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Großvaters Garten und sein Häuschen

von Herta Rohringer

Mein Großvater hatte zur Zeit des Ersten Weltkrieges, gemeinsam mit anderen Bediensteten der Wiener Tramwaylinien, ein Stück Brachland an der Südseite des Schafberges in Hernals erworben. Im Sinne Schrebers und der damaligen Not gehorchend schufen sie kleine Paradiese.

Unseres war genau 140 Quadratmeter groß. Die Gartenhütte war selbst gebaut, zur Isolierung wurden alte Zeitungen verwendet. Wir fanden sie beim Abriss in den Sechzigerjahren. Alles war denkbar einfach, und doch wie viel Kinderglück damit verbunden!

ein alter Mann auf einer Bank vor einem Schrebergartenhäuschen sitzend
Großvater vor seinem Gartenhaus (1927)

Mein Großvater war der geborene Gärtner, mit viel Liebe und Wissbegier brachte er sich alles selbst bei. Er konnte veredeln, okulieren, pfropfen etc. Seine 57 Stück Edelrosen hatten weit und breit Bewunderer. Für einige Obstsorten erhielt er sogar Auszeichnungen, weil sie besonders hohe Qualität aufwiesen. Er fuhr täglich mit einem Leiterwagerl mit Kübel die Alszeile ab, um den Rossmist einzusammeln. Auch noch während des Zweiten Weltkrieges gab es genügend Reiter und Pferdegespanne. Die Reiter waren von der SS und am Schafberg auf den Knorrgründen stationiert. Heute befindet sich dort das Schafbergbad. Der gesammelte Pferdemist war in Verbindung mit dem Lehm-Lössgemisch des Gartens ein Elixier für alle Pflanzen.

Der Garten und mein Großvater faszinierten mich von frühester Kindheit an. An seiner Hand lernte ich die Pflanzen unterscheiden und den Jahreszeiten zuordnen. Ab den Volksschuljahren gab er mir ein freies Stückchen zu meiner Verfügung; hier legte ich einen Miniaturgarten für meine Püppchen an. Ich steckte Blumen und kleine Pflanzentriebe in die Erde, bald erkannte ich, dass nicht alle verwelkten, ja, manche sogar weiterwuchsen. Meine Überraschung nützte der Großvater, um mir Ableger, Absenker, Stecklinge und Samenvermehrung zu erklären. Ich musste dann natürlich alles ausprobieren. Als es mit der Schule zum Heilkräutersammeln ging, war ich schon gut vorgebildet.

altes Gartenhaus hinter Obstbäumen mit der Unterschrift "Mein Haus"
Das alte Gartenhaus bestand bis 1964

Das Allerschönste war für mich aber das Gartenhäuschen. Trotz dem leichten Modergeruch, der einem beim Aufsperren entgegenschlug, war es mein Paradies. Furcht vor Spinnen oder anderen Insekten waren bei mir durch eine vernünftige Erziehung gar nicht entstanden. Zwischen den Blumenampeln vor den kleinen Fenstern gab es oft Spinnennetze, lebende Moskitonetze nannte sie mein Vater, sie störten mich nicht beim Spielen.

Das Häuschen bestand aus einem rechten und linken Teil, der Eingang war in der Mitte und führte in einen Vorraum. Dies war eigentlich ein Gang, der die beiden Räume verband. Durch ein großes Glasfenster an der Gartenseite fiel genügend Licht auf ein als Ablage und Arbeitsfläche unterhalb befestigtes Brett. An der Rückseite befand sich noch ein winziges Kämmerchen, das als Waschraum mit einem emaillierten Metallständer für Lavoir, Waschkrug und Seifenschale (mit der unvermeidlichen Rif- oder Kernseife) sowie Handtuchhalterung, ausgestattet war. Auch Besen und Mistschaufel waren darin untergebracht. Die Türen zu diesem Kammerl und zum rechten Raum waren meist an die Wand gelehnt; dahinter verbarg sich die Leiter, die zum Dachboden führte. Ich entdeckte sie erst nach vielen Jahren.

Gegenüber vom Eingang in den rechten Raum war eine Glastüre, die zur Gartenwasserleitung und zum betonierten Grand führte. Ein großer Fliederstrauch und eine gefüllte Deutzie bildeten die Grenze zum Nachbar. Die Glastüre war mit einem bunt gemusterten durchscheinenden Papier beklebt, was bei Sonneneinfall an Kirchenfenster erinnerte und bunte Kringel und Muster an Boden und Wand entstehen ließ. Sie waren dazu angetan, meine Märchenphantasien zu beflügeln. Zwischen den beiden kleinen Fenstern stand mein Kindertischchen und mein kleiner Sessel. An der Rückwand befand sich ein alter Ottoman. Er hatte eine Lade, die alle Glückseligkeit meines Herzens barg, verschiedenes kleines Puppengeschirr und das „Pimperltheater“. Vorerst spielte ich mit den Pimperln alleine. In späteren Jahren durfte ich auch die Bühne aufbauen und den Kindern in der Kolonie eine Vorstellung geben.

Autorin als etwa 5-jähriges Mädchen und ihr Großvater im Garten
Die Autorin mit ihrem Großvater (um 1940)

In den letzten Kriegsjahren lebten teilweise auch Flüchtlinge in den Schrebergärten. Meine Zuschauerzahl überstieg daher meist das Platzangebot zwischen Großvaters sorgsam betreuten Beeten. Obwohl er sehr bedacht war auf sein kleines Paradies, durfte ich immer Kinder in den Garten einladen. Es waren für uns trotz aller Not rundum wunderschöne Erlebnisse.

In den folgenden Jahren wurde der Schubladkasten, der nach dem Tod meines Großvaters in den Garten übersiedeln musste, immer interessanter. Vorher stand er im Kabinett, das der Großvater bewohnte. In seinen Schubladen hatten die Kinder der Großeltern geschlafen, von denen nur zwei die Kleinstkindzeit überlebten. Im Gartenhäuschen beherbergte er nun die alten Bücher und die Schellacks meines Vaters. Obenauf stand die alte Biedermeieruhr noch mit altem Glassturz, der später aus Unachtsamkeit zerbrach. Außerdem gab es ein Grammophon mit einem Trichter. Dies war für mich in der Pubertät der große Anziehungspunkt. Die Jazzplatten meines Vaters und die alten Operettenaufnahmen verdrängten das Pimperltheater. Da ich eine Leseratte war, verschlang ich alles, was gedruckt zu finden war. So kam es, dass ich Sven Hedins „Durch Asiens Wüsten“ früher kennen lernte als „Heidi“ und „Trotzkopf“. Auch „Klaus Störtebeker“ stand mir näher als die damals gängigen Mädchenbücher, die für mich durch den Verlust an Büchereien nach dem Krieg nicht fassbar waren.

An kalten Herbst- und Frühlingstagen wärmte uns und unser Essen ein Petroleumkocher, und eine Petroleumlampe gab uns das nötige Licht. Im Sommer kochte meine Mutter zu Hause und trug dann das Essen in einem geflochtenen „Spezialtragl“ in den Garten. In diesem Tragl konnte man drei bis vier Porzellangefäße so einstellen, dass sie weder verrutschten noch etwas verschüttet wurde. Das starke Porzellan speicherte die Wärme der Speisen enorm.

Damals war allerdings der zweite Raum von meiner Mutter nett hergerichtet worden. Dieser wurde immer das „Salettl“ genannt. Die gesamte Vorderseite war eine Fensterfront, dadurch war der Raum hell und freundlich. Vor einiger Zeit fand ich ein ganz altes Photo, auf dem dieser zweite Raum noch als Salettl zu erkennen ist. Großvater dürfte es erst im nachhinein mit Vaters Hilfe winterdicht gemacht haben.

Eine Personengruppe mit zwei Männern in Uniform, zwei jüngeren und einer älteren Frau sowie zwei Kindern vor einem Gartenhaus mit einem halboffenen, überdachten Teil
Das Gartenhaus (um 1916); stehend von links die Großmutter und deren älterer Sohn Leopold, im Vordergrund sitzend der Vater der Autorin, Friedrich August

Hier hielten wir uns nach Großvaters Tod am liebsten auf. Zu seiner Zeit war es wie in einer Alchimistenstube. Im Sommer hingen überall Pflanzen zum Trocknen, vor allem Tabakblätter für seinen Pfeifentabak. Im Herbst blubberte es aus verschiedenen Plutzerflaschen, in denen er Most erzeugte, meist sauer wie Essig. Aber mein Großvater war absolut für „bio“, lange bevor dies zur neuen Weltanschauung wurde. In diesen Mostwochen mochte ich das Häuschen weniger, erst wenn der Most in Flaschen abgezogen lagerte und das Obst mit seinem herrlichen Geruch eingewintert werden konnte, verkroch ich mich wieder gerne darin.

Mein Glück war, dass zur Zeit des Mostes der Zwetschkenbaum eine herrliche Sitzgelegenheit für mich in einer Astmulde bereithielt. Dieser Baum befand sich in der untersten Gartenecke über dem Alpinum. Einige Jahre hindurch gab es dort noch Eidechsen. Durch die Zunahme der Bautätigkeit und das Überhandnehmen von Krähen und Amseln sind sie in den letzten Jahren aus unseren Garten fast völlig verschwunden.

Ich hatte zwei oder drei Jahre hindurch eine fast handzahme. In den trockenen, heißen Sommern der 40er-Jahre kam sie immer, wenn ich ihr auf einem Veilchenblatt Wasser brachte. Ob sie mich hörte, wenn ich sie rief, oder meinen Schritt erkannte, ich weiß es nicht. Einmal war ich zu rasch gelaufen und auf sie getreten. Sie lag wie tot und ich weinte herzzerreißend. Unser Nachbar kam und fragte meine Mutter nach der Ursache. Als er sie erfahren hatte, kam er, nahm ein Hölzchen und stupste sie an. Zu meiner Freude bewegte sie sich wieder und verschwand zwischen den Steinen, leider auch bald ganz. Da einige Zeit später eine Äskulapnatter auftauchte, mag es damit im Zusammenhang gewesen sein.

ein sichtlich neues, hölzernes Gartenhaus, umgeben von Nadelbäumen
Unsere Gartenhütte ab 1968

In den kommenden Jahren war mein Vater an die Stelle seines Vaters getreten. Für meine Tochter bleibt er bis heute der Märchenerzähler schlechthin und für meinen Sohn der Hüter des Kleinkinderparadieses des „kleinen Gartens“. In unseren Gesprächen leben sie alle noch fort, auch wenn wir schon vor Jahren den Garten weggegeben haben. Mein Mann und ich hatten dann einen „großen Garten“ für unser Hobby zur Verfügung, bis wir an den Sohn übergaben.

Informationen zum Artikel:

Großvaters Garten und sein Häuschen

Verfasst von Herta Rohringer

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 17. Bezirk, Schafberg
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre

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