Die Lesetruhe

Kleine Auswahl

Landkarte Österreichs und der angrenzenden Länder Tschechien Wien Niederösterreich Oberösterreich Salzburg Tirol Tirol Tirol Vorarlberg Kärnten Steiermark Burgenland Burgenland Slowakei Ungarn Kroatien Slowenien Italien Schweiz Deutschland

Ihr Beitrag ist gefragt:

Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Orte der Kindheit > Auswahl: 7 Beiträge

"Ganz einfach sein"

von Stefanie Roßmanith

Seit Neuem brauchen wir abends nicht mehr so brav und still um den Küchentisch zu sitzen, weil das elektrische Licht eingeleitet worden ist.

Montage von Fotos eines einstöckigen Holzhauses mit Balkon am Stadtrand von Graz
Ansichten des Hauses der Großeltern am Stadtrand von Graz

Anstelle der romantischen, aber so überaus unpraktischen Petroleumlampe - täglich musste Oma den hauchzarten, jedoch vom letzten Gebrauch her meistens total verrußten Glaszylinder mit unglaublichem Feingefühl unter Verwendung von zusammengeknülltem Zeitungspapier putzen - hat ein hölzerner Lampenschirm über dem Tisch seinen Platz erhalten.

Eigentlich ist es kein wie auch immer gearteter Lampenschirm, sondern eine Art Minikachelofen aus Holz, um den sich einige geschnitzte und bunt bemalte Miniaturbauersleute eingefunden haben, die zudem durch elektrische Kerzenbirnen voneinander getrennt sind.

Vom selben Holzschnitzer hat Opa auch zwei lebensgroße Gesichter erstanden, die an der Küchenwand oberhalb des Diwans angebracht sind, wobei das eine Gesicht eine pausbäckige, freundlich dreinblickende Magd mit rotem Kopftuch darstellt, das andere einen Knecht, welcher sehr verzwickt dreinschaut und der ebenfalls ein grünes Kopftuch trägt, allerdings quer über seine rechte Backe, die sehr angeschwollen ist.

Stundenlang blicke ich ihn mitleidvoll an, weiß ich doch aus leidlicher, eigener Erfahrung, dass das Bohren an den Zähnen mit den damaligen, zwar bereits elektrisch betriebenen Bohrern, gelinde gesagt, als durchaus unangenehm einzustufen und mit der Qualität eines Zahnarztbesuchs von heute - auch wenn man sich ebenfalls Schöneres als ein Date mit einem Zahnarzt vorstellen kann - nicht zu vergleichen ist.

Nun ja, von nun an darf unsereins ungemahnt etwas mehr auf der Eckbank herumrutschen, ohne dabei Gefahr zu laufen, der Verursacher eines Hausbrandes zu sein.

Viele Kabel sind allerdings für diesen neuen Luxus in allen Zimmern des Häuschens verlegt worden, was mich, eine sich ständig mit Linien, Formen und Farben auseinandersetzende Person, wieder mit neuer, kreativer Beobachtungsnahrung versorgt hat.

Auch die zwei grünen Nachtkästchenlampen aus Glas, die Opa ganz erwartungsvoll aus dem Zeitungspapier wickelt und die eine sehr eigenwillige, längliche Form aufweisen und schwarze Kringel in sich eingelagert haben, müssen bestaunt werden, nachdem er von einem Einkaufsbesuch aus der Stadt mit dem Fahrrad zurückgekehrt ist.

Eine elektrische Doppelkochplatte zählt ebenso bald darauf zu den Neuzeiterrungenschaften, und es ist vor allem für die Hausfrau im Sommer sehr angenehm, dass sie zusätzlich zur Sommerhitze nicht mehr den Tischherd einheizen muss, um die Mahlzeiten zubereiten zu können.

Das gemeinsam durchgeführte Holzschneiden kann dadurch ebenfalls auf ein bescheideneres Ausmaß verringert werden. Zwei Schragen werden dabei aufgestellt, auf welchen das durchzusägende Stück Holz platziert wird.

Oma stellt sich auf eine Seite, Opa auf die andere, gemeinsam sägen sie im gleichmäßigen Rhythmus mit der Zugsäge. Wir Kinder müssen immer ein bisschen weiter weggehen, um die Arbeit der beiden nicht zu behindern.

Und unter dem Motto > was sich liebt, das neckt sich< stoppt Opa allerdings manchmal ganz abrupt das monotone Hin- und Hergesäge und erfreut sich dann daran, wenn er Oma dadurch erschreckt. Uns blinzelt er danach spitzbübisch zu, auch Oma lacht jedes Mal herzlich, weil der Witz, auch wenn es stets derselbe ist, wieder gelungen scheint.

Dabei habe ich jedes Mal das Gefühl, diese beiden Menschen arbeiten gerne, und sie sind auch glücklich dabei. Sie sind bei allem, was immer sie auch gerade tun, mit dem ganzen Herzen bei der Sache. Selbst der Monotonie der einzelnen Betätigungen können sie etwas abgewinnen und so dem, was wir vielleicht unter langweilig einzustufen wüssten, eine Besonderheit verleihen.

Das Leben war, schlicht und einfach gesagt, kommod. Es war Platz und Raum für den ganz individuellen Daunderlon.

Montage von Kindheitsfotos der Autorin häufig zusammen mit kleinerem Bruder im Umfeld des Hauses der Großeltern

Dass Edi und ich, und gar nicht so selten auch die übrigen Enkel, den Großeltern bei ihrem Glücklichsein zudem auch noch Gesellschaft leisten, das vervielfältigt, das spürt man ganz einfach.

Ja, so könnte es wohl im Paradies sein, denke ich mir.

Kein lautes Wort. Kein einziger Streit. Einfach sein.

Und manchmal dabei etwas tun. Und dann auch wieder einmal nicht.

Ganz einfach so. Ganz einfach sein. So wie ich bin, so darf ich hier sein.

Kein schimpfender Vater, der mich oftmals einen Potschachter oder eine blöde Gans zu nennen beliebt. Keine Vorhaltungen. Keine ständigen Zurechtweisungen.

Hier darf ich träumen. Den ganzen lieben langen Tag lang, wenn ich es so will.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

"Ganz einfach sein"

Verfasst von Stefanie Roßmanith

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Erinnerungsbücher, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz-Umland, Pfangberg
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem 2009 von der Autorin veröffentlichten Erinnerungsbuch "Geborgtes Paradies", S. 108 ff.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.