Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Orte der Kindheit: 114 Beiträge

Zwischen Hütteldorf und Schutzhaus Rosental

von Hannes Loos

Es ist die Zeit so zwischen 1957 und 1962, von der ich erzählen will, zwischen meinem fünften und zehnten Lebensjahr. Ich lebte damals in einem Paradies. Zumindest war es für uns Kinder ein Paradies. Es war das Gebiet zwischen der Linzerstraße in Hütteldorf, vom Pfarrplatz (Rapidplatz) bis zum Halterbach – Endstelle Straßenbahnlinie 49 – und hinauf bis zur Lagerwiese Satzberg.

Wenn wir Kinder in der Früh in die Schule gingen, es war die Volkschule Hütteldorf, so benützten wir einen Abkürzer, der zwischen der Freyenthurmgasse und der Satzberggasse lag und aus einer circa 70 Meter langen Wiesenböschung bestand, auf der ein Pfad ausgetreten war. Warum auch immer, diese Böschung hatte den Namen Schmiedbergerl. Die Böschung war sehr steil und im Winter ideal zum Rodeln. Doch Rodeln hatten wir keine. Was wir hatten, waren Schultaschen aus dickem Rindsleder, und die rutschen genauso gut wie heutige Plastikrodeln. Also setzten wir und drauf und rodelten darauf hinunter. Und weil wir ja aus diesem Grund auch rechtzeitig aufgestanden waren, wiederholten wir dieses Spiel einige Male. Dass dabei Schnee in den seitlichen Öffnungen unserer Schultaschen gelangte, war nicht zu vermeiden. Dass durch den so eingetretenen Schnee, die Tinte der Schrift in unseren Heften zerrann, war einen Nebenerscheinung. Aber das war es uns wert, und im Augenblick des Rodelns dachten wir sowieso nicht an diese Folgen.

Nach Unterrichtsschluss gingen wir natürlich nicht gleich nach Hause. Insbesondere bei schönem Wetter hatten wir Besseres zu tun. Hatten wir ein wenig Geld erwirtschaftet – sei es durch Hilfsdienste bei der Nachbarin oder den Verkauf der Äpfel aus dem eigenen Garten, oder wir hatten beim „Anmäuerln“ gewonnen –, so gingen wir zu dem Standl bei der Remise, wo die „Lintschi“ Süßigkeiten verkaufte. Die Lintschi kannte jeder in Hütteldorf. Es war eine Frau so um die 40 oder 45 Jahre und wog, obwohl sie nicht besonders groß war, sicherlich ihre 160 Kilo. Bei manchen Fernsehsendungen in den späteren 60er Jahre (Reportagen, „Mit versteckter Kamera“ usw. ) holte man sie gerne für einen Beitrag, da sie ja ein Hütteldorfer Original war. Dort kauften wir uns dann ein paar Stollwerk um zwei Groschen das Stück. Diese wurden natürlich nicht alleine gegessen, sondern redlich mit denen geteilt, die anschließend mit mir bloßhappert im Halterbach spazierten und mir halfen, Koppen, so kleine Furcht erregend aussehende Fischlein, zu fangen. Diese durfte ich dann einige Tage in einem 5-Liter-Gurkenglas zu Hause halten, bevor ich sie wieder im Rosenbach oder Dehneteich aussetzten musste.

Damit sind wir bei dem nächsten Juwel unseres Paradieses: dem Dehnepark. Ich weiß nicht, seit wann der Park diesen Namen hat, zu unserer Zeit jedenfalls war es ein eingezäuntes Grundstück. Es war ein hoher Zaun und obendrauf Stacheldraht. Das Grundstück von nicht unerheblicher Größe gehörte dem Schauspieler Willi Forst. Es war strengstens verboten, auf diesem Grundstück zu spielen oder überhaupt es zu betreten. Wir Kinder fanden aber immer wieder eine Stelle, wo der Zaun ein Loch hatte, und so waren wir trotz Verbotes oft in diesem Grundstück. War in diesem Park doch eine Ruine, ein Luftschutzbunker, ein See und ein Bach sowie Bäume, die wir zu zehnt nicht umschließen konnten. Da auch Fische in dem See waren, hielten wir gerne einmal den aus einer Sicherheitsnadel gebogenen und mit einer Nylonschnur an einem Haselnussstock befestigten Angelhaken ins Wasser. Willi Forst, der eh nur selten anwesend war, kannten wir nur, wenn er mit dem Gewehr geschultert durch den Park pirschte, um ein Reh, von welchen es ausreichend gab, zu erlegen. Einige Male erwischte er uns auf seinem Grund, und wir flüchteten, ja rannten um unser Leben, war er doch bewaffnet und wir auf seinem Grundstück eingedrungen. Heute wissen wir, er war uns nicht böse, wenn wir seinen Grund „belebten“, obwohl das Loch im Zaun am nächsten Tag wieder geflickt war.

Die meiste Freizeit verbrachten wir allerdings am Silbersee. Ein kleiner Teich am Satzberg unterhalb der Lagerwiese. War einmal ein Gipsbergwerg, in welches über Nacht Wasser eingebrochen war. Der See lag in einem Kessel, so als wäre er am Grund eines Vulkanes. In dem See gab es Fische, Krebse, Ringelnattern, Kaulquappen, Frösche, Kröten und natürlich uns Kinder, die darin badeten. Mit einer Schnur und einem Stück Fleisch bewaffnet, gingen wir zum See und duellierten uns, wer den größten Krebs aus dem Wasser holen konnte. Ich glaube, der größte Krebs hatte damals Scheren mit einer Länge von sechs oder sieben Zentimeter. Der See hatte für uns Kinder einen besonderen Reiz, war er doch besonders sagenumworben. Eine Gewehrschießanlage aus dem Zweiten Weltkrieg war schon etwas Enterisches für uns. Lagen wir doch oft in den Schützenstellungen und stellten uns vor, dass wir selbst hier Wettschießen veranstalteten. Das Schönste dabei war, jeder war für sich selbst der Beste und Sieger. Doch dass am Grund dieses angeblich 16 Meter tiefen Sees – tatsächlich ist er zwei, drei Meter tief – ein Panzer läge, haufenweise Munition, Autos, ja sogar ein Pferdefuhrwerk liegen sollten, das war schon etwas Besonderes. Das Pferdefuhrwerk soll sogar samt Kutscher hier hineingestützt und nie mehr wieder gesehen worden sein.

Von der Lagerwiese am Satzberg führte eine Straße, die Jan-Kiepura-Gasse, in Serpentinen verlaufend zum Kleinen Schutzhaus Rosental, wo eine kleine Greißlerei angeschlossen war. Die Straße wurde vom Schnee nicht geräumt und war oft stark vereist. Dann war sie ideal für unsere Wettfahrt mit der Rodel. Doch was ist ein Wettrennen ohne Preis? Also auf zu einem Herrn, der oft im Kleinen Schutzhaus verkehrte, um ihn als Sponsor für unser Rennen zu gewinnen. Ich weiß noch, er hieß KISS und war ein Autohändler, hatte selbst einen alten Steyr den wir Kinder sehr bewunderten, wohnte in der Jan-Kiepura-Gasse und spendierte dem Sieger immer eine falsche Coca Cola, welche wir uns in der Greißlerei bei der Frau Hiebler abholen durften. Diese Greißlerei war es auch, wo wir meistens einkaufen gingen. Erstens hatte sie auch am Sonntag geöffnet. Zweitens konnte man auch, wenn schon oder noch zu war, von hinten hinein und bekam, was man brauchte. Und drittens konnte man anschreiben.

Noch einen Vorteil hatten dieses Schutzhaus und die Greißlerei. Sie mussten von Lieferanten angefahren werden. Es gab wenig Autos, und der Verkehr war gering. Die LKW hatten teilweise noch Holzvergaser und fuhren daher nur sehr langsam die Rosentalgasse bergauf. So war es uns Kindern möglich, wenn wir gerade auf dem Heimweg aus Hütteldorf waren, den LKWs nachzulaufen und uns hinten, an der Bordwand anzuhängen. Dadurch mussten wir den steilen Berg nicht gehen, sondern konnten mitfahren. Voraussetzung war, der Chauffeur hatte uns nicht bemerkt, denn sonst stamperte er uns unverzüglich vom LKW herunter. Auch mussten wir aufpassen, den richtigen Zeitpunkt zum Abspringen zu erwischen, denn dort, wo die Rosentalgasse wieder flacher wurde, wurden die LKWs wieder schnell und ein zu spätes Abspringen gefährlich. Manche Chauffeure hatten uns bemerkt und beschleunigten erst wieder, wenn wir abgesprungen waren. Das waren die Lieben, die kannten uns schon und wir fühlten uns bei ihnen sicher.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Zwischen Hütteldorf und Schutzhaus Rosental

Verfasst von Hannes Loos

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk, Hütteldorf, Wienerwald
  • Zeit: 1957 bis 1962

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.