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Zugereist ins Allgemeine Krankenhaus

von Franz V. E. Ginner

Wien ist meine Geburtsstadt. Wie Wien zu dieser Zeit – im Jahre 1930 – war, kann ich nicht sagen. Aber in Wien war damals ein Ghetto. Das wissen viele nicht, weil sie bei einem Ghetto an ein Judenviertel denken. Gewiß gab es in Wien auch ein Judenviertel. Aber das Ghetto, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, war kein Ghetto im üblichen Wortsinn. Mein Kindheitsghetto war das Wiener Allgemeine Krankenhaus. In der Frauenklinik des Allgemeinen Krankenhauses – oder wie damals gesagt wurde: des AK – wurde ich als Sohn eines Krankenhausportiers geboren. Meine Mutter war eine Ischlerin mit Leib und Seele, und mein Vater stammte aus den niederösterreichischen Eisenwurzen. Ich entstamme also einer im Wiener AK ansässig gewordenen „Zuagroasten-Familie“. (In Wien sagt man vermutlich „zugraastn“). Meine Eltern bewohnten im Portalgebäude des AK in der Lazarettgasse 14 eine Dienstwohnung im ersten Stock des Westtraktes. Zur Wohnung gehörte auch der geräumige Dachboden, der gesamte Keller und ein ungefähr 1500 m2 großer Garten. Wir hatten sozusagen ein ganzes Haus zur Verfügung. Vaters Arbeitsplatz war die ebenerdige Portierloge.

Zu den frühesten Kindheitserinnerungen gehörte der große Garten. Vater pflanzte entlang der Bretterplanke, die auf der Straßenseite als Plakatwand diente, Ahornbäume und darunter Fliedersträucher an. Kurze Zeit mußten wir den Garten mit einem Prosekturgehilfen teilen. Nach dessen Pensionierung, waren wir Alleinherrscher über ein kleines Paradies. Im Laufe der Jahre deckten die Ahornbäume die Häuser der Lazarettgasse ab. An unseren Garten schloß der Park der Privatklinik „Goldenes Kreuz“ an. Spitalsseitig begrenzten die Gefolgschaftsbaracken und einige Motorradgaragen den Garten. Man verlor durch diese günstige Lage das Gefühl, in einer Großstadt zu leben.

Das AK war ein abgeschlossenes Ghetto für Patienten und Krankenhauspersonal. In den „Neuen Kliniken“ wohnten außer meinen Eltern, die Familien einiger Krankenpfleger, die Familie des Vorstandes der 1. Psychiatrischen Klinik und auch zahlreiche unverheiratete Schwestern und Oberschwestern. Die Neuen Kliniken hatten zwei Haupteingänge in der Lazarettgasse 14 und der Spitalgasse 23. Am Gürtel gab es eine Einfahrt und einen kleinen Personaleingang. Das gesamte Gebiet war durch hohe Mauern abgegrenzt. Die Krankenhausportiere kannten sich nicht nur untereinander, sondern auch nahezu alle Ärzte, Krankenschwestern, Aufräumefrauen, Köchinnen, Handwerker und auch alle Familien, die innerhalb des Krankenhausgeländes wohnten. Als ich größer wurde, beschränkte sich meine Reichweite nicht bloß auf Haus und Garten, sondern nach und nach lernte ich auch die verborgensten Winkel der Neuen Kliniken kennen. Das AK wurde sozusagen zu meinem Heimatdorf. Und so wie in einer Dorfgemeinschaft sich die Leute gegenseitig kennen, war dies auch im Krankenhausghetto. Meine Eltern konnten mich unbesorgt aus dem Haus lassen, denn über die Mauern konnte ich nicht klettern und den wachsamen Augen der Portiere entging ich nicht.

Zwischen 1930 und 1938 war Wien eine graue, schmutzige von trostlosen Gestalten bevölkerte Ansammlung großer Häuser. Nur in den „Neuen Kliniken“ herrschte eine Atmosphäre der klinischen Sauberkeit, die sich auch auf die Parkanlagen bezog. Blühende Sträucher und Blumenrabatten brachten Farbe in die Landschaft. Frühling und Herbst waren die prächtigsten Jahreszeiten. Außerhalb der Kliniken herrschte die düstere Trostlosigkeit der „Systemzeit“. Viele Leute wollen das heute nicht gerne hören, aber es ist die Wahrheit! Die Straße wurde belebt durch den „Fünferwagen“ der Straßenbahn, die Pferdefuhrwerke der Brauereien und Molkereien, sowie die der Eisfabrik. Durch unser Gebäude fuhren Taxis mit Ärzten, Besuchern und reichen Patienten, dann Krankenwagen, Leichenfuhrwerke, Essens­transporte und Wäschereifuhrwerke. Alle Fahrzeuge wurden von meinem Vater und seinen Kollegen kontrolliert. Zu den Besuchszeiten strömten Menschenmassen in das Spital. Da hatten die Portiere Hochbetrieb, um Auskünfte über Patienten und Stationen zu geben. Zu anderen Zeiten aber wurde die Lazarettgasse durch andere Fußgänger und Radfahrer belebt. Kraftwagen sah man seltener. Zum Straßenbild gehörten auch die Straßenkehrer mit ihren hochräderigen Karren, den Kehrbesen und eigenartig geformten Schaufeln. Viele Straßen hatten ein Kopfsteinpflaster. Vor den Neuen Kliniken gab es ein geteertes Holzstöckelpflaster, um den Straßenlärm vor den Spitälern zu dämpfen. Mindestens einmal im Jahr mußte dieser „Flüsterbelag“ geteert werden.

Bis zu Schulbeginn beschränkten sich meine Lokalkenntnisse von Wien auf den Bereich zwischen Lazarettgasse, Spitalgasse, Währingerstraße, Votivkirche, Alserstraße und Gürtel. Später kam ich mit meiner Mutter in den Bereich zwischen Ring, Mariahilferstraße und Gürtel. Hie und da kamen wir auch nach Ottakring. Dort besuchten wir meine Taufpaten, einen Militärkollegen meines Vaters in der Sandleitengasse und dessen Schwager, den Schneidermeister Holek, bei dem meine Mutter unsere Garderobe machen ließ. Diese Wege legten wir immer zu Fuß zurück.

Einen bleibenden Eindruck hinterließen die Märkte. Auf dem Zimmermannplatz gab es eine Doppelreihe von Marktständen. Dort kaufte meine Mutter Gemüse, Sauerkraut und Fleisch. Um die Abfallbehälter, Koloniakübel genannt, schlichen zerlumpte ausgemergelte Menschengestalten, die gierig nach verwertbaren Abfällen suchten. Meine Eltern erklärten mir, daß diese erbarmungswürdigen Gestalten „Ausgesteuerte“ seien. Im Sommer, zur „Gurkerlzeit“ marschierten wir mit Rucksäcken zum Brunnenmarkt, um Gurkerl und Dillkraut zu kaufen. Daheim im Garten wurden die Gurkerln gesäubert und dann in Fünflitergläsern als Essiggurken, Gewürzgurken und Salzgurken eingelegt. Damit war für ein Jahr unser Gurkerlbedarf gedeckt. Die Gläser hatten im Keller neben einem großen Wasserzähler ihren Platz.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Zugereist ins Allgemeine Krankenhaus

Verfasst von Franz V. E. Ginner

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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