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Umzug in die damalige Stadtrandsiedlung

von Martha Willinger

Als ich zehn Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, 1928, zur Welt kam, gehörte Leopoldau, wo ich ab dem vierten Lebensjahr aufwuchs, bereits zu Wien, zum 21. Bezirk, namens Floridsdorf. Früher gehörte Leopoldau zu Niederösterreich. Ursprünglich sollte ja die Kirche am Kinzerplatz als „niederösterreichische Domkirche“ fungieren.

1934 zogen meine Eltern, bedingt durch die Arbeitslosigkeit, in die damalige Stadtrandsiedlung, in ein winziges Häuschen. Dafür hatten wir ein Grundstück von 2 500 m², das uns mit selbst gebauten Naturalien versorgen sollte. Wir waren „Siedler“ geworden und bebauten unser Grundstück vorerst mit Obstbäumen, die dann jahrzehntelang für Marmelade sorgten.

In die von Papa nach und nach gebauten kleinen Stallungen zogen zuerst einmal Hühner und Kaninchen ein, später folgten Enten, Gänse und Schweine. Papa wagte sich sogar an eine Zucht heran, und mit unserer gutmütigen Zuchtsau führte er regelrecht Gespräche. Er verkaufte die Ferkel, die wie die warmen Semmeln weggingen. Unsere Marillen, Ananaserdbeeren, Ribiseln und Zwetschken waren heiß begehrt.

Als Knirps genoss ich zwar das Gute aus Garten und Stall, uns interessierte jedoch mehr das Umfeld, in dem wir spielen konnten. Da Kusine Edith mit ihren Eltern neben uns wohnte, hatte ich eine um nur zwei Jahre jüngere Spielgefährtin; dazu gesellte sich dann die Schneider Gretl von nebenan, mit der ich später die Schulbank drückte.

Wie herrlich ging es uns damals aus Kindersicht, trotz der Arbeitslosigkeit. Damals kriegte ich natürlich nicht mit, dass Mama mit Sehnsucht stets ihre Hand unter das „Hintertürl“ der Hennen legte, um das kostbare Ei aufzufangen. Die Eier wurden brav verkauft, damit wir uns Brot leisten konnten. Doch das interessierte uns Kleinen blutwenig; wir wurden satt und fragten nicht, woher unsere Eltern die Moneten dafür herbekamen.

Edith, Gretl und mich interessierten vielmehr die Tiere und Pflanzen in freier Natur; zum Beispiel die Schmetterlinge, die „blauen und braunen Mascherln“, wie wir sie nannten. Über dem brackigen Wasser, das wir für unsere Gänse anlegten, kreisten zuckelnd grüne und blaue Libellen. Edith war flink im Fangen brauner und grüner Smaragdeidechsen. Kein Tier war klein genug, dass wir es nicht bemerkt hätten; wie oft schickten wir die putzigen Marienkäfer nach „Maria Brunn um die Sunn“. Welches Kind kann heute noch in der Stadt die putzigen Laubfrösche auf der Hand sitzen lassen und ihnen in die goldenen Glotzäuglein schauen, während sie blasebalgähnlich mit dem gelben „Goderl“ nach Luft schnappen?

Wir spielten mit Begeisterung mit bunten Steinen, ebenso mit bunten Glasscherben, durch die wir die Welt einmal hell und ein andermal düster sahen. Spielzeug hatten wir wenig, aber wir fanden genug auf unserem Grundstück, was unsere Fantasie anregte.

Nun ist aus der Stadtrandsiedlung die Großfeldsiedlung geworden, ohne Laubfrösche, Libellen und Eidechsen. Ich bin ein Kind der Stadt, nein, ich war ein Kind der Stadt Wien, die damals so ganz anders war: ruhiger, besinnlicher, ohne Stress und mit viel Freude. Wien, wie es einmal war und nie mehr wiederkommt ...

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Umzug in die damalige Stadtrandsiedlung

Verfasst von Martha Willinger

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 21. Bezirk, Leopoldau
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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