhandlungen für Kränze und andererseits mussten wir wohlhabenden Leuten in der Umgebung einen Strauß Blumen bringen in der Hoffnung, ein wenig Geld dafür zu bekommen. Das war eine Tätigkeit, die wir drei Mädchen unterschiedlich gern bzw. nicht gern gemacht haben. Resi, die Älteste tat es nicht gern. Ich glaube, sie kam sich zu gut dafür vor. Fini war vielleicht zu schüchtern dazu, als dass sie es gern getan hätte, nur ich tat es mit Begeisterung. Ich hatte schon bestimmte Leute in der Umgebung, von denen ich immer sehr lieb begrüßt wurde: „Ja Christerl, das ist aber ganz lieb von dir, dass Du an mich denkst und mir wieder Blumen bringst. Komm doch ein bisserl rein und erzähl mir, was es Neues gibt.“ Und schon war die Kommunikation im Gang. Besonders beliebt war ich bei älteren, allein stehenden Damen. Ich glaube, dass ich nicht nur Blumen zu ihnen brachte, sondern auch ein wenig Sonnenschein in dieser traurigen Zeit. Meistens bekam ich dann 10 oder gar 20 Schilling, die damals für uns eine Zubuße und wirklich viel Geld waren. Besonders ein paar Tage vor dem Letzten des Monats wurde ich häufig zum Blumenbringen ausgeschickt. Man könnte natürlich auch sagen, dass das eine Form des Bettelns war, aber zum Betteln wäre meine Familie viel zu stolz gewesen und wir haben das auch nie so empfunden. Ganz im Gegenteil, ich glaube, dass uns diese Leute gerne geholfen haben, weil sie meine Eltern bewundert und hoch geachtet haben, wie sie für uns drei Mädchen gesorgt haben. Heute weiß ich, dass ich meistens ein paar Tage vor dem Letzten eines Monats zum Blumenaustragen geschickt wurde …

Als wir im Jahr 1958 die Kündigung bekamen und innerhalb kurzer Zeit unseren geliebten Schrebergarten räumen mussten, habe ich meine Eltern weinen gesehen. Es wurde uns zwar ein Ersatz angeboten, den wir auch angenommen haben, damit wir unser ganzes Gerät (und natürlich auch die ca. 100 fein säuberlich gestrichenen Paradeisstecken) in einer kleinen Hütte lagern konnten. Aber es war nur eine Zwischenlösung, denn dieser neue Schrebergarten war am Rosenhügel im 13. Wiener Gemeindebezirk und mangels guter Verkehrsverbindungen nur sehr schwer erreichbar.

Nachdem wir den ersten Schock überwunden hatten, sind wir alle beisammen gesessen und haben überlegt, was wir tun könnten, um ein kleines Fleckchen Erde irgendwo zu kaufen, das uns dann auch niemand mehr wegnehmen kann. Jeder Schilling musste gespart werden und jede Möglichkeit, ein wenig zusätzlich zu verdienen, wurde wahrgenommen. Wir waren uns nicht einmal zu schade, im Winter bei der Gemeinde Wien in den Abend- und Nachtstunden oder am Samstag Schnee schaufeln zu gehen. Einige Zeit haben wir für einen Adressenverlag abends und am Wochenende Adressen im Akkord geschrieben. Wir kamen auf über 200 beschriftete Kuverts pro Stunde. Am liebsten waren uns kurze Adressen, wie zum Beispiel „Linz Landstr.“ oder „Linz Wiener Str.“, das ging sehr schnell und wir bekamen ja pro Stück bezahlt. Durch diesen Zusammenhalt der Familie war es uns schon ein Jahr später möglich, in Purkersdorf ein Grundstück zu erwerben, auf dem wir dann später auch ein Haus mit zwei Wohneinheiten gebaut haben, das noch heute das Zuhause meiner Schwester und mir ist.

Gerne hätten wir ein größeres Grundstück erworben, aber die 24.000 Schilling für 622 m² waren das Äußerste, was wir damals aufbringen konnten, und einen Kredit aufzunehmen, das war damals für uns einfach unvorstellbar. Die zweimalige Übersiedlung aller Gartengerätschaften und Materialien vom 14. in den 13. Bezirk und von dort nach Purkersdorf wurde übrigens zu Fuß auf einem massiven Leiterwagen durchgeführt.

Das linke Foto zeigt, dass mein Vater auch in Purkersdorf seinem Hobby gefrönt hat, und auf dem neuen Eigengrund die Tradition des Paradeispflanzens und insbesondere des Streichens und Setzens der Paradeisstecken fortgesetzt wurde. Natürlich waren auch hier die Beete millimetergenau angelegt, die Kanten mit Sedum befestigt und die Wege mit weißem Kies bestreut.

Informationen zum Artikel:

Unser Schrebergarten

Verfasst von Christine Maisel-Schulz

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk
  • Zeit: 1937 bis 1958

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