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Wiener Nachkriegserinnerungen

von Hanspeter Bachmeier

Im Sommer 1945 konnten meine Eltern und ich in eine leerstehende Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in Gersthof einziehen, was die Wohnsituation deutlich verbesserte. Die Wohnung befand sich im 18. Bezirk, Schindlergasse 6, im Hintertrakt, wobei die Wohnzimmerfenster in einen Gartenhof mit Baumbestand schauten, Küchen- und Kabinettfenster jedoch in den Hof zwischen Vorder- und Hintertrakt des Hauses. Da fast alle unsere Möbel zerstört bzw. verbrannt waren, hatten wir das Glück, dass uns Bekannte überzählige Möbel borgten, sodass wir fürs Erste eingerichtet waren.

Ich erinnere mich, dass in einem der Höfe ein riesiger Müllberg lag, der natürlich auch Ratten anzog. Die öffentliche Müllabfuhr war in den letzten Kriegstagen und ersten Nachkriegstagen offenbar zusammengebrochen. Bald nach unserem Einzug holten die Hausbewohner eines Tages drei hölzerne Müllkarren. Der Hof wurde vom Müll geräumt, der Müll aufgeladen und auf eine unbebaute Fläche in der Nähe des Sternwarteparks geführt. Dazu musste mehrmals hin- und hergefahren werden, und es waren mehrere Leute erforderlich, die schweren, vollen Müllkarren über das Kopfsteinpflaster zu ziehen. Da auch Müll von vielen anderen Häusern dorthin transportiert wurde, gab es dort bald eine große Deponie. Später wurde jedoch auch diese provisorische Deponie geräumt, und es wurde dort ein Baseballplatz von den amerikanischen Besatzungssoldaten eingerichtet.

An einen zweiten Baseballplatz kann ich mich in der Richthausenstrasse, bei den Brücken der Vorortelinie erinnern. Wir kleinen Buben schauten oft fasziniert dem unbekannten Ballspiel zu. Die größeren Buben bekamen von den Soldaten manchmal Kaugummi und auch ausrangierte Baseballschläger und Bälle geschenkt und versuchten sich in dem neuen Ballspiel. Als die Besatzungsmächte später reduziert wurden bzw. abzogen, verschwand das Baseballspiel der Wiener Buben wieder von den Straßen. ...

In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden die Straßenbahnlinien nach Reparaturarbeiten nach und nach wieder in Teilstrecken eröffnet. Wenn wir unsere Großmutter besuchten, was sehr häufig war, gingen wir zwar meist zu Fuß, aber manchmal - spätabends - wurde auch die Straßenbahn benützt. Da die Linie 9 anfangs noch nicht verkehrte, musste man mit dem 41er bis zum Gürtel, dort mit dem 8er bis zum 43er und mit diesem zurück zum Elterleinplatz bzw. zur Rosensteingasse fahren („mit der Kirche ums Kreuz“). Dort auf Hernalser Hauptstraße 100 befand sich übrigens früher eine Schule („Hunderter-Schule“), die aber im Krieg beschädigt oder zerstört wurde. In der Nachkriegszeit wurde der heutige Gemeindebau errichtet. In der dort befindlichen Konsum-Filiale wurde übrigens das erste Geschäft mit Selbstbedienung in Wien eröffnet. Im Bereich zwischen Rötzergasse, Rosensteingasse und Hernalser Hauptstraße befand sich übrigens bis nach dem Krieg eine Parkanlage. Ich erinnere mich, dass dort kurz nach Kriegsende Notgräber waren, in denen Opfer der letzten Kriegstage notdürftig verscharrt waren.

In der Schindlergasse, wo wir nun wohnten, gab es eine Besonderheit: Einige ebenerdige Häuser im unteren Teil der Gasse waren Fuhrwerkshäuser, und nach und nach wurden die Taxibetriebe mit den typischen schwarzen, kastenförmigen Steyr-Taxis wieder aufgenommen. Jeder Betrieb hatte nur ein Taxi und die Besitzer fuhren am Morgen zum nächsten Taxistandplatz, der sich beim Gersthofer Platzl befand, aus. Die Gasse selbst war für die Kinder auch Spielplatz, und abends, wenn die Taxis wieder heimkamen, mussten wir schnell auf den Gehsteig flüchten und die Fahrbahn freigeben. Sonst gab es kaum Autoverkehr, es verkehrten noch sehr viele Pferdefuhrwerke.

Von den Pferdefuhrwerken haben mich am meisten die Bierwagen beeindruckt: Holzgestelle mit großen Holz-Speichenrädern, an denen seitlich die Holz-Bierfässer hingen. Die Wagen wurden von kräftigen Pferden gezogen und auch die Bierkutscher und deren Helfer, die dann die Fässer von der Straße in die Gasthäuser beförderten, waren kräftige Männer mit Lederschurz.

Auf der Vorortelinie, die ja nahe an unserem Wohnhaus vorbeiführte, fuhren natürlich nur Dampfzüge mit uralten Fahrbetriebsmitteln und zwar fast nur Güterzüge. Am Güterbahnhof Gersthof, der heute aufgelassen ist, befand sich unter anderm ein Portalkran der Molkereifirma Partik, mit dem mittels Ketten-Handbetrieb die Tanks von den damals üblichen Milchwaggons heruntergehoben und auf das Lastauto der Firma gehoben wurden. Dies spielte sich täglich ab und war auch für die Kinder ein interessantes Schauspiel. Man hörte die Dampfzüge auch in der Nacht pfauchen und besonders im Herbst, wenn es feucht war und die Räder schleuderten und dabei der Dampf aus dem Rauchfang donnerte, war die Nachtruhe oft gestört.

Eine Besonderheit gab es in den ersten Sommern nach Kriegsende: Die Bäderzüge nach Klosterneuburg bzw. bis St. Andrä-Wördern. Auch wir benützten diese einige Male. Zu diesem Zweck waren an schönen Sonntagen im Sommer die unbeschädigten Bahnhofsgebäude der Vorortlinie geöffnet und mit Fahrkartenverkäufern besetzt. Die Züge bestanden natürlich nur aus alten Zweiachs-Waggons mit offenen Plattformen, und bei der Durchfahrt durch die beiden Türkenschanz-Tunnel musste man sich auf den Plattformen vor den Funken schützen, welche die Lokomotiven wegen der Verwendung minderwertiger Braunkohle massenhaft ausbliesen. Nach der Heimfahrt war man mit Kohlenstaub übersät, sodass der vorherige Badespaß doch etwas getrübt war.

Ich glaube, es war in 1946, dass sich meine Großeltern um die Zuteilung eines „Grabelandes“ bemühten. Dies waren circa 200 Quadratmeter große Grundstücke, die erst urbar gemacht werden mussten und die ohne Pachtvertrag bestimmten Personen überlassen wurden, um dort Gemüse und Obst für den Eigenbedarf anzubauen. Dieses „Grabeland“ befand sich am Schafberg, auf dem zur Alszeile bzw. Dornbacherstraße abfallenden Südhang, auf dem sich nun der Weingarten der Dornbacher Pfarre (Stift St. Peter, Salzburg) befindet.

Die meinen Großeltern zugeteilte Parzelle befand sich am obersten Rand des Grundstücks. Es wurden Zugangswege von unten, von der Dombacherstraße her, jeweils in Falllinie angelegt, die natürlich sehr steil waren. Dementsprechend mühsam war es, Geräte und Wasser hinaufzubringen. Da es auf dem ganzen Hang weder Wasserleitungen noch Brunnen gab, musste das Wasser zum Gießen von einem Hydranten unten in der Dornbacherstraße geholt werden. Von dort wurde es in größeren Blechdosen und Gießkannen mittels Handwagen die steilen und unebenen Wege hinaufgeschleppt. Sehr oft wurde dabei ein Teil des mitgenommenen Wassers wieder verschüttet, bis man ganz oben im eigenen Garten ankam. Trotzdem gedieh das Gemüse und Obst, feinsäuberlich in angelegten Beeten gezogen, recht gut und man konnte sich mit gesunden Lebensmitteln, die ja recht rar waren, versorgen.

Mein Vater baute dort auch eine schöne Gartenhütte, wobei die nötigen Bretter teilweise aus Bombenruinen stammten und teilweise bei der Firma Wilfinger in der Czartoryskigasse (von der heute noch einige desolate Baracken existieren) besorgt wurden. Leider mussten diese Gärten circa 1950 wieder aufgegeben werden.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Wiener Nachkriegserinnerungen

Verfasst von Hanspeter Bachmeier

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 17. Bezirk, Hernals, Dornbach / Wien, 18. Bezirk, Gersthof
  • Zeit: 1945 bis 1950

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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