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Erinnerungen an die Liezener Hütte

von Eva Novotny

Als meine Mutter im Jahr 1950 in einer Lungenheilanstalt weilte, wurde mein kleiner Bruder bei den Großeltern gelassen und mein Vater machte eine Woche Urlaub mit mir im Toten Gebirge, ich war damals sechs Jahre alt.

Wir wohnten auf einem Bauernhof in Weißenbach bei Liezen. An das Zimmer kann ich mich zwar nicht mehr erinnern, aber aus einem Brief meines Vaters an meine Mutter entnehme ich, dass es wunderschön war und das Essen vorzüglich. Die dicke Haut auf der Milch, die ich damals so gerne hatte, aß ich löffelweise.

In Erinnerung blieb mir allerdings der lange Marsch auf die Steinfeldalm (auf etwa 1800 Meter).

Wir wollten auf der Liezener Hütte, einer Selbstversorgerhütte auf 1700 Meter, wohnen und mussten deshalb Lebensmittel für diese Woche mit hinaufschleppen.

Der gute Bauer Peer, dem die Steinfeldalm gehörte, bot meinem Vater an, einen Teil der Dinge von einem Muli tragen zu lassen, und seine Tochter Irmi und ich bekamen ein langes Seil zu halten, das an dem Tragtier befestigt war, so als würde uns das Muli hinaufziehen. Das erleichterte den vierstündigen Aufstieg in der großen Sommerhitze.

ein bepacktes Maultier mit zwei Mädchen im Schlepptau in einer Almlandschaft
Unsere "Seilbahn" (1950)
Vater der Autorin mit bepacktem Maultier am Zügel vor einer baufälligen Almhütte mit Schindeldach
Ankunft auf der Steinfeldalm (1950)

Die Steinfeldalm lag wunderschön in einer Mulde zwischen Schafberg und Mölbing, etwa eine Stunde von der Liezener Hütte entfernt. Wasser gab es bei der Alm keines, und so holte der Bauer in einem großen Buckelkorb Schneebrocken aus einer nahen Doline, die dann am Herd zum Schmelzen gebracht wurden. Ich bewunderte die Rauchkuchl und durfte beim Buttern zu schauen. Für mich war das alles sehr interessant.

Mann mit einem Korb voll Eisblöcken auf dem Rücken vor einer alten Almhütte

Den Tag verbrachten wir auf der Alm und am späteren Nachmittag wanderten mein Vater und ich – hügelauf, hügelab – zurück zur Liezener Hütte. Dabei hatten wir ungewollte Begleitung. Eine Gruppe von Schweinen zottelte quiekend hinter uns her. Obwohl mein Vater immer wieder stehen blieb und sie zurückjagen wollte, folgten sie uns bis zur Liezener Hütte. So wie die Schweine trotteten aber auch ein paar Kühe und ein mächtiger Stier hinter und neben uns her und begleiteten uns auch zu unserem Quartier. Ich hatte ein bisschen Angst vor dem Stier, jedoch mein Vater behauptete, er sei gutmütig und würde uns nichts tun.

Am nächsten Tag holte die Sennerin der Alm das Vieh zurück und da erlebten wir, wie der Stier plötzlich böse wurde, schnaubte und auf die Sennerin losging. Wir hatten also Glück gehabt.

Almwiese mit großen Steinen, Bäumen im Hintergrund, einem Mädchen im Vordergrund und einem Stier

Eine Frau auf der Liezener Hütte, die auch mit ihrer Familie dort urlaubte, bot meinem Vater an, für uns beide Grießknödel zu machen, da mein Vater kaum kochen konnte. Nur leider waren diese Knödel so hart, sie konnten nicht zerteilt werden, so dass wir vor die Hütte gingen und sie als Wurfgeschosse zum Weitschießen verwendeten, denn sie waren leider nicht essbar. Aber sie blieben in Erinnerung, da wir damals sehr viel darüber gelacht hatten.

In späteren Jahren war ich noch öfter mit meinem Vater auf dieser Hütte. Da bestiegen wir den Schafberg und den Hochmölbing und rutschten über das lange Schneefeld zum Karwassersee, bewunderten die herrliche Alpenflora und vor allem die vielen duftenden Kohlröserln. Mein Vater kannte alle Blumen auch mit den botanischen Namen und ich habe damals viel von ihm gelernt.

Bergausrüstung hatte ich keine, das Dirndl oder ein Faltenrock und ein Anorak, waren die immer passende Kleidung.

Die Autorin im Dirndlkleid und ihr Bruder vor einem Karsee in alpiner Umgebung
Die Autorin und ihr Bruder vor einem Karsee (1950er Jahre)
drei Kinder und ein Mann bei einer Rast in alpiner Umgebung mit Blick ins Tal
Mit Vater auf der Hollingalm (1950er Jahre)

Als mein Vater 80 Jahre alt war, nahm ich ihn zum letzten Mal auf seine geliebte Liezener Hütte mit. Da man schon mit dem Auto etwas höher hinauffahren konnte, war die Gehzeit stark verkürzt.

Informationen zum Artikel:

Erinnerungen an die Liezener Hütte

Verfasst von Eva Novotny

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, Totes Gebirge, Steinfeldalm, Liezener Hütte
  • Zeit: 1950er Jahre

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