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Die Quellenstraße und Umgebung

von Gabriele Stöckl

Vergangene Woche war in „Wien heute“ ein Bericht über ein Projekt, das die Quellenstraße im 10. Bezirk Favoriten für einen Monat zur Kulturstraße erklärt. Anlass genug, mich der Straße, die auch meine Hauptstraße war, zu erinnern.

Ursprünglich war es die Quellengasse (Nr. 179), wie auf dem Foto zu lesen, auf dem unter anderem mein Großvater, geb. 1879, als Bäckergeselle (mit weißer Schürze) abgelichtet ist.

Wiener Häuserfront mit einigen Personen
Die Quellenstraße, damals Quellengasse (1894)

Er wohnte mit seiner jüngeren Schwester bei der Großmutter (geb. 1818) im Haus Quellenstraße 128, da seine Mutter als Schauspielerin Adele Feretti herumtingelte. In der „Krone“ war vor einigen Jahren eine Wohnung zum Kauf angeboten, und anhand der Karte kam ich drauf, dass sich diese in dem Haus befand, in dem meine Ururgroßmutter gewohnt hatte.

Das Haus, in dem mein Vater am 26. Oktober 1911 geboren wurde, trägt (laut Geburtsurkunde) die Adresse Quellenstraße 153.

Aus der Erinnerung meines Vaters:

Damals war es noch nicht üblich, dass man zur Entbindung in ein Spital ging. Das Haus Quellenstraße 153, zwischen Leebgasse und Van der Nüllgasse, war ein Bau aus der Gründerzeit. Es war ein Spekulationsbau, der Vornehmheit vortäuschte. Und zwar war ein mit reichlich Stuck wunderbar verzierter Hausflur, die Fenster waren mit geätzten Scheiben versehen und alle Wohnungen hatten Doppeltüren. Allerdings die Wohnungen selbst waren sehr, sehr klein und ohne jeden Komfort. In den Wohnungen waren keine Wasserleitungen, sondern man musste zur allgemeinen „Bassena“ auf den Gang gehen. Auch die Klosetts waren für alle Parteien eines Stockwerkes gemeinsam. Gas und elektrisches Licht gab es noch nicht in diesem Haus. Wir mussten also einen Herd beheizen und Petroleum brennen.

Das Haus war vierstöckig. Wir wohnten im 3. Stock, Tür Nr. 19, das heißt, eigentlich schon im letzten Stock, nachdem der 1. Stock als Mezzanin ausgebildet war. Im Mezzanin selbst wohnte der Hausherr. Diesem mussten wir sehr devot begegnen, und vor allem mussten wir Kinder ständig „Kiss die Hand“ sagen. Auch zu Weihnachten bzw. Neujahr mussten wir gratulieren gehen. Wir bekamen dann eine Kleinigkeit und jede Menge guter Lehren. Es war also ein patriarchalisches Verhältnis.

Unser Spielplatz war die Straße. Höchstens, dass wir manchmal auf die Wiesen, eine halbe Stunde von der Wohnung entfernt und zu den Ziegelteichen gingen. Die Quellenstraße, in der wir zuerst wohnten, war für den 10. Bezirk so eine Art Nobelstraße mit Kastanienallee, währen die Siccardsburggasse eine eher anrüchige Gasse war. (…) Die Quellenstraße war ihrem Rang gemäß gepflastert, auch die Pernerstorfergasse, früher Eugengasse, und wurde später sogar asphaltiert. Die anderen Gassen in der Umgebung waren nur gewalztes Erdmaterial.

Wiener Häuserfront mit einigen Personen wie aus dem 19. Jahrhundert
Pernerstorfergasse

Als die Quellenstraße 1950 zu meinem täglichen Schulweg wurde, war sie noch immer eine Allee aus Kastanienbäumen. Im Frühling trugen diese blühende Kerzen, im Sommer dienten sie als Schattenspender, und im Herbst erfreuten wir Kinder uns an den Kastanien, aus denen wir in der Schule lustige Dinge bastelten. Das Bastelzeug lag somit direkt auf dem Schulweg. Der 6er war noch auf der Gudrunstraße unterwegs. Der Verkehr, nicht übermäßig, wurde an den großen Kreuzungen von einem Wachmann geregelt.

Jedes Mal, wenn ich mit dem 6er durch die Quellenstraße fahre, gehe ich gedanklich meinen Schulweg, bis zur Bernhardstalschule. Jetzt könnte ich mit der Straßenbahn in die Schule fahren. Jedes Mal, wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin, zeige ich ihr, wo wir gewohnt haben, wo Großmutter wohnte, wo ihr Opa geboren ist, die Schule, in die ich ging. Sie verdreht zwar die Augen, aber ich zeige es ihr immer wieder.

Wir wohnten in der Leebgasse, nahe der Quellenstraße. An der Ecke war ein Gasthaus, es besteht heute unter dem Namen „Zu den 3 Lausern“ immer noch. In diesem Gasthaus wurde ich zum ersten Mal mit dem Medium Fernsehen bekannt. Ich war vielleicht 10 oder 11 Jahre. Nebenan war „die Eckert“, eine Greißlerei, dann ein Herrenfriseur, weiters „der Nießner“, ein Gemüse- und Obstgeschäft. Ich glaube, die Besitzer waren aus dem Burgenland – ob nicht Roma, denn sie hatten dunklen Teint. Sie hatten eine überaus hübsche Tochter. Obst und Gemüse war immer einladend vor dem Geschäft ausgestellt.

An der Ecke zur Siccardsburggasse war eine Elektrohandlung (Brauner?), in der dann die ersten Fernseher zu sehen waren. An der nächsten Ecke befand sich kurz eine kleine Fleischhauerei, wo meine Großmutter ab und zu Wurst kaufte. Streng gewogen. In der Auslage lag ein wenig Wurstzeug oder eine Stelze. Ich glaube, dass sie dort für mich die drei Paar Würstel kaufte, als ich mir einmal zum Geburtstag fünf Paar wünschte. Weiters war das Milchgeschäft, „die Kirschenhofer“. Daneben eine Tabaktrafik (noch heute!), in der die ältere Schwester einer Schulkollegin bereits in Arbeit war. Wir kauften meist in der Trafik, die im Hause der Großeltern war, ein.

Meine Großmutter wohnte gleich in der nächsten Gasse, der Siccardsburggasse. Das Haus konnte man sowohl über die Pernerstorfergasse als auch über die Quellenstraße erreichen. Viele meiner Mitschülerinnen wohnten in den Häusern der Quellenstraße entlang und gesellten sich auf dem Schulweg dazu. Wir plauderten und knobelten uns mit Schere-Papier-Stein aus, wer unsere Schultasche bis zur nächsten Gasse tragen musste.

In dem Haus, in dem mein Vater zur Welt kam, war damals an der Ecke Leebgasse eine Polizeiwache, ab und zu fuhr ein „Grüner Heinrich“ vor. Heute ist dort ein Erotic-Center untergebracht. Schon eine merkwürdige Nachfolge. An der anderen Ecke war das Nähzubehör- und Kurzwarengeschäft Mayer. Meine Mutter, eine gelernte Schneiderin, schickte mich öfter zum Herrn Mayer, um Zwirn, Schneiderkreide, Knöpfe etc. Mir ist der Mann in Erinnerung geblieben. Ich sehe ihn heute noch vor mir: lang und schmal, in einem dunklen Arbeitsmantel, einer Glatze und auffallendem Gebiss. Er war immer freundlich. Sein Vater war auch im Geschäft, hatte eine Kappe auf. Er saß mehr beobachtend da, während sein Sohn bediente. Heute ist ein türkischer Gemüse- und Obstladen dort untergebracht.

Auf dieser Seite, eine Gasse weiter, war „die Knura“, die kleine Frau, die in dem kleinen Süßwarengeschäft bediente. Wir holten uns dort ab und zu ein Eis, denn zum Panchiera auf der Laxenburgerstraße war es doch ein Stück weiter. Als ich im 10. Bezirk ins Gymnasium (hinter dem Amalienbad) ging, wohnte meine Freundin Jutta aus Mürzzuschlag bei einer Familie in diesem Haus.

Weiter war mir die andere Seite der Quellenstraße nicht so bekannt, da mein Weg auf der Schulseite war. In der Van der Nüllgasse hatte die Friseurin (Kratochwill), eine Bekannte meiner Mutter, ihr Geschäft. Hier bekam ich meine erste Dauerwelle. Eine Prozedur. Verbilligt, da nach der Geschäftszeit. Ab und zu war ich mit der Tochter beisammen, die den Laden später dann weitergeführt hat.

Als meine Mutter 1950 zur Entbindung meines Bruders ins Spital musste, wurde ich bei Verwandten meines Onkels, seinem Bruder, dessen Frau und Sohn untergebracht. Sie wohnten in einer kleinen Wohnung nahe der Quellenstraße. Dadurch änderte sich mein Schulweg nicht. Tante Käthi war klein und lieb, Sohn Franzi, etwas zurückgeblieben, ein netter Kerl. Die Wohnung bestand nur aus Küche und einem kleinen Zimmer. Sie hatten Klappbetten, für mich eine Neuigkeit, denn sonst wäre die Wohnung viel zu eng gewesen. Dennoch nahmen sie mich freundlich auf. In der Zeit ließ ich in der Schule etwas nach, weil ich weniger lernte und lieber mit Tante Käthe und Franzi „Mensch ärgere dich nicht“ spielte.

In der Eckertgasse wohnte meine Schulfreundin Trude, und ihr Wohnhaus lag auch nahe der Quellenstraße. Wie schon erwähnt, hatten wir eine lustige Zeit am gemeinsamen Schulweg. Aus dem Internet habe ich erfahren, dass die Schule nun eine Sonderschule ist. Zu meiner Zeit war es eine Volksschule für Knaben (Sonnleitnergasse) und Mädchen (Bernhardstalgasse). Später als schon ein Schülermix war, ging mein Neffe in die Schule, da er mit den Eltern in der Fernkorngasse wohnte.

Mit meiner Freundin Jutta ging ich in den Friedenssaal, sie war evangelisch. Nur einmal war ich im Quellenkino. Weiter als bis zu Schule ging sonst mein Weg nicht, denn das Grab meines Großvaters auf dem Matzleinsdorfer Friedhof seit 1951, besuchte ich mit meiner Großmutter über die Gudrunstraße. Diese war auch für sein Begräbnis abgesperrt worden.

Fast jedes Wochenende führte mich der Weg in die andere Richtung der Quellenstraße, denn ich ging zum Bus, Richtung Leopoldsdorf. Die Station war beim Amalienbad. In dieser Richtung war „der Ott“, eine größere Fleischhauerei mit mehr Angebot. Dort holten wir hauptsächlich Fleisch und Wurst. Nicht allzu oft, aber doch. Daneben war ein kleines Repassiergeschäft, und dort ließ ich die Laufmaschen meiner ersten Nylons repassieren, was gar nicht so billig war, doch im Vergleich zum Strumpfpreis doch günstiger. Später war dann die Habsburg-Wäscherei untergebracht, in die meine Großmutter die Wäsche brachte. Meine Schmutzwäsche wurde weiterhin nach Lavamünd geschickt, wo sie meine Mutter bereits in einer Waschmaschine waschen konnte. Am Postamt in der Buchengasse konnte ich dann die Pakete mit frisch gewaschener Wäsche aus Kärnten abholen.

Auf dem Quellenplatz war das Zentral-Kino, auch „Tschinbum-Kino“ genannt, da hauptsächlich Wildwest-Filme gezeigt wurden. Über die Laxenburgerstraße wechselte ich dann meist in die Buchengasse, wo an der Ecke ein Süßwarengeschäft war. Meine Großmutter begleitete ich manchmal in die Lotto-Kollektion auf der Quellenstraße, wo ich aus einem Sack Nummern ziehen durfte, die sie dann Ambo oder Terno setzte. Manchmal besuchten wir auch ihre Schwägerin Hildegard in der Senefeldergasse.

Ein großes Geschäft auf der Quellenstraße führte Schreib- und Lederwaren. Dort bekam ich für den Urlaub einen blauen Plastikkoffer mit Reißverschluss und in einem Schuhgeschäft die ersten zehen- und fersenfreien Sommerschuhe mit Keilabsatz. Stöckel waren mir noch nicht erlaubt.

War meine Mutter mit meinem kleinen Bruder in Wien, wanderten wir, den Kleinen im Sportwagerl, die Quellenstraße entlang. Ziel war der Böhmische Prater auf dem Laaerberg. Stolz schob ich den Kinderwagen, vorbei an der Ankerbrot-Fabrik, bis zum Aufgang, einem Fußweg durch die Schrebergärten.

Was ich als Kind auch komisch fand, waren die Frauen, die noch im Schlafrock mit ihren Hunderln bei den Kastanienbäumen standen. Als wir dann selbst einen Hund hatten, wusste ich, warum.

So war und ist die Quellenstraße für mich ein Stück lebendiger Erinnerung.

Informationen zum Artikel:

Die Quellenstraße und Umgebung

Verfasst von Gabriele Stöckl

Auf MSG publiziert im Juni 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 10. Bezirk, Quellenstraße u.a.
  • Zeit: vor 1900, 1910er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre

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