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Gutbürgerliche Verhältnisse in Favoriten

von Henriette Blasl

Das Haus schien mir groß, und wir wohnten im dritten Stock. Da mussten kurze Beinchen ganz schön klettern – über Stiegen, die mit roten Läufern belegt waren, eingeklemmt in Messingstangen, von der braven Hausmeisterin geputzt –, bis sich endlich die hohe Wohnungstür auftat. Hilde hatte aufgepasst; Hilde war unser Dienstmädchen. Sie gab auf mich Acht, sie putzte und kochte und schlief auf einem Klappbett im großen Vorzimmer. Mutter arbeitete im Schuhgeschäft ihrer Schwiegermutter, Vater war im Handelsministerium angestellt und studierte nebenbei an der Wirtschaftsuniversität weiter. Vom Fenster des Wohnzimmers – mit Esstisch in der Mitte, Anrichte und Diwan an der Wand, einem Kachelofen im Eck und dem Flügel vorm Fenster – konnte man über Baumwipfeln Kahlenberg und Leopoldsberg in der Ferne sehen... ein Blick, der heute durch allerlei Hochbauten erschwert sein dürfte. Doch wer kann sich heutzutage schon ein teppichbewährtes Stiegenhaus in Favoriten vorstellen?

Der „Laxenburgerhof“ war ein Block gleich aussehender Häuser zwischen Buchen- und Rotenhofgasse, und die Laxenburgerstraße verlief vom Südtirolerplatz bis zur Troststraße als breite Allee. (Sie fiel vielfach den Bomben, später als „Tolbuchinstraße“ dem erweiterten Straßenbahnbau der Linie 66, schließlich wieder als Laxenburgerstraße dem Autostraßenbau zum Opfer; erst vor kurzem hat man wieder Bäume gepflanzt.) Zu beiden Seiten standen unterschiedlich große Häuser, in denen Geschäfte und kleine Fabriken untergebracht waren. Gegenüber, in einem kleinen Haus, residierte eine Milchfrau. Ich erinnere mich an das Geschepper der Milchflaschen, wenn sie am frühen Morgen vom Pferdewagen geladen wurden. (Später war’s ein Auto.) In dem kleinen Laden bekamen wir Milch, Butter, Eier und Brot; auch Süßigkeiten gab’s: heißgeliebt und rar für mich die schmalen Bensdorpschokoladen mit blauen oder grünen Schleifen.

In den Seitengassen zur Laxenburgerstraße schienen die Häuserzeilen kleiner gewachsen; dazwischen gab’s da und dort breite hölzerne Hoftore, Einfahrten für die Fuhrwerke eines Wirtes etwa oder eines Handwerkers. Den Weg zu den Großeltern hatte ich mir bald gemerkt: In die Columbusgasse, wo gegenüber eines Fuhrwerkunternehmers (später Garage) das Haus des geliebten Großvaters stand: Mit Schuppen und Pferdestall im Hof, Selcherei und Wursterei und Eishaus im Keller, der „Hausherrnwohnung“ im ersten Stock und den Burschenzimmern unterm Dach. Großvater hatte es vom Waldviertler Bauernbub zum angesehenen Hausherrn und Fleischermeister gebracht.

Auch der Weg zum Markt war mir bald vertraut, obwohl es die Großmutter nicht gern sah, wenn ich mit Hilde dort auftauchte. Der Stand der Großeltern war in der ersten Zeile des Viktor-Adler-Marktes (später Horst-Wessel-Platz) untergebracht und hatte eine weite offene Front. Dort stand Großmutter den lieben langen Tag, um Kunden zu bedienen und zu beraten. („Was soll ich denn nur heute kochen?“, „Ist der Zapfen auch wirklich abgelegen?“) Großvater stand hinten beim Hackstock, schnitt Schnitzel zurecht und Braten und zerhackte Knochen. Mir imponierte am meisten das Riesenmesser, mit dem Großmutter große Bogen weißen Papiers teilte, um die Ware verpacken zu können. Manchmal klopfte es leise an die hintere Tür; dann stopfte Großvater rasch Fleisch- und Wurstreste in ein Papier für den Bettler draußen. Seine Güte war sprichwörtlich; er war auch Armenrat im Bezirk.

Großmutter galt als harte Frau, doch war sie einfach darauf bedacht, das Geld zusammenzuhalten, hatten sie doch nicht nur drei Kinder, sondern auch die Burschen vom Land und das Haus zu erhalten. Sie war immer blitzsauber, das Haar in einem Knoten hochgesteckt („Wenn man mit Essen zu tun hat, dürfen keine Zotteln herumhängen.“) mit von mir bewunderten Hornnadeln. Auch sie unterstützte ärmere Verwandte, gab manchem zu tun, der keine Arbeit hatte.

Dass für Großvater der Tag oft um 4 Uhr früh begann, wenn er nach dem Fleischmarkt St. Marx fuhr, um Ochsen, Schweine und Kälber zu kontrollieren, wusste ich damals noch nicht. Ein Lichtblick mag ihm gewesen sein, wenn er, während sein Vieh geschlachtet wurde, mit einem Berufsfreund auf ein Glas Bier oder heißem Tee im Winter beisammensaß. Sie plauderten über die Familien – Lieblingsthemen: ihre Töchter: Großvater war stolz auf meine tüchtige Mutter, der Kollege auf seine Paula, die sich anschickte, die Wessely zu werden.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Gutbürgerliche Verhältnisse in Favoriten

Verfasst von Henriette Blasl

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 10. Bezirk, Favoriten
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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