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Der Berg II: Die Anreise

von Helmut Drechsler

Für uns Bewohner des Bezirks Alsergrund gab es sonntags drei hauptzuständige Verkehrsmittel in Richtung Bisamberg (beziehungsweise nach Strebersdorf):

Zuerst einmal die Straßenbahnlinien 36 und 5. Letzterer hatte am Wallensteinplatz Direktanschluss zum 132er mit den Endstationen Strebersdorf und Schottenring-Ringturm (vormals Kai-Eßlinggasse). Klarerweise wollten wir aber wegen der ziemlich langen Fahrt Sitzplätze ergattern; also mussten wir den Umweg zur Endstation des 132er am Donaukanal in Kauf nehmen.

In beiden Fällen benötigten wir den 36er-Triebwagen, der nur sonntags durch die Porzellangasse fuhr, und den D-Wagen auf der Strecke Nussdorf-Börse ersetzte, ratterten mit ihm rauf zur Börse am Schottenring und weiter mit einem ‚Ringwagen’ zum Ringturm.

Keine Frage, dass es anders zeitlich kürzer gewesen wäre, nämlich mit dem 36er zum 5er, Haltestelle Julius-Tandler-Platz; dann aber eben ohne die Sitzplatzgarantie.

Früher war es noch effizienter, den 132er bereits in der Eßlinggasse, eine Station vor dem Ringturm, bei dem er damals über die Zelinkagasse die Schleife machte, zu stürmen. Da war nämlich zuallererst die Endstation.

Sonntag, schönes Wetter, keiner hat ein Auto – also wartende Massen. Oberstes Gebot für uns Kinder: Sitz reservieren! An den Erwachsenenbeinen vorbeidrängen und sofort nach dem Entern, wenn sich die Massen der Fahrgäste von vorn und hinten gleichzeitig ins Wageninnere ergossen, wieselflink einen der Doppelsitze zu blockieren und ihn bis zum Eintreffen eines Elternteiles, auch gegen barsches Begehren anderer Fahrgäste, zu verteidigen. Irgendwie. Brenzlige Situation. Es war nicht ausgeschlossen, dass einem erzürnte Brutalos eine Watschn antrugen: „Heast Klana, wennst di jetztn net sofort doda schleichst ...“ Verzweifelter Blick nach hinten, brüllen: „Bitte Papa, tummel dich ...“ Hinten drängten die Massen nach, die Eltern mittendrin eingezwängt ... Na ja, spannend war’s jedenfalls.

Die Lage dieser Endstation war an sich ein bisschen schwachsinnig, denn dort gab es keine Anschlusslinie irgendwohin; wir mussten ein kurzes Stück von der Börse den Ring entlang bergab gehen. Mir war das zwar Wurst – denn ich war ja bereits immer in Erwartung des (für mich) sicherlich überaus befriedigend ausfallenden Bisamberg-Wochenendes, aber die Eltern hatten immer irgendetwas zu tragen, und sei es nur unsere Verpflegung.

So oder so rum, es war jedenfalls eine beachtliche Reise. Wir wohnten eben doch ziemlich im Stadtzentrum und der Bisamberg befindet sich großteils zwar noch innerhalb der Stadtgrenze, aber doch nicht weit von ihrem nördlichsten Punkt entfernt.

Der Platz vor dem vergleichsweise modernen Ringturm, erbaut von Architekt Boltenstern, war ein Teil vom (Kaiser) Franz-Josefs-Kai und jahrzehntelang städtebauliches Versuchsgelände.

Straßenbahngleise wurden ständig um- und neu verlegt, desgleichen die Haltestellen, die Blumenbeete, die Rasenflächen und Fahrbahnteile. Aber man war als Fahrgast ja flexibel, und die gerade aktuelle Haltestellentafel war früher oder später zu finden.

Mich faszinierte an dieser ewigen Umbauerei besonders, dass die Straßenbahnen heute noch dieses Schienenstück benutzten, während die neuen, aber rostigen Schienen ihrer Beschriftung entsprechend schon im neuen Bett verlegt waren. Tags darauf fuhr die Tram vielleicht schon neben den alten, bereits abgetrennten Schienen und übermorgen – oder etwas später – waren die alten Schienen weggeräumt und stattdessen neue Rosenbeete angelegt. Gewaltig! Dass man unsere Erde anscheinend so problemlos verändern konnte!

An dieser neuralgischen Stelle kamen von der Augartenbrücke her immerhin drei Straßenbahnlinien an, vom und zum Ring fuhren vier weitere. Aus dem fernen Kagran kommend machte die Linie 25 die Schleife – vor der Station Schottenring der Stadtbahn, deren Gleise sich eine Ebene darunter, auf Höhe des Donaukanal-Treppelwegs, befinden. Dazu waren noch die einander entgegengesetzten Fahrzeugströme von Schottenring, Kai/Rossauer Lände und Augartenbrücke zu entflechten. (Heute sieht es dort ziemlich anders aus.)

Mit zunehmendem Autoverkehr (die Anzahl der Straßenbahnlinien wurde mit den Jahren eher geringer) war das Schwerarbeit für die Ampelregelung. Zu den Stoßzeiten wurde die Kreuzung prompt zum gordischen Knoten. Damals versuchte man noch (vergeblich) die Entwirrung ohne die immer beliebter werdende Einbahnregelung – oder gar mittels Kreisverkehr – zu schaffen, und das historische Otto Wagner’sche Stationsgebäude der Stadtbahn wurde bei dieser Gelegenheit noch einmal renoviert – zum allerletzten Mal.

An diesem begrenzten Stück Verkehrsfläche wurde sehr deutlich demonstriert, wie großzügig eigentlich unsere gütigen Stadtväter bereit waren, Altes, Überholtes – wie beispielsweise die Promenade und das Stadtbahnensemble – zugunsten des Individualverkehrs aufzugeben. Klar; man muss jedem Bürger oder Besucher der Stadt die Möglichkeit geben, künftig so einfach wie möglich mit seinem Privatauto ins Zentrum zu gelangen – oder wenigstens schnell daran vorbeizufahren.

Genau betrachtet hatte der alte Kaiser Franz Josef seinerzeit ja auch nicht gezögert, den schmalen Bereich zwischen Altstadt und ehemaligem Donauarm so gestalten zu lassen, dass bequem Raum für die Dampfstadtbahn und darüber für Fiaker und Fußgänger nebst den erforderlichen Pissoirs und einer Ahornallee zur Verfügung stand, dem zu erwartenden Verkehrsaufkommen entsprechend. Damals musste halt teilweise eine fade Aulandschaft dem Fortschritt weichen.

Beim letzten umfassenden Umbau – mit dem Zweck, den Individualverkehr weiter ins Zentrum zu holen – wurde gleich auf das alte Stationsgebäude, das daneben gelegene Kinderfreibad, die große Sandkiste und die ruhigen, von Büschen und Bäumen umgebenen Sitzgruppen verzichtet – zugunsten einer wirklich radikal-fortschrittlichen Lösung. Dies natürlich in weiser Voraussicht, denn auch die Donaukanal-Begleitautobahn sollte einmal knapp am Zentrum vorbeiführen, damit sich etwas rührt in der Stadt!

Und diese rührigen Planungsstadtväter, rührend bemüht, mit der Zeit zu gehen, hatten sicher bereits zahlreiche beschwerliche Studienreisen in nordamerikanische Städte auf sich genommen, um dann schlussendlich die Anlage einer zehnspurigen Stadtautobahn in Erwägung zu ziehen. Problematisch war zweifellos dabei die räumliche Unterbringung derselben über dem Donaukanal, ohne links und rechts des Ufers Häuser schleifen zu müssen. Obwohl – sehr viele davon waren ohnehin schwer kriegsbeschädigt. (Ich erwarte den verschämten Rückbau in wenigen Jahrzehnten, wenn sich das Durchfahren im Vergleich mit der Neuschaffung von Erholungsflächen im Zentrum als unterbindenswert erweist.)

Apropos Amerika: Wir warteten in der darauf verlegten Endstation am Kai auf einen echten ‚Amerikaner'.

Der Amerikaner war ein einzelner Straßenbahntriebwagen, der – von der Augartenbrücke kommend – seine Runde um eine Baumgruppe drehte, um dann bimmelnd in die Haltestelle einzufahren. Leer natürlich; die Fahrgäste hatte er ja vorher drüben, ringseitig, abgeladen. Bimmelnd natürlich, weil ständig jemand auf den Schienen herumlief – ich zum Beispiel, weil’s einfach aufregend war.

roter, etwas breiterer Straßenbahntriebwagen als in Wien gewohnt
Foto: http://www.erlebnisbahn.at/erben/bilder/tram034g.jpg

Er, der ‚Amerikaner’, war ein auffälliges, weil fremdländisches Verkehrsmittel, angeblich aus New York importiert. Dort sei er wegen Auflassung der Straßenbahn ausgemustert und preiswert den Wienern überlassen worden, hieß es gerüchteweise. Wozu?

Der Wiener Tramway-Wagenpark sah nach dem Krieg hoffnungslos veraltet aus. Da zahlreiche Triebwagen und Anhänger im Bombenkrieg rettungslos zerstört worden waren, hatte man zwangsläufig alles, was irgendwie nach Bim aussah und sich noch aus eigener Kraft fortbewegen konnte, wieder in Dienst gestellt. Es war hoch an der Zeit für eine Modernisierung. Daher: Sonderangebot!

Nach dem notwendigen Umbau war der Amerikaner damals trotzdem der technisch eindeutig modernste österreichische Straßenbahn-Triebwagen:

Ein Rundumblechgehäuse, ausgestattet mit pneumatischen Falttüren und Klapptreppe und doppelten Schiebefenster mit Rasten. Der weiß gestrichene Fahrgastraum mit Heizgebläsen beinhaltete mit rotem Kunstleder bezogene Polster(!)sitze, Anordnung wie in einem Bus, bei denen die Lehne sogar je nach Fahrtrichtung umgeklappt werden konnte.

Der Fahrersitz(!) – eine absolute Novität, dass sich ein Bimfahrer im Dienst niedersetzen konnte und durfte – war etwas vom Fahrgastraum abgetrennt. Noch dazu bewegte sich der rundliche, rot-weiße Kasten relativ geräuscharm durch die Gegend.

Im Vergleich dazu hatten die Wiener Straßenbahnwagen österreichischen Ursprungs, die den Krieg irgendwie überstanden hatten, aus Holzleisten (Sprießerl) zusammengesetzte Bänke, offene Schiebetüren, und der Fahrer stand auf der – nun immerhin schon geschlossenen – Plattform, emsig mit der Messingkurbel im Schaltkasten umrührend. Die Läutesignale gab der Schaffner mit einer Lederleine, die sich durch den ganzen Wagen zog, der Fahrer trat seine Signalglocke mittels Fußhebel. Bimmmm! Vor-sintflut-lich! Im Amerikaner dagegen gab es Druckknöpfe; das Gebimmel hörte sich nach auf den Boden fallenden Eisenstäben an.

Wir hätten auch den 133er – gleichfalls vom Typ Amerikaner – benützen können, aber da mussten wir spätestens am Floridsdorfer Spitz doch wieder in den 132er umsteigen und fallweise auf die Sitzplätze verzichten.

Das mit dem Sitzplatz war überhaupt ein Kapitel für sich: Es war wirklich äußerst lästig, als Kind in der Bim, eingezwängt zwischen Erwachsenen zu stehen und herumgeschubst zu werden. Sitzen dagegen, sein eigenes Revier mit Respektabstand zur Verfügung zu haben, beim Fenster hinausschauen zu können, das war schon etwas wert.

Es wurde einem Kind zwar eingetrichtert, alten Leuten Platz zu machen – was bei offensichtlich klapprigen Personen auch Sinn machte und Verständnis auslöste (Kinder schauen sich die Leute schon sehr genau an). Aber: wenn eine kugelförmige Walze (ein Paradoxon an sich) hurtig die hohen Stufen heraufkletterte, um dann zielstrebig auf ein sitzendes (nicht durch die Mutter abgeschirmtes) Kind zuzusteuern und mit dem Spruch „Steh auf Klana, gib Platz her, hast junge Fieß!“ ein Anrecht auf Platzreservierung einzufordern, dann konnte man sich einer solchen, sogenannten ‚Schastrommel’ gegenüber, schon widersetzlich zeigen. Ein bisschen zumindest.

Per Zufall kam es sogar vor, dass ‚Tante’ Mimi (die jüngere von ‚Tante’ Marias Töchtern) ab Station Wallensteinplatz, manchmal auch erst am Floridsdorfer Spitz, zu uns einstieg und mich fürs Wochenende – großzügig wie sie war – mit einem ‚Fix-und-Foxi’-Heft ausstattete. Leider stieg sie selten zu.

Der Anmarschweg von der Straßenbahn-Endstation in Strebersdorf hinauf zum Garten war ordentlich lang, und so kam man mehrmals an dem anfangs erwähnten Teergeruch vorbei, den verschiedene Holzzäune am Weg ausströmten. Wir passierten entlang des ganzen langen Weges durch das Dörfchen zahlreiche einfache Heurigenlokale, ohne jedoch einzukehren. Das kostete erstens etwas und zweitens hatten wir selber genug Wein. Außerdem – morgens schon trinken?! Das war nur was für unsere geschätzten Hausmitbewohner, die lieben Sonnenscheins.

Auf großen Tafeln stand da, wo sich derzeit Weintrinker treffen konnten, und dort, wo ein – abends beleuchteter – Reisigbuschen vor dem Tor hing, waren immer genug Menschen drinnen. Die konnte man bis auf die Straße hören. Also – so stellte ich mir vor – kann man Wein anscheinend auch ganz gut verkaufen. Wenn man wollte. Der Bisamberger wollte das, so wie es aussah, nicht. Ein anderer Weinhauer, drei Parzellen weiter, schon.

Unsere Stammroute zum Garten, ein sogenannter ‚Abschneider’, führte durch eine richtig erdige und schon sehr ländliche Gegend: Nach der Endstation, wo der 132er (damals in einem Feld) die Schleife machte, gingen wir ein Stück an weiteren Feldern vorbei durch die Russbergstraße, dann bog man die erste Straße links ab und kam, nach einigen weiteren Häusern und Feldern zu einem traumhaften, ausgedehnten Froschtümpel.

Abends, am Heimweg, war der Tümpel durch zwei Gaslaternen romantisch erhellt, das Grillengezirpe, das einen bis dahin begleitet hatte ging nahtlos ins Froschgequake und anschließend wieder ins Gezirpe über. Es war ein unglaublich ohrenfüllendes Konzert.

Dann war eine Nebenstraße zu überqueren, an die der Tümpel angrenzte, ein Weg zwischen Kukuruzfeld und Obstgarten führte an einer bedenklich windschiefen Keusche vorbei, dann kam eine Mauer mit einem steinernen Torbogen, und war man da durch, stand man auf der breiten Langenzersdorfer Straße, nahe der Lehrerbildungsanstalt. Eine Tafel neben dem Torbogen gestattete diese soeben beschriebene Wegabkürzung allerdings nur ‚Bis auf Widerruf’.

Ich kam lange nicht dahinter, was so ein Widerruf wirklich war. Irgendwie schien es mir aber nicht ratsam, hier so einfach durchzugehen; denn wenn dann plötzlich auf halbem Weg möglicherweise so ein Widerruf erschallte – was dann?

Eines Sommers wurde neben dem Kukuruzfeld eine Freileitung mit fortschrittlich hellen, elektrischen Straßenlampen anstelle der altmodischen Gaslaternen errichtet. Ich muss damals schon eine Abneigung gegen Veränderungen meiner vertrauten Umgebung gehabt haben, denn das hat mich unangenehm berührt. Die nächtliche Stimmung beim Tümpel, auf die ich mich jedes Mal gefreut hatte, war durch die hellen Lampen plötzlich zerstört. Wahrscheinlich haben die Frösche das auch so empfunden, denn das ohrenbetäubende Gequake hatte nun deutlich abgenommen. (Heute ist der Tümpel selbstverständlich zugeschüttet - die Frösche waren den Anrainern zu laut.)

Es ging einige hundert Meter diese breite Straße entlang, und dann, bei einer Straßengabelung, wo eben linker Hand die Straße nach Langenzersdorf weiterführte, kamen wir, rechts bleibend, inmitten von Feldern, an einem einzelnen Häuschen mit einem großen Vorgarten, vorbei. Im Garten stand ein auffallender, riesiger, bemalter Gips-Fliegenpilz, und die Haustüre hatte eine eigene Klappe für den Hund, der zur Bewachung des Schwammerls eingeteilt war. Im Vorbeigehen sah ich mir jedes Mal das Schwammerl sehr genau an; es war offenbar wirklich nicht echt, weil es jahraus, jahrein unverändert blieb. Erst als die Farbe abzublättern begann, fing ich an, mir ernste Sorgen um den Weiterbestand des Ersten Strebersdorfer Kunstpilzes zu machen.

Gleich kurz danach bogen wir rechts in die Felder ab; ein Damm, bei der Kellergasse endend, führte direkt in die Obere Jungenberggasse, jene Gasse, in der sich auch Opas Garten befand.

Informationen zum Artikel:

Der Berg II: Die Anreise

Verfasst von Helmut Drechsler

Auf MSG publiziert im Dezember 2010

In: Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 1. Bezirk / Wien, 21. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist einer von vier hier wiedergegebenen Textausschnitten aus einem umfangreicheren lebensgeschichtlichen Manuskript des Autors mit dem Titel "Der Berg".

Fortsetzung in Beitrag "Der Berg III: Lokalaugenschein im Gelände".

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