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Erinnerungen aus Kinderjahren in Wien

von Helga Krammer

1931 bis 1936, zwischen meinem vierten und achten Lebensjahr wohnten wir im Julius-Popp-Hof am Margaretengürtel.

Auf dem Matzleinsdorfer Platz war Heumarkt. Gemüse und Obstbäuerinnen sind morgens mit Pferdewägen gekommen. Auf ihren nummerierten Plätzen haben sie Plachen ausgebreitet, ihre Waren in Kistln und Körben auf den Boden gestellt, Waagen und Gewichte dazu. Auf der Seite der Siebenbrunnenfeldgasse gab es Eier, Geflügel, Butter.

Pferde und Wägen hatten ihren Bereich auf einer leichten Anhöhe dem Gürtel zu. (Der kleine Abhang war im Winter ein ungefährlicher Rodelplatz.) Die Pferde haben ein Schüppel Heu vor die Füße oder einen Futtersack wie einen Beißkorb vors Maul gehängt bekommen. Die Gemüse- und Obstbäuerinnen sind, wenn sie nicht gerade bei der Arbeit stehen mußten, auf Steigen gesessen und haben oft Waren und Preise ausgerufen. Wir haben nie gleich gekauft, sondern die Waren und Preise verglichen. Mein Berufswunsch war damals Äpfelbäuerin zu werden. Pferde und Äpfel, jeden Tag!

Der Pferdemarkt neben dem Heumarkt war eingesäumt mit rotbraunen Ziegelmauern. Auch die langgestreckten Stallungen drinnen waren so gebaut, nur das Häusl mit der Waage nicht, das war weiß. Auch Bäume standen in dem Gelände. Einfahrts- und Eingangstor war von der Siebenbrunnenfeldgasse.

Nachts, gegen zwei, halb drei Uhr wurden die Pferde vom Meidlinger Frachtenbahnhof durch unsere Gasse zum Pferdemarkt getrieben. Es war mir wichtig, sie nicht zu überhören und vom Fenster aus zu sehen. Ihr Hufgetrappel und Wiehern haben meine Sehnsucht geweckt. Während meine Mutter in der Kliebergasse unterrichtet hat, ist’s mir dann auch gelungen, aus der Wohnung zu entwischen und auf den Pferdemarkt zu gehen. Dem Vorführen der Rösser habe ich mit Genuß zugeschaut, habe mich zum einen oder anderen Händler gestellt, und wenn ich entdeckt wurde, mir den nächsten gesucht. Meine Pferdemarktbesuche sind lange Zeit ein Geheimnis geblieben.

Vor der Neumargaretner Kirche war ein Vorplatz. Die frühere Kirche war hell und freundlich, stand auf einer leichten Anhöhe mit dem Tor zum Pfarrhof (Siebertgasse). Leider ist sie durch die Bomben zerstört worden. Der Vorplatz war etwas geneigt und hatte Naturboden mit teils abgetretenem Rasen. Nach der Sonntagsmesse haben wir dort bei Schönwetter Lieder gelernt für die nächsten Sonntage. Das Miteinander-Singen war schön.

Schön und feierlich war auch die Fronleichnamsprozession. Es gab viele Teilnehmer, in der Prozession und am Straßenrand. Ein Fest ist das gewesen. Das Miteinander-Gehen, Singen, Blumenstreuen und einmal ein Bandl zu einer Statue tragen zu dürfen, hat auch die Zugehörigkeit spüren lassen.

Rund um die Kirche waren noch Staubstraßen. Dort ist vor Fronleichnam geteert worden. Wenn es während der Prozession heiß war, sind die Schuhsohlen darauf fast picken geblieben – Blumenstreuen und Teergeruch und die Musik dazu – welche Sinnenfreude! Und die Mühe, beim Gehen auf den geteerten Straßen die weißen Leinenschuhe möglichst sauber zu halten ...

Schuljahre 1934 bis 1936 in der Diehlgasse. Getrennte Haustore für Mädchen und Buben. Warum? War halt so. Ich könnte mir keinen ansprechenderen Unterricht für Kinder vorstellen, als ich ihn da erlebt habe. Die Qualität der Lehrerinnen und ihrer Methoden entsprechend der Schulreform freuen mich noch heute. Ich denke zum Beispiel an die Freude an Zählliedern und Spielen, die Bewegung und Ortswechsel im Klassenzimmer ermöglicht haben. Zu den Buchstaben fallen mir heute noch manche kleine Geschichten und Skizzen ein, die uns das Lernen erleichtert haben. Dazu das persönliche Anregen, Aufmerksammachen, Anerkennen als Lehrereinstellung. Die Schulreform im damaligen Wien schätze ich noch jetzt.

In der nächsten Volksschule war’s altmodisch und brav. In der Volksschule am Elisabeth-Platz gab es 1936/37 noch Gaslampen und einen Bildwerfer mit spannend spritzender „Kohlelampe“. An düsteren Tagen erkletterte der Schulwart mit gestieltem Gasanzünder die Pulte unter den Lampen, und wir konnten gespannt erwarten, daß das Licht aufpfluschte. Eine herrliche Unterbrechung des Unterrichts!

Geschichte erleben 1934, Feber: Schießen – Angst! Vor dem Gegenüberhaus wurde ein Mann tödlich getroffen. Auf der Hausmauer des Mateotti-Hofes war noch durch längere Zeit der Blutfleck zu sehen. Einschußspuren am Mateotti-Hof, am Metzleinstaler Hof; in anderen Bezirken noch mehr Einschüsse. Von Politik und Parteien war vorher nicht geredet worden. Die Eindrücke habe ich als erschreckend erlebt.

Zum Erleben von Schönem gehörten für mich die Eindrücke von den Lavendelfrauen, Patschuli­frauen, Straßensänger und Werkelmänner. Diese Menschen waren ja einmalig! Sie brachten Buntes in den Alltag, das auf eigene Weise angesprochen hat.

Die Lavendelfrauen hörte ich am liebsten: „An Lavendel ham ma do – kaufts ma an o! Zehn Groschen a Büscherl Lavendel. An Lavendel ham ma do – kaufts ma an o!“ Das war ihr Lied, und die Duftwolke um sie hat geschmeckt!

Straßen- und Hofsänger haben „Schmachtfetzen“ gesungen oder: „Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist ...?“ Die ihnen von den Fenstern aus zugeworfenen Münzen sprangen und klimperten auf dem Pflaster. Im Aufklauben ertönte es: „ Daaanke! ... Danke sehr! ... Danke schön, danke sehr!

Zum Straßenbild gehörten 1936/37 noch wenige Autos, sondern verschiedenste Gespanne: Fiaker, Lebensmittel- und Bierwagen, Cabskutschen für schweres Material mit starken Kaltblutpferden. Hufgeklapper und Pferdegeruch mochte ich sehr gerne. Ein Brotwagenpferd stand mit dem Wagen „Thobias Ratz“ täglich an gleicher Stelle gegenüber einer Weinstube. Die Be­grüßung war immer schön. Das freundliche Tier kannte meine Stimme und hat brav meine nicht gegessene Schuljause gefressen. Ich konnte erleichtert nach Hause gehen.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Erinnerungen aus Kinderjahren in Wien

Verfasst von Helga Krammer

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 5. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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