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Ein Leben rund um den Mexikoplatz

von Wilhelmine Terp

Ich wurde 1925 geboren und war seither nie vom 2. Bezirk weg. Aufgewachsen bin ich am Mexikoplatz Nr. 20. Der Name erinnert daran, daß Mexiko das einzige Land war, das gegen den Einmarsch Adolf Hitlers in Österreich protestiert hat. Ungefähr bis zu meinem sechsten Lebensjahr hieß der Platz Volkswehrplatz, und das Haus hatte die Nr. 14. Dann wurden noch Häuser dazugebaut, und es wurde auch der Name geändert und hieß dann Erzherzog-Karl-Platz mit Hausnummer 20. Erst seit Kriegsende 1945 heißt er Mexikoplatz. Früher war es hier sehr schön, heute ist der Mexikoplatz leider in Verruf geraten.

Das Haus, in dem wir wohnten, hatte 100 Parteien. Das Wasser und das Klosett am Gang, der sehr lang war. Klosett deshalb, denn es war noch ein Plumpsklo. Wir wohnten im dritten Stock und sahen von unseren Fenstern in einen engen Hof, auch in einen kleinen Hof eines Hauses in der Vorgartenstraße und von unseren Gangfenstern sahen wir in den Turnsaal der Vorgarten­schule. In dieser Schule habe ich meine Volksschulzeit verbracht. So mußte ich nur um den Häuserblock gehen. Die Schule feierte 1992 ihr 100-jähriges Jubiläum.

Doch kurz zurück zum Haus. Die Waschküche war im Keller, und da der Abfluß des Kanals höher lag, mußte man über eine kleine Holztreppe steigen und dann noch den Kübel in die Höhe heben, um ihn ausleeren zu können. Heute gibt es diese Situation nicht mehr. Es wurden Wohnungen zusammengelegt und Wasser und WC eingeleitet. Auch ein Aufzug wurde eingebaut.

Zwischen Ennsgasse-Jungstraße-Vorgartenstraße und Wohlmutstraße war früher der städtische Reservegarten, der jetzt in Hirschstetten ist. Vor dem Reservegarten in der Vorgartenstraße war zwischen Ennsgasse und Jungstraße in der ganzen Länge der Vorgartenmarkt. Ich bin gerne mit meiner Mutter und meiner Schwester dorthin einkaufen gegangen. Auf dem Platz des ehemaligen Reservegartens stehen jetzt vier Wohnblocks mit je neun Stockwerken, ein großer Kindergarten sowie eine Mittelschule. Am Ende der Hochhäuser bis zur Wohlmutstraße ist jetzt der Vorgartenmarkt in drei Reihen. Wo der Markt früher war, ist jetzt ein Autoparkplatz für die Mieter der Hochhäuser.

Es gab auch damals in unserer Gegend viele Geschäfte aller Branchen. Geblieben ist die Erz­herzog-Karl-Apotheke in der Ennsgasse, jedoch modernisiert, sowie eine Parfümerie in der Ennsgasse und eine Papierhandlung in der Wolfgang-Schmälzl-Gasse. Jetzt sieht unsere Gegend nicht mehr schön aus. Viele leere Geschäfte, die immer mehr verschmutzen.

Zurück in die Vergangenheit: Am Mexikoplatz ist auch der Kirchenpark. Benannt nach der Jubiläumskirche, geweiht dem heiligen Franz von Assisi, die der Orden der Trinitarier betreut. Meine Schwester und ich spielten gerne im Kirchenpark, doch noch lieber im Rosenpark, der in gleicher Höhe ist, aber über der Lassallestraße. Beide Parkanlagen gibt es noch heute.

Als die alte Reichsbrücke, bis 1918 die Kronprinz-Rudolf-Brücke abgetragen wurde, wurden viele Quadersteine zwischen der Donauuferbahn und der Donau gelagert. Für uns Kinder ein idealer Platz zum Klettern. Wir kamen so hoch hinauf, daß wir die Blüten der Akaziebäume ereichen konnten und aßen. Die Blüten schmeckten sehr süß. Sonst vergnügten wir uns mit Tempelhupfen (Kreide hatten wir immer dabei), Diabolo schupfen und mit Murmeln spielen. Auch die Springschnur war sehr beliebt.

Im Jahr 1927 war ich noch zu klein, um das Geschehen des Justizpalastbrandes zu verstehen, doch 1934 war es schon arg. Vor unserem Wohnhaus standen Kanonen, mit denen zum Goethehof hinübergeschossen wurde. Das Haus bebte. Ich möchte keinen Bürgerkrieg mehr erleben. Auch sonst keinen Krieg mehr.

Als 1937 die Rotunde abbrannte, waren meine Schwester und ich mit meiner Mutter am Dachboden Wäsche aufhängen. Meine Mutter sah zum Dachfenster hinaus und rief: „Kinder die Rotunde brennt.“ Wir ließen alles stehen und rannten los. Wir konnten noch den Einsturz der Kuppel sehen. Dies hat uns sehr betroffen gemacht. Nachholen möchte ich noch, daß ich die Hauptschule in der Wolfgang-Schmälzl-Gasse besuchte. Der Max-Winter-Platz hieß damals Sterneckplatz, und auch die Schule war die Sterneckschule. Heute wird sie nur nach den Straßen benannt.

Über den 2. Bezirk möchte ich im allgemeinen sagen, daß er eigentlich durch den Praterstern geteilt war. Es gab die obere Leopoldstadt zwischen Praterstern und Donaukanal. Dieser Teil war die Mazzesinsel. Ich glaube, der Name kommt daher, daß es ein jüdisches Brot gibt, das Mazzes heißt. Es sieht aus wie Oblaten und schmeckt gut. Ich habe es schon gegessen.

Die untere Leopoldstadt, da wo ich wohne, also zwischen Praterstern und Donau, war der schönere Teil der Leopoldstadt, es gab in meiner Jugendzeit in unserer Gegend keine Prostitution und keine einschlägigen Lokale. Die waren alle in der oberen Leopoldstadt angesiedelt. Bekannt dafür war die Zirkusgasse. Leider gibt es dies nun bei uns mehr als uns lieb ist. Das bekannte Stuwerviertel.

Unser Prater hat sich auch sehr verändert. Beim Eingang zum Riesenrad war links das Lustspielkino, schräg gegenüber das Kristallkino. Knapp vor meinem 18. Geburtstag wollte ich mir einen Film im Kristallkino ansehen, der aber nicht jugendfrei war. Ich wurde wegen einiger Tage nicht hineingelassen. Der Film hieß „Die goldene Stadt“. Ich werde das nie vergessen. Dann unsere schöne Hochschaubahn, mit der ich so gerne gefahren bin, die aber leider bei Kriegsende abgebrannt ist. Der Prater erstreckte sich bis zum Praterstern. Links gab es Hallen, da konnte man Getränke kaufen und auch etwas zu essen. Dann war eine kleine Stadt aufgebaut, da wohnten Liliputaner drinnen. Wir waren einmal von der Schule aus drinnen. Rechts in der Ausstellungsstraße waren noch Belustigungen und zum Schluß der Zirkus Busch; nachher wurde es das Buschkino.

In Zeiten der großen Arbeitslosigkeit standen Leute entlang der Kohlenhofmauer in der Lassallestraße und warteten auf Autos, die mit Koks beladen waren. Mit langen Stöcken versuchten sie dann, etwas Koks herunterzuholen, was auch meistens gelang, da die Autos sehr hoch beladen waren. Entlang der Lassallestraße war ja früher der Kohlenhof.

Am l. September 1939 habe ich eine Bürolehre in einer Elektro-Großhandlung begonnen. An diesem Tag begann der Zweite Weltkrieg. Auch dieses Datum werde ich nie vergessen. Es kam eine schwere Zeit, Wir waren nur eine kleine Firma. Die Männer mußten einrücken. So blieb oft für die Büroarbeit wenig Zeit, denn man mußte dann alles machen.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Ein Leben rund um den Mexikoplatz

Verfasst von Wilhelmine Terp

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk, Stuwerviertel, Mexikoplatz
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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