Die Lesetruhe

Kleine Auswahl

Landkarte Österreichs und der angrenzenden Länder Tschechien Wien Niederösterreich Oberösterreich Salzburg Tirol Tirol Tirol Vorarlberg Kärnten Steiermark Burgenland Burgenland Slowakei Ungarn Kroatien Slowenien Italien Schweiz Deutschland

Ihr Beitrag ist gefragt:

Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Orte der Kindheit > Auswahl: 2 Beiträge

Sommerfrische im Burgenland

von Erika Neuberger

Meine Mutter hatte beim Einkaufen auf dem Brunnenmarkt im 16. Bezirk von einer Händlerin erfahren, dass einige Bewohner von Tschurndorf, in der Nähe von Kobersdorf, Sommerfrischler suchten. Da die Unterkunft billig war, entschlossen sich meine Eltern, in diese bis dahin völlig fremde Gegend zu fahren, um dort Urlaub zu machen.

Mit einem Lastauto, das die Gemüsehändler vom Markt wieder nach Hause führte, fuhren meine Mutter, mein Bruder und ich, auf Kisten und Körben sitzend, den mir sehr lange erscheinenden Weg in ein ganz kleines Dorf an der Landstraße. Es waren meist Häusler, die ihre guten Stuben vermieteten und selbst in kleine Kabinette und Kammern umzogen, um ihr Haushaltsgeld ein wenig aufzustocken.

vier Kinder sitzend auf Stiegenaufgang
Erika Neuberger neben ihrem Bruder (links außen) und Kindern der Tschurndorfer Gastfamilie

Meine Mutter kochte selbst, und so konnten wir uns einen Aufenthalt den ganzen Sommer über leisten. Eier, Butter, Hühner und Gemüse waren hier im frischesten Zustand billiger als in Wien. Mein Vater war berufstätig und kam ab und zu am Wochenende, oder er nahm sich seinen Kurzurlaub in dieser Zeit.

Für uns Kinder begann eine völlig neue Epoche in unserem Leben, da alles in diesem Dorf anders war als zu Hause. Auch die Sprache war unterschiedlich. Viele Wörter endeten auf i, wie „Bui“, „Kui“ (Bub, Kuh). Ein kleiner Bub kam gelaufen und schrie: „Muita, a Bei-l hat mi dangelt.“ (Mutter, eine Biene hat mich gestochen.)

Viele schwermütige Lieder mit vielen Strophen sangen die Kinder uns vor und betrachteten uns, die wir doch ganz einfache Sprösslinge aus Hernals waren, als etwas ganz Besonderes. Das allein war schon ein Erlebnis!

Kindergruppe sitzend auf der Wiese
Mit Kindern aus Tschurndorf in freier Natur

Sofort freundeten wir uns mit den Ziegenhütern an, die jeden Morgen die von den Häusern zusammengetriebenen Tiere in einen kleinen Wald führten. Diese Buben waren unglaublich geschickt. Sie bauten Laubhütten, machten Feuerstellen und brieten Äpfel und Kartoffeln, die uns so gut schmeckten, dass wir dann zu Mittag keinen Hunger verspürten.

Radschuhe aus Holz, die zum Bremsen der Leiterwagen beim Abwärtsfahren verwendet wurden, bauten sie mit einem Brett darauf zu einer Sommerrodel um und fuhren steile Abhänge damit hinunter. Mein Versuch, es ihnen nachzumachen, endete mit aufgeschlagenen Knien.

In den Laubhütten spielten wir Vater-Mutter-Kind, kochten mit Blättern und Beeren und beobachteten die Hasen auf der Wiese. Wir rochen frisch geschnittenes Gras und fuhren auf aufgebreiteten Kotzen mit den Mistwagen mit, die die Jauche auf die Felder brachten. Ganz schrecklich stinkend kamen wir heim und mussten vor dem Haus in einem Schaff gereinigt werden.

Es gab nur ein Plumpsklo, in das man auch nachts über den Hof gehen musste, sodass meine Eltern lieber einen Nachttopf benützten. Der Ziehbrunnen hatte einen Klöppel, vor dem ich mich sehr fürchtete. Wenn man den Kübel in schnellem Abwärtslauf an einem Seil in die Tiefe des Brunnens fallen ließ oder man beim Heraufholen des Wassers den Klöppel ungeschickterweise ausließ, konnte er einen sehr arg am Kopf treffen.

Wir sahen zu, wie Hühner geschlachtet wurden und wie diese, schon ohne Kopf, durch die Gegend rannten – ein schreckliches Erlebnis!

Einmal entdeckte ich einen hohen Baum mit grünen Blättern und grünen Kugeln, an dem eine Holzvorrichtung angebracht war, auf der man bis zu den oberen Zweigen hinaufsteigen konnte. Stundenlang pflückte ich diese grünen Kugeln und sah sie als Spielzeug. Ganz entsetzt stellten die Erwachsenen fest, dass ich die ganze unreife Nussernte heruntergeholt hatte.

In Wien waren bei einem Todesfall niemals Kinder zugegen, ja, nicht einmal bei einem Begräbnis. Sorgsam versteckte man diese tragischen Ereignisse vor ihnen. Dort aber sah ich zum ersten Mal eine Tote. Ein junges Mädchen lag, wie eine Braut geschmückt und wie schlafend, im Sarg, und man hob mich auf, um sie betrachten zu können. Obwohl sie schön anzusehen war, bekam ich eine Gänsehaut.

Eines Tages nahm mich eines der größeren Mädchen des Ortes „zum Stier“ mit. Ich sah, wie dieses Riesentier auf die relativ kleine Kuh sprang und wunderte mich, dass niemand eingriff, um sie von dem Ungetüm zu befreien.

Meine Mutter war gar nicht angetan, als sie hörte, dass ich zugeschaut hatte. Erst durch ihre Aufregung wurde ich stutzig. Die Landkinder waren in jeder Hinsicht aufgeklärt und brachten uns ihre Auffassung über den Geschlechtsverkehr bei Tier und Mensch bei. Mich hat das alles sehr abgestoßen. Besser wäre es gewesen, meine Mutter hätte diese Aufgabe übernommen.

Wir saßen auf der Wiese beim Ziegenhüten, und ein Bub sagte: „Setz di auf mei Firta!“ (Setz dich auf meinen Schurz!). Als ich das tun wollte, zog er schnell seinen Schurz zurück, und ich landete in einem duftenden Kuhfladen. Solchen Scherzen waren wir manchmal ausgeliefert.

Aber auch wir hatten etwas zu bieten. Da wir in Wien sehr oft an Sonntagnachmittagen ins Kino duften, kannten wir viele Filme, deren Inhalt wir mit Händen und Füßen wiedergaben, was großen Anklang fand.

Besonders die Mädchen interessierten sich für mein Bensdorp-Filmheft, in dem die Bilder der damaligen Schauspieler und Schauspielerinnen eingeklebt waren. Beim Kauf einer Bensdorp-Schokolade wurde solch ein Sammelbild mitgeliefert. Noch heute bewahre ich dieses Heft auf.

Mein Vater, der immer gern dichtete, machte Reime und Lieder über die Bewohner des Dorfes und war in kurzer Zeit sehr anerkannt. In den Häusern gab es überall Musikinstrumente wie Ziehharmonika, Geige, Flöte, Gitarre – und schon saß man am Samstagabend zusammen und sang und spielte. Sie sangen ihre Lieder und wir unsere, und es erklang fröhliches Gelächter aus den Häusern und Gärten.

Da das Dorf fast an der ungarischen Grenze lag, gingen die Einheimischen über Schleichwege zum Warenaustausch. Auch wir nützten die Nähe und fuhren mit einem bekannten Autobusunternehmer über Ödenburg an den Plattensee. Da uns die Zimmer dort zu teuer waren, übernachteten wir im Bus, und auch das war lustig. Ausflüge zu Fuß machten wir ins Rosaliengebirge oder auf die Burg Forchtenstein, wo wir den tiefen Brunnen bewunderten.

In Tschurndorf waren die Häuslerinnen, die ein oder zwei Kühe, Hühner, Ziegen, Schweine und ein paar Felder zu betreuen hatten, die ganze Woche mit ihren Kindern und ihrer Arbeit allein, da die Männer in Wien und Umgebung als Maurer ihr Brot verdienten. Samstags wurde das Haus gesäubert, die Böden gerieben, die Höfe gekehrt, die Kinder gewaschen und viel gekocht. Dann kamen die Männer nach Hause, setzten sich and den Tisch und aßen.

Das waren so feierliche Samstagnachmittage, wie ich sie nie vorher oder nachher erlebt habe. Der Mann, bei dem wir wohnten, konnte auch Haare schneiden, und die Männer aus der Umgebung kamen an diesem Abend,

Der Höhepunkt, Ende des Sommers, war der Kirtag. Da kamen Leute mit Schaukeln und Ringelspielen ins Dorf. Buden mit Kleidern, Wäsche, Schuhen und Haushaltsgegenständen wurden aufgestellt, auch Lebzeltherzen und andere Süßigkeiten angeboten. Am Abend gab es Tanz und Musik, die wir Kinder noch in unseren Betten hörten, da wir später nicht mehr dabei sein duften.

Der Nachbarort Kobersdorf, zu dem wir zwei Mal in der Woche wanderten, da es dort das Sauerwasser gab, das wir in Plutzern nach Hause trugen, war für uns ganz besonders interessant. Es gab dort einen Tempel, viele jüdische Geschäfte, Menschen, die sich sowohl in ihrem Aussehen als auch in ihren Sitten und Bräuchen von der Landbevölkerung unterschieden.

Nach Tschurndorf kamen Zigeuner aus dem nahen Lackenhof, wo sie in Gruppen ansässig waren. Sie schliffen Scheren, musizierten, und einer von ihnen „spielte“ auf einer Teufelsgeige. Diese bestand aus einem Stock, an dem Glöckchen, Tschinellen und Trommeln angebracht waren. Man nannte ihn deshalb „Tschinderassabumbumbum“. Die Zigeuner waren nicht sehr beliebt, weil man ihnen nachsagte, dass sie stehlen. Trotzdem gab es immer auch Bäuerinnen, die ihnen Essen und Kleidung schenkten. (Sowohl die Juden von Kobersdorf als auch die Zigeuner aus Lackenhof verschwanden ab 1938 in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches.)

Gruppenfoto mit Musikern und Dorfbewohnern von Tschurndorf

Die Buntheit, die sich aus den verschiedenen Bevölkerungsgruppen ergab, bereicherte das Land, auch wenn die Menschen selbst es nicht wahrhaben konnten. Die Ausrufer, die mit einer Trommel und mit dem Satz: „Es wird kundgemacht …“ durch den Ort gingen, um irgendeine Neuigkeit, einen Verkauf oder sonstige Begebenheiten kundzutun, klingt heute, wo wir mit Radio, Fernsehen und Computer ausgestattet sind, nur wie ein Märchen.

Für uns Kinder aus der Stadt war es eine völlig fremde Umgebung zu Beginn und ein inniges Vertrautsein am Ende unserer Sommer im Burgenland. Diese Sommeraufenthalte haben unsere kleine Welt ein wenig erweitert.

Informationen zum Artikel:

Sommerfrische im Burgenland

Verfasst von Erika Neuberger

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Burgenland, Mittel, Kobersdorf, Tschurndorf
  • Zeit: 1935 bis 1937

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.