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Das Glasscherbenviertel

von Gerhard Kepplinger

(...) Der nächste Tag wird von mir für eine Erkundungstour durch das Glasscherbenviertel voll verplant, und so starte ich nach einer Tasse saurem Kakao, da über Nacht die Milch, die zwischen den Fenstern gelagert war, verdorben war.

Mein Weg führt als erstes zur Glasfabrik. Vor den großen, offenen Holztoren liegen riesige, halbkugelförmige, gläserne Gebilde, die zum Teil noch mit der umgebenden Schlacke rauchen. In den schmutzigen Räumen stehen einige verschwitze Männer in Unterleibchen und zerschlissenen Hosen und halten Rohre an den Mund, in die sie mit dicken Backen hineinblasen. Mit beiden Händen drehen sie die Rohre, so schnell es geht, und am Ende des Rohres hängt ein glühendes Stück Glas das sie gekonnt vergrößern. (...)

Zwei Männer am Glasblasen

Auf der rechten Seite sah ich eine Tür, die in einen hellen Raum an der Rückseite der Halle führte. Das interessierte mich mehr, und so ging ich um die „Glasbude“ herum auf die Rückseite des Gebäudes. Die ganze Rückseite war mit großen Glasfenstern versehen. In diesem Raum gab es riesige Regale in einem Abstand von fünf Metern, in  denen es nur so funkelte. Unmengen von geschliffenen Gläsern standen darin.

Zwischen den Regalen saßen auf den Schleifplätzen Männer, die die Gläser mit dem Schleifgerät mit Ornamenten und Mustern verzierten. Das möchte ich auch einmal können, da verdient man sicher viel Geld. Nach einer Weile machte ich mich wieder auf den Weg.

Ich hörte ein leises Klingeln. Danach suchend drehte ich mich um und sah in dem Gebäude nebenan, wie die Türe von dem KONSUM-Geschäft geschlossen wurde. Ich drückte meine Nase an die Scheibe des Geschäftes.

Auf dem Verkaufstisch standen einige große Gläser, gefüllt mit Zuckerl. Daneben ein Karton mit Bazooka-Kaugummi und nebenan lagen die kleinen, heiß geliebten Sigurd-Hefte. Schade, Geld habe ich keines, dachte ich mir, aber ich werde fragen, ob ich eines von diesen KONSUM-Papierfähnchen haben kann.

Gesagt, getan und gewonnen. Die Verkäuferin gab mir gleich zwei, und so rannte ich, an jeder Hand eines, mit ausgestreckten Händen wie ein Flugzeug (mit den zugehörigen selbst verursachten Geräuschen) in Richtung Alpenstraße.

Bei der O-Bus-Kehre bremste ich mit quietschenden Geräuschen ab und senkte meine „Flügel.“ Ein O-Bus mit der Bezeichnung „D“ stand mit seinem Anhänger gerade an der Haltestelle. Der Fahrer im Bus rauchte bei geöffnetem Fenster eine Zigarette. Im Anhänger saß der Schaffner und sortierte seine Fahrkarten.

Ich stellte mich auf die erste Treppe des Einstieges des Anhängers und machte mich durch ein lautes „Hallo“ bemerkbar. Der Schaffner drehte sich zu mir um. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Der Schaffner hatte ein kugelrundes Gesicht, und seine zwei Augen stachen wie kleine Knöpfe aus dem Gesicht. „Was kostet es für mich mit dem Bus mitzufahren, und wohin fährt er eigentlich?“ Der Schaffner erklärte mir, dass es für kleine Kinder wie mich 50 Groschen kostet, und der Bus führe in die Stadt, und wenn ich sowieso nicht mitfahren wolle, solle ich mich hinausscheren.

Er drückte auf dem Knopf und mit einem Zisch schloss sich  die Türe und ich konnte mich noch mit einem Sprung zurück retten. So ein blödes Kugelgesicht, nun war ich richtig sauer. Hatte er etwa gemerkt, dass ich mir das Lachen verbissen habe?

Ein Autobus, davor zwei Männer

Ich sah dem O-Bus nach, wie er die holprige Alpenstraße stadteinwärts fuhr. Weit entfernt sah ich noch ein Auto. Links der Straße waren Wiesen und weit weg in der Herrenau sah man die ersten Häuser. Auf der herüberliegenden Straßenseite war ab der O-Bus-Kehre eine mindestens hundert Meter lange Reihe von Kriecherlbäumen und dahinter sah man einige Baracken. Ich hatte ein bisschen Angst, denn mein Papa hat gesagt, ich solle dort nicht alleine hingehen.

Aber nun bin ich ja schon da, und außerdem werde ich bald sechs Jahre alt, also bin ich groß genug. Was soll´s, dachte ich mir, dann werde ich eben meine Erkundung fortsetzten. Aber zuvor werde ich mir noch die Haltestelle genau ansehen.

Gegenüber der O-Bus-Kehre war das Rasthaus Lisa. An der rechten Seite des Holzhauses bei der O-Bus-Kehre war ein kleines Geschäft, in dem es Knöpfe, Wolle und dergleichen gab. Daneben an der Straßenseite eine Trafik. Darin saß eine dicke Frau die mich freundlich ansah. Daneben war eine offene Türe. Ich ging hinein. Ein paar abgewetzte Holzbänke standen rechts und links und geradeaus war ein geöffnetes Glasfenster und dahinter ein kleines Geschäft.

Eine Frau mit einem weißen Arbeitskittel fragte mich was ich den möchte. Nun ja, mögen würde ich einiges, aber ich habe nichts. Sie sah mich mit einem etwas wehleidigem Blick an, als möchte sie meine Gedanken lesen. Sie griff in eine Schachtel neben dem Fenster, holte daraus eine lange Waffel, hob sie zwischen Zeigefinger und Daumen hoch, als wäre sie aus Glas und sagte: „Ausnahmsweise schenke ich dir eine“, und reichte sie mir von dem für mich zu hohen Fenster herab. Ich bedankte mich mit einem Lächeln und ließ mir vor dem Geschäft die wundervolle Waffel schmecken.

An der Außenwand des Warteraumes hingen Fotos und Kinoprospekte vom Glasenbachkino. Die Schauspieler von diesem Film, der angekündigt war, hießen: Katarina Valente und Peter Kraus, und viele andere Namen waren zu lesen. Ich habe diese Namen schon oft von meiner großen Schwester gehört. Egal, Tarzan ist tausendmal besser! Wenn ich einmal genug Geld habe, werde ich auch einmal in dieses Kino gehen und mir endlich einen Tarzanfilm ansehen. (...)

Informationen zum Artikel:

Das Glasscherbenviertel

Verfasst von Gerhard Kepplinger

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Salzburg/Umland, Mississippidampfer
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist Ausschnitt aus dem unveröffentlichten Manuskript "Das Glasscherbenviertel" von Gerhard Kepplinger.

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