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Unser Schulweg 1933 bis 1937

von Friedrich Faulhammer

Wenn ich heute gelegentlich zum Flughafen oder Zentralfriedhof über die Erdberger Lände fahre, denke ich gerne an jene fernen Zeiten zurück, als mich der Schulweg täglich entlang des Donaukanals nach Erdberg führte.

Die elterliche Wohnung befand sich im Thuguthof im 2. Bezirk, und so kamen für mich drei Mittelschulen in Frage: Kundmanngasse, Gallgasse und Hagenmüllergasse. Die Eltern entschieden sich wegen der größeren Mannigfaltigkeit für letztere, vielleicht weil auch Willi, der Freund aus der Kegelgasse, dorthin geschickt wurde. Es war dies zwar der mit Abstand weiteste Schulweg, aber was bot der vor 70 Jahren für uns Jungen nicht alles Interessantes!

Zirka 7.15 Uhr morgens ertönte ein lautes Hornsignal, wenn die Preßburgerbahn nach der Unterführung der Franzensbrücke wieder die Weißgerber Lände befuhr. Für uns das Zeichen für den Aufbruch aus der Wohnung. An der Kreuzung Rasumovskygasse Erdberger Lände trafen wir etwa zeitgleich mit dem Zug ein, der unter lautem Tuten die Kreuzung bewältigte und in der Haltestelle anhielt. Mit großer Regelmäßigkeit stiegen dort zwei jüdische Viehhändler, ein großer mit wallendem Bart und ein kleiner dicker ein, deren gelegentliches Ausbleiben von uns als ungünstiges Vorzeichen gedeutet wurde.

Meist stiegen wir gleich nach der Brücke zum Treppelweg ab und näherten uns dem nächsten bemerkenswerten Objekt, dem großen Kanalauslaß nahe der Marxergasse: Gewöhnlich stand dort ein Fischer und hielt seine Angel ins Kehrwasser. Manchmal aber schoß eine grausliche braune Brühe aus den beiden geheimnisvollen Löchern. Im krassen Gegensatz dazu – ein Schwarm von weißen Möwen, die darin noch einiges Freßbare fanden. ...

Die Überfuhr Halmgasse – Wassergasse hätte für mich eine Abkürzung bedeutet, aber täglich zwei Groschen Fährgeld wäre zuviel gewesen.

Als wir die dritte Klasse besuchten, begann der Neubau der Rotundenbrücke. Vorerst wurde das alte eiserne Tragwerk von 1873 stromauf verschoben und die alten Fundamente abgetragen. Die waren aus Sandstein gemauert, und das Material wurde zu späterer Wiederverwendung entlang des Treppelweges gelagert. wir entdeckten schnell, daß die Steine voller Muscheln und Schnecken waren, und das nächste Mal wurde in der Schultasche ein Hammer mitgenommen und fest „Steine geklopft“. Die besten Stücke wurden dem Herrn Naturgeschichteprofessor gezeigt, der das Material als Atzgersdorfer Sandstein benannte.

Bei der Wassergasse stiegen wir meist die paar Stufen zur Lände hinauf und übersetzten die Fahrbahn. Die Straße samt Preßburgerbahn war dort so eingeengt, daß nur ein schmaler Gehsteig platz hatte. Eine hohe Mauer schloß die „Persilwerke“ gegen die Straße ab und bot Gelegenheit für allerlei politische Parolen, z.B. „Bonzen im Speck, Volk im Dreck“.

Gegen die Haidingergasse zu trat die Mauer zurück und gab den Blick auf die „Vereinigten Metallwerke“ frei. Wie ich später erfuhr, war dies einmal die „Rothfabrik“, ein großer Rüstungsbetrieb der k.u.k. Monarchie. ...

Die Haidingergasse verlief zunächst zwischen langen Rohziegelmauern, dann kamen quer die Dietrich-, Göllner- und Hagenmüllergasse. Wir benutzten diese Gassen abwechselnd gegen die Osten bis zur Drorygasse, an deren Ecke sich die Schule, das Realgymnasium 3, befand. Besonders in der Dietrichgasse wohnten viele arme Leute, und wir wichen herumstehenden Gruppen möglichst aus, um nicht angerempelt oder schlimmstenfalls verhaut zu werden.

Natürlich passierte nie etwas.

Auf dem Heimweg, besonders nach unerwartet früherem Unterrichtsschluß, gingen wir die Drorygasse geradeaus bis zur Erdbergerlände durch. Zuletzt eine Gstätten, rechts die Mauer der „Milchindustrie AG“, links die der „Vereinigten Wiener Baustoffwerke“. Die waren der eigentliche Anziehungspunkt für uns Buben. Ein gewaltiges Holzgerüst ragte in den halben Donaukanal, mit einem Eimerkettenbagger im Inneren. Dessen Schnauze ragte stromab vor und wartete auf mit Schotter gefüllte Schuten.

Ein besonderes Glück bedeutete es, wenn man gerade zurecht zu folgendem Manöver kam: Ein vom Dampfer „Leopold“ herangeschleppter voller Kahn wurde abgehängt und mit einem Seilzug unter den Bagger bugsiert. Der begann ächzend und knurrend zu arbeiten und förderte das Baggergut nach oben. Dort wurde der Donauschotter in Seilbahnwägelchen umgeladen, welche das Material auf einen riesigen Haufen bis nahe an die Dietrichgasse selbsttätig aus der Luft herabfallen ließen. Kein Wunder, daß so ein Schulweg manchmal etwas länger dauerte!

So vergingen zwei Jahre, und die neue Rotundenbrücke wurde fertig. Ein eleganter, grüner Stahlbogen überspannte den Donaukanal und sollte eines Tages der Belastungsprobe unterzogen werden. Schon morgens war eine große Ansammlung von Straßenwalzen auf der Weißgerber- und Erdbergerseite zu beobachten, wobei die mit Dampf betriebenen gerade angeheizt wurden und die Lände in schwarzen Rauch hüllten. Leider mußten wir dringend in die Schule. Zu Mittag war das meiste vorbei. Wir bemerkten jedoch, daß man den Walzen Tücher mit Nummern umgebunden hatte, wie sie auch Läufer oder Motorradfahrer bei Rennen trugen. Das erzeugte in uns die Vorstellung eines Dampfwalzenrennens mit entsprechenden Heiterkeitsausbrüchen.

Die schöne, neue Brücke hielt nur wenige Jahre. 1945 wurde sie, wie alle anderen, gesprengt. Heute dient die nunmehr fünfte Rotundenbrücke seit 1830 dem ins Gigantische angewachsenen Verkehr. Schüler zu Fuß wird man kaum sehen, die fahren heute in die Schule. Dafür entgehen ihnen alle Erlebnisse, die uns Alten die Erinnerung an unseren – weiten – Schulweg so verklärt erscheinen lassen.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Unser Schulweg 1933 bis 1937

Verfasst von Friedrich Faulhammer

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk / Wien, 3. Bezirk, Donaukanal
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag wurde im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" eingesandt und bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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