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Rund um den Parhamerplatz

von Erika Pazdera

Aufgewachsen bin ich zwischen Parhamerplatz, Taubergasse und Horneckgasse (Manner-Fabrik). Das Haus, in dem meine Eltern eine Zimmer-Küche-Wohnung im zweiten Stock hatten, stammte angeblich aus der Zeit Maria Theresias. Es war in U-Form gebaut, mit nachträglich zugefügten Plumpsklos. Als Verbindung diente ein „Eiserner Gang“. Dieser lief entlang unseres Wohnzimmers, der Küche und der Eingangstüre. Im Sommer war es heiß und im Winter mußte man manchmal den Schnee mit der Eingangstüre wegschieben und dann schaufeln. Natürlich gab es auch die bekannte „Bassena“ für sieben Mieter pro Stockwerk. Das Wasser war kostbar. Die Hausbesorgerin, einen Stock tiefer, wachte darüber, daß nur eine Zehn-Liter-Kanne täglich gefüllt wurde. Vom Dachboden aus sah man bis zum Kahlenberg.

Ebenerdig befand sich ein Gasthaus und ein „Branntweiner“. Der Keller war ein Ziegelgewölbe mit Lehmboden. Er hat später allen Bombenangriffen standgehalten. Waschküche gab es keine. Der Parhamerplatz war eine kleine Parkanlage mit einer Volksschule, die meine Mutter als Kind besucht hatte. 1938 wurde alles umgebaut zu einem betonierten Appellplatz und der Kreisleitung (Munitionsdepot) und hieß Planettaplatz. Heute ist dieses Gebäude eine AHS.

In der Taubergasse fährt die Linie 9. Die Trasse geht leicht bergab, und so ein bis zweimal jährlich entgleiste eine Tramgarnitur und landete immer im Fleischergeschäft an der Ecke Gebler­gasse Taubergasse. Dieser Fleischhauer hat vor dem Krieg sein Lebendvieh bezogen. Vom Fenster aus sah ich immer dem Ausladen der Schweine und Rinder zu. Manchmal lief ein Tier davon. Gegenüber von unserem Haus, an der anderen Straßenecke war ein Kurzwarengeschäft, wo man Stopfgarn, Wolle, Knöpfe usw. kaufen konnte. Daneben ein Zuckerlgeschäft und ein Haus weiter, die Milchfrau und eine Farbenhandlung. Diese hat als einziges Geschäft die Kriegswirren überlebt. Von unserer Eingangstüre am „Eisernen Gang“ sah man hinüber in den Hof eines Zoogeschäftes, dessen Eingang am Parhamerplatz lag. Ich erinnere mich gut an einen Braunbären in einem kleinen Käfig und an zwei Rehkitze. Die Hauskatze wurde von meiner Mutter während des Krieges ab und zu mit Sardinen in Öl verwöhnt.

Wenn ich meine Großeltern besuchte, querte ich stadtauswärts die Rosensteingasse. In dieser befand sich Richtung Mayssengasse in einem Hinterhof eine Marionettenbühne, zu deren eifrigen Besuchern ich zählte. Auf dem Weg in der Geblergasse zur Horneckgasse gab es für mich nur zwei Stationen. Die erste war eine Papier- und Spielwarenhandlung und das nächste ein Delikatessengeschäft, wo ich fast jeden geschenkten Groschen in Wurstsemmeln umtauschte.

Meine Großeltern wohnten, seit sie im Jahre 1909 aus dem Bezirk Prerau (Mähren) nach Wien gekommen waren, in einer Parterre-Zweizimmerwohnung. Ohne Strom und Gas. Die Küche hatte ein Fenster auf den Gang, gegenüber der Kellertüre. Im Zimmer hing ein schöner Luster mit blauen Glasschalen von der Decke. Er wurde nie in Betrieb genommen, obwohl ihn meine Großmutter oft putzte. Petroleum wurde sparsam in einer Lampe mit Glaszylinder und Spiegel verwendet. Zum Wäschewaschen wurde der Holztrog aus dem Keller geholt, in der Küche aufgestellt, die Wäsche darin eingeweicht, am nächsten Tag auf dem gemauerten Herd in einem „Waschhäfen“ gekocht. Jeder Kübel Wasser mußte von der „Bassena“ hereingetragen werden und dann wieder hinaus über den Gang zum Plumpsklo. Zum letzten Schwemmwasser gab meine Großmutter „Waschblau“ dazu. Die Wäsche wurde im Wohnzimmer aufgehängt.

Es gab diesen Kohlenherd zum Kochen, und im Winter wurde ein „Kanonenofen“ aufgestellt. Darauf legte mein Großvater in der Dämmerung Schwarzbrotschnitten, die zum Kräutertee gegessen wurden. Nie sah ich meine Großeltern etwas anderes zum Nachtmahl essen. Fleisch gab es nur sonntags. Die Kräuter für den Tee sammelte mein Großvater selber im Wienerwald. Ich ging im Vorschulalter oft mit ihm zu Fuß von der Wohnung bis zum Exelberg und zurück. Straßenbahn konnten sich meine Familie nicht leisten. Mein Vater führ mit dem Fahrrad zur Arbeit nach Lainz. Wir gingen alles zu Fuß.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Rund um den Parhamerplatz

Verfasst von Erika Pazdera

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 17. Bezirk, Hernals
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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