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Ich bin eine Zwischenbrückenerin

von Erika Thiel

Seit 55 Jahren wohne ich hier in einem Genossenschaftsbau, und da ich als Kind – ich bin Jahrgang 1925 – auch im 20. Bezirk zu Hause war, ist mir die Gegend sehr bekannt, obwohl sie, an früheren Zeiten gemessen, fast nicht mehr zu erkennen ist.

Die Lorenz-Müller-Gasse war eine Sackgasse, zu der man von der Dresdnerstraße nur durch einen Fußgängerdurchgang im Bahndamm gelangen konnte. Es gab da auch noch eine kleine Seitengasse, in der damals ein dreistöckiges Haus stand, wo sich heute „Toyota“ befindet. Damals hieß diese Gasse Helgolandstraße, denn sie sollte verlängert und an die Jägerstraße angebunden werden.

Alles andere waren Gärten und Gärtnereien, sozusagen ländliches Gebiet, wo man uns Kindern bei Spaziergängen „Landleben“ zeigen konnte: Gänse, Enten, Ziegen, Misthaufen mit Gockel usw. Prinzipiell war für uns Kinder aus der Brigittenau auf dem Höchstädtplatz die Welt zu Ende. Es war dort die Endstation der Linie 0, das Apothekenhaus, in einem kleinen Gebäude der Fahrscheinvorverkauf und eine kleine Trafik; die anschließend einsame Dresdnerstraße weiterzugehen erlaubten unsere Eltern auf keinen Fall.

Ich erinnere mich auch, daß eine Straßenbahnlinie 34 von der Wexstraße über die Brigittenauer-Lände, Heiligenstädterbrücke, Gunoldgasse und Barawitzkagasse bis Hohe Warte fuhr, wo man in die Linie 37 umsteigen konnte. Wir fuhren sehr selten mit der Straßenbahn (damals Tramway), Wege von bis zu zwei Stunden gingen wir leicht zu Fuß, Fahren war zu teuer.

Bei der Heiligenstädterbrücke war ein Polizei-Wachzimmer, ebenso am Engelsplatz, an der Stelle, wo heute die Straßenbahnlinien 31, 33 und N eine Insel bilden. Diese Wachstube hat sich noch in dem alten Mauthaus befunden, in dem früher für die von Niederösterreich – jenseits der Donau – eingeführten Waren Maut eingehoben wurde.

In der Forsthausgasse stand noch das alte Forsthaus gegenüber der Brigittakapelle, und auch an das Asyl, welches die Dollfuß-Regierung für kinderreiche Familien Ecke Leystraße Adalbert-Stifter-Straße errichten ließ, erinnere ich mich. Es hatte offene Gänge, von denen man direkt die Wohnungen betrat, und WC-Anlagen in einem weitläufigen Hof. Das ist mir so sehr in Erinnerung geblieben, weil doch vorher die rote Gemeinde Wien sehr schöne Wohnungen gebaut hatte und ich diese Gemeindewohnungen kannte, selbst aber mit meinen Eltern noch nicht so gut untergebracht war.

Wenn man so nachdenkt, kommen immer wieder Dinge zum Vorschein, die man längst vergessen glaubte. Daß man damals noch unterschied, ob man in der inneren Brigittenau oder in Zwischenbrücken daheim war, klingt heute fast undenkbar.

Ich war (bin?) eine Zwischenbrückenerin!

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Ich bin eine Zwischenbrückenerin

Verfasst von Erika Thiel

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 20. Bezirk
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag entstand im Juli 2004 im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte", durchgeführt von der Stadt Wien, MA 7 - Kultur, und der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen".

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