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Der Yppen- und Brunnenmarkt

von Angela Tentschert

An schulfreien Tagen in den großen Ferien hieß es jeden Freitag: Auf zum Markt, für die ganze Woche frisches Gemüse und Obst kaufen, welches am Markt wesentlich billiger und frischer als beim Greißler war.

Die Anmarschroute war nicht gerade die kürzeste, deshalb hielt sich meine Freude auch in Grenzen. Über die Lobenhauerngasse, Wichtelgasse, Geblergasse ging es bis zur Ecke Rosensteingasse. Dort befand sich der Dürrkräutler – er hieß Kajetan Hobiger – da kaufte Mama ihre Gewürze wie Majoran und Tees. Es roch für meine Begriffe seltsam, geheimnisvoll. Heute würde man zu Hobigers Geschäft Reformhaus oder Drogerie sagen, obwohl der Begriff nicht exakt stimmt, da es bei Hobiger außer Gewürzen und Kräutern nichts anderes zu kaufen gab.

Mädchen mit Frau beim Auspacken einer Handtasche
Die Autorin mit ihrer Mutter (Mitte 1950er Jahre)

Nachdem Mama diesen Einkauf getätigt hatte, Herr Hobiger hatte über Mittag gesperrt, die Kräuter wogen ja nicht viel, ging es weiter durch die Kalvarienberggasse, am gleichnamigen Kino vorbei zur Ottakringerstraße, runter bis zur Weyprechtgasse und vor zum Yppenmarkt, dessen Standln in der Brunnengasse direkt in den Brunnenmarkt übergingen.

Der Platz war erfüllt vom Schreien der Standler, die sich gegenseitig mit dem Anpreisen ihrer Ware überboten. Mittags um 12 Uhr musste der Platz geräumt sein, und da es ja – speziell im Sommer – keine ausreichende Kühlung gab, versuchten die Standler, möglichst die ganze Ware vor Mittag an die "Hausfrau" zu bringen. Deshalb war es günstiger, nicht gleich am frühen Morgen zu kommen, weil gegen Mittag zwei Salate zum Preis von einem angeboten wurden. Dass die Verkaufszeiten eingehalten wurden, darüber wachte, wie auch heute noch, das Marktamt.

„Marschansker hab i da, da Kilo 70 Groschen!“ (Dieser Apfel heißt hochdeutsch Meißner Apfel.) „Goldreineda (Goldrenette), Boskop, Strudler, Grundsteiner, meine Damen, da Kilo nur ...“, schrie man durcheinander. Dabei handelte es sich ebenfalls um Apfelsorten, die es zum Teil heute nicht mehr gibt.

Gemüse, Obst gab es nur nach Jahreszeit, da man ja kaum einen Eiskasten, geschweige denn einen Gefrierschrank, zur Verfügung hatte. Die "besseren Leute" hatten WC und Fließwasser sowie ein Dienstbotenkammerl und eine "Speis" – einen kühleren Raum zum Lagern von Lebensmitteln. Aber das waren nur wenige.

Irgendwann gab es auf der Höhe des Kaufhauses Osei ein neuartiges Lebensmittelgeschäft, da konnte man sich die Waren selbst nehmen, also sich selbst bedienen. Es war möglicherweise das erste Selbstbedienungsgeschäft Österreichs. Anscheinend waren die Preise auch niedriger, denn von da an schleppten wir Kunsthonig und Marmelade auch noch vom Brunnenmarkt nach Hause!

Beim „Pracker“ – das Wort ist heute nicht mehr im deutschen Wörterbuch zu finden – kauften wir Schnittbananen. Eine Marktfrau verkaufte die Ware von einem kleinen, hölzernen Wagen, der nur aus einer Ablagefläche und einer Stange zum Ziehen bestand. Bei Schnittbananen wurden einfach die überreifen Teile weggeschnitten – dafür kostete das Kilogramm nur S 1.– oder S 1.50, das war der halbe Preis.

Der Maikönig, grüner Häuptelsalat mit einem besonders großen Herz, entzückte mich wenig, umso mehr freute ich mich auf die unvergleichlich guten Kaiser-Orangen, deren Preis ein wahrer Luxus war! Zwölf Schilling das Kilo! Bedenkt man, dass das Kilo 15 Jahre später, 1970, 14 Schilling kostete, kann man ermessen, wie teuer diese Orangen waren. Und ich hatte in den Weihnachtsferien zwei Kilogramm auf einen Sitz verspeist, weil ich aus Bequemlichkeit die Orangen mit der Schale einfach geviertelt hatte. Ich wollte mich wegen meiner spannenden Lektüre nicht mit dem Schälen aufhalten ...

Das Theater, das meine Mutter machte, hatte sich gewaschen; ich glaube, ich habe sogar eine Ohrfeige gefangen. Die Orangen waren nämlich für die Weihnachtsfeiertage und auch für meine Eltern bestimmt. Diese Orangen waren in ein Papier gewickelt, auf dem berühmte Menschen wie Entdecker, Erfinder usw. aufgedruckt waren. Das machte mich zur Sammlerin, leider waren oft doppelte Drucke dabei.

Im Herbst gab es oft Schwammerlsauce; Schwammerl waren nicht nur sehr schmackhaft, sondern im Verhältnis zum Fleisch sehr billig. Herren- und Steinpilze, Eierschwammerln und Hallimasch – Letzterer ist nicht mehr im Sortiment zu finden, weil man irgendwann festgestellt hat, dass der Pilz bei empfindlichen Personen Magenbeschwerden hervorruft. Ich hatte nie Probleme und erinnere mich gern an den ausgezeichneten Geschmack.

Voll bepackt traten wir also den Heimweg an, von dem ich hoffte, dass er über die andere "Route" ging. Das hatte seinen Grund: Wenn wir über die Friedrich-Kaisergasse und den Johann-Nepomuk-Bergerplatz, vorbei an der Feuerwache, die es noch heute gibt, in die Taubergasse bis zum Bayerplatz gingen, dann standen die Chancen, dass wir aus der dortigen Konditorei eine Maronibombe mitnahmen, sehr günstig! Diese Konditorei hatte besonders viele Mehlspeisen mit Kastanienreis und Schlagobers. Und weiter ging es über die Mayssengasse, wo uns der Duft der Manner-Fabrik umfächelte, der einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Mit der Manner- Fabrik hängt auch ein ganz persönliches Erlebnis zusammen: Eines Tages kam mein Vater – er arbeitete bei der ÖBB – mit etwa zehn Tafeln Manner-Fruchtschokolade nach Hause und erzählte, dass er mit einem LKW voll Schokolade zu tun hatte, die verbrannt werden sollte, weil sie angeblich verdorben war. Mir ist noch immer unklar, wie Papa es trotz Überwachung schaffte, diese Schokolade an sich zu bringen und was die ÖBB damit zu tun hatte. Es war jedenfalls die erste gefüllte Schokolade, die ich aß, mit Himbeer- und Orangenfüllung. Mir hat sie sehr gut geschmeckt, und ich bin kein bisschen krank davon geworden!

Nahmen mir den Rückweg vom Markt über die Geblergasse, bekam ich die obligate Bärentatze, ein Blätterteiggebäck mit Marillenmarmelade gefüllt und in der Form einer Bärentatze nachempfunden.

Zu Hause angekommen, konnte ich mich wieder meiner liebsten Beschäftigung, dem Lesen, hingeben. Bis zum Ende meiner Volksschulzeit waren es die Bücher von Karl May – ich habe alle 70 Bände gelesen –, dann brachte mir mein Vater aus der ÖBB-eigenen Leihbibliothek Kriminalromane, die ich von einer Woche zur anderen förmlich verschlang. Diese Leidenschaft ist mir bis heute geblieben.

Informationen zum Artikel:

Der Yppen- und Brunnenmarkt

Verfasst von Angela Tentschert

Auf MSG publiziert im Jänner 2011

In: Schreibaufrufe, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 16. Bezirk / Wien, 17. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre

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