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70 Jahre in Penzing und Breitensee

von Brigitta Hafner

 

Obwohl ich jetzt schon seit vielen Jahren ausgezogen bin, träume ich manchmal von der Wohnung in Breitensee, einem Teil des 14. Bezirks, in der Sampogasse. Als meine Eltern dort eingezogen sind, war es ein neues Haus mit einer vornehmen Treppe und bunten Glasfenstern im Stiegenhaus. Wir hatten einen Hauswart, der jeden Schritt beobachtete, und eine Waschküche im Keller.

Da ist die Erinnerung an den Waschtag. Einen Tag vorher musste man – ich allein, oder mit der Mutter – hinunter in den düsteren Keller und den Holztrog in der Waschküche einweichen. Dann wurde auch die Wäsche eingeweicht. Am nächsten Tag wurde Feuer im großen Heizkessel gemacht, die Wäsche ausgekocht, dann gerumpelt und in fast kaltem Wasser etliche Schwemmvorgänge durchgeführt. Wenn ich beim Auswinden helfen sollte, bekam ich jedes Mal Schelte, weil bei mir zu viel Wasser in der Wäsche blieb.

Die saubere Wäsche haben wir dann auf den Dachboden zum Trocknen gebracht – fünf Stockwerke ohne Lift. Damals habe ich mir geschworen: Lieber nur Kartoffel essen, aber eine Waschmaschine muss dereinst ins Haus! Dabei war es schon ein Luxus, dass es in unserem Haus eine Waschküche gab und dass wir in der Wohnung Wasser und ein WC hatten. Aber wir hatten kein Bad.

Die gründliche Körperpflege erfolgte einmal in der Woche: die Prozedur mit Einweichen des Waschtroges, dann in den zweiten Stock tragen und in der Küche aufstellen. Das Wasser am Gasherd wärmen, etliche Häfen voll, und alle badeten in einem Wasser. Dann wieder kleinweis das Wasser ins WC ausleeren ... und den Waschtrog wieder in den Keller tragen.

Als wir Kinder älter wurden, gingen wir einmal wöchentlich ins Tröpferlbad, welches drei Straßenbahnhaltestellen weit entfernt war. Wir gingen dorthin zu Fuß, denn das Geld für eine Straßenbahnfahrt wurde gespart.

Nach der Besetzung der Wohnung durch die Franzosen konnten wir 1947 wieder heimkommen. Unsere abendlichen Spaziergänge führten uns oft in Richtung Steinbruchstrasse. Da kamen wir dann am Gasthaus „Zur alten Schmiede“ in der Kendlerstrasse vorbei. Meine Großmutter, geboren 1890, erzählte immer, dass dieses Gasthaus der Endpunkt einer Landpartie war, wenn sie mit ihren Eltern einen Ausflug von der Zollergasse im 7. Bezirk aus machte.

Auch als sie schon mit ihrem Mann verlobt war, kehrten sie dort oft ein. Sie trug damals lange Röcke und musste streng darauf achten, dass keine Wade beim Sitzen zu sehen war. Dieses urige Gasthaus ist noch immer erhalten und zwingt die Schanzstrasse beim Sporckplatz in eine verwegene Kurve.

Weiter oben bei der Steinbruchstrasse gab es ein Ringelspiel für uns Kinder. Um wenig Geld konnte man mit einem Fahrrad im Kreis fahren. Im Winter erreichten wir über die Steinbruchstrasse auch die Torricelligasse zum Rodelvergnügen, wo heute der 51A fährt. Je nach Wetterlage wanderten wir zur Jubiläumswarte, in den Lainzer Tiergarten und zu den anderen Angeboten des nahen Wienerwaldes – natürlich das Mittagessen im Rucksack: Wienerschnitzel mit Kartoffelsalat. Am Sonntag gingen wir oftmals bei schönem Wetter nach Schönbrunn und zurück, natürlich alles zu Fuß.

Die Höchstform des Vergnügens war ein Besuch im Breitenseer Kino (inzwischen das älteste, ohne Unterbrechung geführte Kino in Europa). Eine Vorstellung begann um 18 Uhr 30. Da waren wir kurz nach acht wieder daheim und rechtzeitig zur Schlafenszeit im Bett.

ein junger Mann, eine ältere und eine jüngere Frau in Winterkleidung in einem Park
Mit Mutter und Bruder im Kendlerpark (1960)

Nach dem Tod einer Schwester meiner Mutter – ich war gerade 22 Jahre alt – änderte sich unser Familienleben. Die Versorgung der Großmutter fiel in der Winterszeit auf meine Mutter.

Unsere Wohnung bestand aus Zimmer, Küche und Kabinett, und es wurde das Wohnzimmer zum Nachtlager mit Klapp- und Notbett. Unsere Großmutter konnte auf Grund ihrer körperlichen Behinderung den ganzen Winter die Wohnung nicht verlassen. Ich frisierte sie, ich sang und tanzte ihr vor. Wenn ich Ruhe wollte, zog sie sich ins Kabinett zurück und betete. Die Enge im Wohnraum ließ aber den Wunsch nach einem eigenen Heim wachsen. Wohnungen waren nur schwer und um teures Geld zu bekommen.

Dann fand ich nach vielem Herumhorchen eine Zimmer-Küche-Wohnung, die von Grund auf renoviert werden musste. Das Wasser wurde eingeleitet und eine Brausegelegenheit eingebaut. Ein Gaskonvektor im Zimmer erforderte die Verstärkung der Steigleitung vom Keller in den dritten Stock. Wenn die Handwerker mit ihrer Arbeit fertig waren, wusch ich selber das Stiegenhaus wieder sauber. Die Fenster waren morsch und mussten erneuert werden. Sie gingen in den Innenhof, während man auf der Gangseite einen schönen Ausblick auf grüne Schrebergärten und auf die nahe Breitenseer-Kaserne hatte. Aus dem Familien- und Bekanntenkreis erhielt ich alte Möbelstücke, und im Oktober 1963 konnte ich mein eigenes Heim beziehen. Das WC war am Gang; ich teilte es mit einer zweiten Partei. Aber egal, endlich selbstständig!

Ich war ein Stück weiter an den Rand des 14. Bezirkes, in die Gottfried-Albergasse, gerückt.

Wie das Leben so spielt, lernte ich 1964 meinen Mann kennen. Wir verschönerten uns das gemeinsame kleine Reich und heirateten noch im selben Jahr. Bald stellten wir uns die Frage: Wollen wir ein Kind? Also erst einmal um eine größere Wohnung schauen und sparen. Um zu einer Wohnung zu kommen, brauchte es eine lange Wartezeit oder gute Protektion, die ich von meinem damaligen Chef bekam. Zur Auswahl gab es ein einziges Angebot.

Eine im Bau befindliche Zweieinhalb-Zimmerwohnung mit allen Nebenräumen mit insgesamt circa 70 m2. Die Wohnung lag im Hochparterre, schaute nach Norden und auf eine kahle Fabrikwand. Das Haus, ein Fertigteilbau, umfasste sieben Stiegen und war mit Metallfenstern und einer zentralen Warmwasserbereitung für Bad und Heizung ausgestattet. Es wurden 20 Garagen für die 170 Wohnungen gebaut. Aber wer hatte damals schon ein Auto? Und Luxus pur: Es gab eine komplett eingerichtete Gemeinschaftswaschküche!

Im Mai 1968 war die Wohnung bezugsfertig und ich rückte wieder ein Stück weiter an den Rand des 14. Bezirkes, in die Lützowgasse.

Seit nunmehr 40 Jahren wohne ich im Bezirksteil Penzing und alle früheren Vorteile meines Bezirkes sind erhalten geblieben. Bei unserem Einzug 1968 waren ringsum noch Werkstätten, Bierlager und Fabriken. Inzwischen sind sie neuen Wohnbereichen gewichen. Die Schrebergärten in der unmittelbaren Umgebung werden nach wie vor gepflegt und bieten Erholungsraum. So auch die Steinhof-Gründe beim Otto-Wagner-Spital. Das Tröpferlbad bei der Lützowgasse, seinerzeit genutzt, steht heute zusätzlich als Sauna zur Verfügung.

Nach Westen hin hat sich die Stadt erweitert und bietet im Einkaufszentrum Auhof viele Geschäfte und Lokale. Leider endet die U4 in Hütteldorf, und die Busverbindungen zeigen keine besondere Fahrdichte. Andererseits bieten aber verschiedene Supermärkte in der unmittelbaren Umgebung gute Einkaufsmöglichkeiten.

Der Grüncharakter unseres Bezirkes ist erhalten geblieben, nur bei der Müllverbrennung am Flötzersteig schaue ich weg, bzw. höre ich weg, wenn die Müllwagen durch die Lützowgasse donnern. Am Baumgartner Friedhof sind meine Großeltern begraben und am Hütteldorfer Friedhof mein Mann, wo ich auch einen Platz, dann im Bezirksteil Hütteldorf, haben werde.

Weil ich meinen Wohnbezirk nie wirklich verlassen habe, ist mir alles sehr vertraut. Die Veränderungen erfolgten in kleinen Schritten und so ist für mich fast, als sei die Zeit stehen geblieben.

einstöckiges Ecklokal mit gelber Fassade
Gasthaus "Zur Alten Schmiede" (2010)

Und jetzt, mit meinen bald 70 Jahren ziehen meine Träume des Öfteren nach Breitensee. Wenn ich zur Kegelrunde in die „Freizeit Oase“ neben dem Gasthaus „Zur alten Schmiede“ gehe, ist es, als ob sich gar nichts verändert hat, und ich denke an meine Oma und an meine Kindheit. Unterirdisch bahnt sich dort die U3 seit einigen Jahren ihren Weg nach Ottakring und die Gleise der Vorortelinie werden von der S45 als Verbindung der westlichen Bezirke genutzt.

Einerseits hat sich die Stadt über ihre Ränder hinaus erweitert, ist aber durch bessere Fahrverbindungen andererseits wieder mehr zusammen gerückt.

Geschrieben im November 2008

Informationen zum Artikel:

70 Jahre in Penzing und Breitensee

Verfasst von Brigitta Hafner

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk, Breitensee, Penzing
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Dieser Erinnerungstext entstand in Zusammenhang mit einem Gesprächskreis unter dem Motto "An den Rändern der Stadt", der im Herbst 2008 im Wien Museum Karlsplatz stattfand.

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