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Vom dörflichen Hetzendorf in das modernere Neu-Gersthof

von Konrad Wassermann

Wir wohnten in einem kleinen, alten, fast ebenerdigen Häuschen, Wien XII., Hetzendorfer Straße 118, mit einem großen Garten, der sich hinter dem Hof bis zur Verbindungsbahn hinzog, mit Bäumen und Sträuchern wild verwachsen war und viel Spaß und Erholung in guter Luft ermöglichte. Viele Familienfeste wurden daher im Freien gefeiert.

Ein Kleinkind mit Spiegel und ein Kleinkind auf dem Schoß seiner Mutter
Frühe Kindheit in Hetzendorf, 1928

Ich erinnere mich noch gut an das rhythmische Räderklopfen der oftmals verkehrenden Dampfzüge, aber auch an das Gerumpel des knapp vor den Wohnungsfenstern vorbeifahrenden Zweiundsechzigers (Tramwaylinie 62, Kärntner Ring – Lainz, Wolkersbergenstraße).

Außer uns gab es im Haus nur die Hausfrau Guzmann, durch Haustorstufen und Flur getrennt; sie war selten zu sehen.

Unvergessen bleiben die Gänge zum winzigen Laden der „Milchfrau“ mit dem großen Milchbottich, zum Grünzeughändler MACHEDIK und auch ins Gasthaus KÖSLER mit Garten (Hetzendorfer Straße, Ecke Rosenhügelgasse). Beim KÖSLER beobachtete ich abends manchmal einen „Bierdippler“, der den Rest aus einem Faß in sein Reindl leerte... Haus 118 und alles andere sind längst verschwunden. Erinnerungen!

Durch Vermittlung einer Familie Utschik (Schweglerstraße) konnten wir 1932 in das soeben fertiggestellte Genossenschaftshaus der Bundesangestellten, Wien XVIII, Herbeckstraße 62 übersiedeln. Da ich all den Wirbel im sicheren Gewahrsam bei O-Mama am Währinger Gürtel 81/3/9 nicht mitzumachen hatte, war die Überraschung umso eindrucksvoller: das zweite Stiegenhaus; der Garten mit Obstbäumen, ein Aschenrondeau und Teppichklopf-Holzgestell auf Betongeviert; das dritte Stockwerk und der überall spürbare Lackgeruch der vielen weißen Türen mit ihren Messingarmaturen.

Die größte Überraschung war für mich jedoch die elektrische Beleuchtung aller Räume und der HERMES-Badeofen mit Gasbetrieb! In Hetzendorf hatten wir einen Luster mit Gas-Glühstrumpf im Wohnzimmer, eine Petroleum-Hängelampe mit weißem Schirm in der Küche und nur einen Gas-Rechaud auf dem Kohlenherd. Die zwei großen Zimmer und die Nebenräume (Vorzimmer, WC, Bad, Küche) boten auf 65m2 endlich Platz für alle unsere Aktivitäten und wurden von Mama hervorragend eingerichtet: gemütlich, heimelig, geschmackvoll, bürgerlich!

Und die Straßenbahn war auch nicht weit: In der Herbeckstraße fuhr die Linie E2 (Eckpergasse – Praterstern). Auf der „Vorortelinie“ der ÖBB gab es viele Güterzüge, im Sommer auch „Bäderzüge“ für Personen. Das Stationsgebäude von Otto WAGNER ließ man innen und außen verfallen.

Der Portalkran wurde täglich für die Verladung der PARTIK-Milchbehälter der „Alpenmilch-Zentrale“ eingesetzt. Vom Bahnhof ging es dann mit zweispännigen Pferdewagen die Herbeckstraße bergan bis zur Molkerei PARTIK, deren Schornstein heute noch aufrecht steht. Die PARTIK-Villa am Ende der Naaffgasse wurde beziehungsvoll nur die „Wasserburg“ genannt.

Den Hausparteien war die Benützung des „Gartens“ eigentlich nicht gestattet; nur die Hauswartfamilie Pötsch arbeitete und erholte sich darin. Die Colonia-Kübel standen unten in der Nische und wurden erst vor einigen Jahren „heraufgeholt“, als sie Räder bekamen, um einige Stufen zu ersparen. (...)

An der Ecke Schulgasse/Währinger Gürtel war (ist) eine große Zeigeruhr zu sehen: Sie dient(e) mit einem großen Pfeil als Reklame-Hinweis für das große Uhren-Fachgeschäft WATZL in der Schulgasse, ging als Nebenuhr vom Geschäft aus gesteuert immer genau und war abends beleuchtet. Nach 1938 wurde WATZL „arisiert“, doch die Uhr lief weiterhin. Erst in der Nachkriegszeit zog in das WATZL-Geschäft die „Fahrschule Michelbeuern“ ein: Die bisher schwarzen Zeiger vor weißem Zifferblatt  wurden rot bemalt, der Hintergrund auf Blau geändert. Mit der Beleuchtung war’s bald vorbei; dann ging die Uhr immer „falscher“ und gab vor einigen Jahren überhaupt den Geist auf. Seither wirkt die Werbung für die Fahrschule eher verludert und abstoßend. Aber wen stört das schon?

Ein einziges Mal stieg ich mit O-Mama und einer Petroleumlampe in den geräumigen Keller hinunter, um Holz und Kohle hinaufzutragen (wurde später direkt zur Wohnung in die „Kohlenkiste“ geliefert). Auf dem Dachboden war ich nie; wer weiß, was da alles gefunden worden wäre!

Überraschend war im Gersthofer Heim auch, dass alle Gas- und Stromzähler der drei Parteien eines Stockwerkes auf dem Gang in einem Schrank untergebracht waren. Dort schaute nur der „Kassier“ hinein, dessen Ablesungsdaten mit Zahlungsvermerk in einem eigenen Verrechnungsbuch eingetragen wurden, das vom Kunden aufzubewahren war. Damals marschierten viele „Gaskassiere“ mit namhaften Geldbeträgen durch die Gegend...

Informationen zum Artikel:

Vom dörflichen Hetzendorf in das modernere Neu-Gersthof

Verfasst von Konrad Wassermann

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 12. Bezirk, Hetzendorfer Straße 118 / Wien, 18. Bezirk, Gersthof
  • Zeit: 1927 bis 1932

Anmerkungen

Dieser Textausschnitt stammt aus den umfangreicheren Lebenserinnerungen von Konrad Wassermann "Streiflichter aus 66 Lebensjahren – 1927 bis 1993" (unveröffentlichtes Manuskript; im Bestand der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen), S. 1-3.

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