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Urlaub in der Steiermark, 1940-1943

von Traude Veran

Zwischen Hausmannstätten und Heiligenkreuz am Waasen lag auf einem Hügel ein Weiler; steil hinunter zur Straße nach Liebensdorf war es etwa 15 Minuten zu gehen. Unten gab es eine Busstation und einen Gemischtwarenladen. Die Familie Greiner, bei der wir wohnten, hatte zwei erwachsene Söhne, der eine war Koch beim Militär, ein dicker Kerl, er hat uns einmal in Wien besucht und war mit uns im Prater. Der Jüngere war bis 1943 noch nicht eingezogen worden. Der Großvater lebte auch bei ihnen und half noch recht rüstig auf dem Hof mit.

Der Greinerhof war nicht groß, aber die Familie hatte ihr Auskommen und besaß eine Art von ruhigem Stolz auf das Ihrige. Sie lebten einfach, hatten kein Wasser im Haus, keinen Traktor, pflügten mit dem Pferd, aber das unterschied sie nicht von den Nachbarn. Das Haus war gemauert und mit Ziegeln gedeckt, für sie ein Zeichen von Wohlstand. Die sonnige Lage ihrer Felder bescherte ihnen viele gute Ernten und ihre einzige (sehr, sehr große) Sorge war der Krieg, der schon nach einem ihrer Söhne gegriffen hatte. Sie hofften, er werde zu Ende sein, bevor der Jüngere wehrfähig war.

In den Siebzigerjahren habe ich die Greiners einmal besucht. Inzwischen hatte der ältere Sohn den Hof übernommen, der jüngere war in den letzten Kriegstagen eingerückt und gefallen. Die Mutter lebte noch, war aber schon sehr hinfällig. Der Hof war immer noch stattlich, natürlich jetzt mit allen modernen Errungenschaften. Und der steinige Hohlweg ins Dorf hinunter ist verschwunden, eine betonierte Fahrbahn führt in zwei Kehren auf den Hügel.

Wir reisten damals mit der Südbahn an, mit Dampf natürlich. In Wiener Neustadt lief die Mutter ebenso wie andere Frauen zur Lokomotive vor und gab dem Heizer Willis Flascherl zum Wärmen. (Willi ist 1939 geboren.) In Mürzzuschlag konnte es geholt werden. Und beim Retourfahren umgekehrt, alle Kleinkinder bekamen ihre warme Milch.

Einmal hatten wir auf der Rückfahrt Röteln, bzw. war es noch nicht sicher, ob es nicht Masern waren. Man wollte uns die Mitfahrt verweigern und die Mutter legte auf dem Grazer Hauptbahnhof eine filmreife Verzweiflungsszene hin. Sie hat sich noch Jahre später schmunzelnd und sehr befriedigt darüber geäußert. Sie drohte, mit ihren hoch ansteckenden Kindern mitten im Bahnhof zu lagern, bis man ein Abteil für uns bereitstellte. Es war dann leider eines über die ganze Breite des Waggons, man musste also durchgehen, wenn man im Zug herumlaufen wollte. Die beiden Türen wurden abgesperrt, aber alle Augenblicke rüttelte jemand zornig an der Klinke. Die Mutter hat es sogar geschafft, übers Fenster jemand mit dem Flascherl zum Wärmen zu schicken.

In Graz aßen wir immer zu Mittag bei der Familie von Mutters ältestem Bruder, Toni Samt, die hatten ein Haus mit Garten in Liebenau. Tante Pia, sehr fürsorglich und mütterlich, bildete sich leider ein, wir äßen gern gebackenes Kitz. Wahrscheinlich habe wir es beim ersten Mal höflicherweise gelobt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass mich die Mutter heimlich mit der Verdammnis bedroht hat, falls ich es wieder in der Wange aufhöbe, wie ich das mit ungewohnten Fleischstücken zu tun pflegte. So bekamen wir diese entsetzliche, glitschige Speise jedes Jahr. Zuletzt mussten wir sie in den Siebzigerjahren bei einem Besuch mit meinem Mann und unseren Kindern hinunterwürgen.

Die Nachbarn der Samt hatten einen bösartigen Hahn, der dem Toni jr. ein Stück aus der Nase herauspeckte. Die Narbe war ziemlich groß, und da sie mir sehr imponierte, hat mich Toni zu einer Mutprobe überredet. Kaum war ich im Hühnerhof, ist der Hahn mit lautem Trompeten auch auf mich losgegangen und der Toni hat sich ihm heldenhaft entgegengeworfen, um mich zu retten. Das gelang ihm, diesmal ohne Blessuren.

Pias Bruder Herwig war meine erste Liebe: ein junger, strahlender Held, der Kinder liebte und mit uns herumtollte. Er fuhr ein Motorrad und ließ mich öfters für einen Geländeritt aufsitzen. Er ist in Afrika gefallen. Das haben sie mir erst zwei Jahre später erzählt.

blondes Mädchen beim Halmaspiel mit älterem Burschen im Freien unter einem Obstbaum
Mit Cousin Toni beim Halmaspielen (1941/42)

Die Samts besuchten uns oft auf dem Bauernhof, ebenfalls mit dem Motorrad, und ich freute mich jedes Mal auf meinen älteren Cousin Toni, der ein hervorragender Halma- und Mühlespieler war. Für Bewegung oder andere wilde Spiele war er aber nicht zu gewinnen, er war schon als Kind ein verträumter Einzelgänger gewesen. Ihn hat die Kriegsmaschinerie voll erwischt: Nach nur wenigen Monaten, 1945, in den Sümpfen Ostpreußens kam er mit zerstörter Seele zurück und blieb ein Pflegefall, bis er mit 51 Jahren starb. So hat der Krieg Tante Pia zwei geliebte Menschen genommen: ihren viel jüngeren Bruder Herwig und ihren Sohn Toni.

Familien-/Gruppenbild im Freien, teils in der Wiese sitzend, teils auf Stühlen
Die Autorin (vorne Mitte) im Kreis ihrer Verwandten (1941/42)

Dann sind wir mit dem Autobus zu unserem Ziel gefahren. Für mich war es das Paradies schlechthin. Es gab Kinder, solche, mit denen ich spielen durfte, und solche, mit denen ich spielte, obwohl ich es nicht sollte, aufregende Tätigkeiten auf den Feldern und im Stall und große Wälder mit Ameisenhaufen, Erdwespen und Schwammerln (die die Bauersleute immer und wir nie fanden).

Die einheimischen Kinder mussten zwar mithelfen, hatten aber trotzdem eine Menge Zeit zum Spielen. Wir sind auch oft mit aufs Feld gegangen. Willi – seit dem Winter 1941/42 nach einer schweren Kopfoperation schwach und kränklich – machte dort im Schatten neben dem Binkel mit der Jause ein Schläfchen, und die Mutter und ich arbeiteten mit. Einmal sah mich die Altbäuerin herumliegende Halme zusammenklauben und belehrte mich, dass die für die Armen liegen bleiben müssten, sonst träfe den Hof im kommenden Winter ein Unglück. Ich war auf dem Feld vermutlich nicht besonders nützlich, beim Hendlfüttern hingegen schon, das tat ich recht gern. Auch den Hund und die Katzen konnte ich versorgen. Das Pferd und die beiden Kühe habe ich lieber aus einer gewissen Entfernung angeschaut, sie aber sehr gern gerochen.

Hinter dem großen Heiligenbild über den Ehebetten, in denen die Mutter und ich schliefen, lebte eine ganze Spinnenkolonie, ich wusste das aber nicht. Ich hatte fast hysterische Angst vor Spinnen. Einmal wurde das Bild angehoben, und die Biester liefen auseinander. Die Bäuerin lachte mich aus und meinte, da wären unter den Betten noch sehr viel mehr davon. Ich beschloss, nie wieder dort zu schlafen. Lang kann dieser Beschluss nicht gehalten haben.

Mistkäfer liebte ich besonders wegen ihrer schillernden Decke und gab ihnen heimlich schönere Namen. Ein Bauer in der Nähe hatte Bienen, die einmal auf uns losgingen. Willi wurde zweimal gestochen und die Mutter mehrmals ins Gesicht, ich aber nicht. Dafür bin ich öfters auf eine Wespe oder Biene getreten, denn ich ging den ganzen Sommer barfuß.

kleiner Bub, barfuß und in Lederhose
Willi (um 1942)

In einem Sommer hatten die Greiners junge Kätzchen, darunter auch ein schwarzes, das Willi besonders liebte. Er hat es wohl allzu stürmisch an sich gedrückt, denn plötzlich ließ es hinten einiges aus. „Die Katze hat mich angeschossen!“, ertönte sein Schreckensschrei. Dieser Ausspruch sollte ihn lebenslang begleiten.

Willi hat bei Greiners nicht nur seinen Wortschatz erweitert, sondern auch andere lebenspraktische Kenntnisse erworben: Der alte Bauer holte aus dem Keller (eine schräg liegende, graue Holztür an der Vorderseite des Hauses) Most, aus der Küche einen Brotranden und Speck, setzte sich mit Willi auf die Hausbank und dann machten die beiden Brotzeit. Unsere Mutter, strikt auf das bedacht, was man damals für kindgerechte Ernährung hielt, ist ausgeflippt. Noch Jahrzehnte später berichtete sie empört, der alte Bauer habe gesagt: „Was is denn? Es schmeckt ihm ja guat!“

Die Häuser auf der Kuppe hatten im Sommer wenig Wasser, darum musste das Geschirr ohne Spülmittel gereinigt werden, das Spülwasser kam anschließend in den Sautrank. Die Mutter ekelte sich vor dem Fettrand im Geschirrschaffel bis zum Erbrechen. Mir hat das nichts ausgemacht.

Unterhalb des Greinerhofes lebte eine der Familien, bei denen ich nicht sein durfte. Einmal bin ich mit deren Ältestem, Engelbert, und einigen seiner vielen Geschwister zu Fuß die zehn Kilometer nach Heiligenkreuz gegangen, wohin sie unterm Jahr ihr täglicher Schulweg führte. Wir waren Stunden unterwegs. Engelbert prahlte, im Winter müssten sie sich manchmal einen Tunnel durch den Schnee bis ins Tal graben. Hat mir sehr imponiert, war aber eine Lüge. Warum gehörten diese Kinder zu den verbotenen? Ihre Eltern waren Häusler, also arm, aber das war nicht der Grund. Unsere Mutter wollte mich von dort fern halten, weil ihr der Vater, habe ich Jahrzehnte später erfahren, ziemlich aufdringlich nachgestiegen ist.

Auf der einen Seite der Greiners waren einige weitere Gehöfte, auf der anderen ging man ein Stückchen in den Wald hinein und kam dann zu einem romantischen Holzhaus. Dort gab es zwei Mädchen, mit denen ich gern spielte. Ich habe keine Ahnung, wovon die Familie lebte, überhaupt keine Erinnerung an ihre Eltern oder an Tiere, aber ich weiß heute noch, was wir spielten: Wir bauten aus Steinen, Holz und Moos nicht nur Puppenstuben, sondern ganze Wohnungen, inklusive Klosett, auch Schule, Spital und Greißler. Keine Ställe, sie waren wohl keine Bauern.

Einmal bin ich allein durch den Wald nach Hausmannstätten gegangen, das war ziemlich weit, ich brauchte mehr als drei Stunden. Ich kannte den Weg und war mir seiner ganz sicher. Aber natürlich waren die Erwachsenen inzwischen aus dem Häuschen und dabei, einen Suchtrupp zusammenzustellen. Ein Kind erzählte schließlich, was ich vorgehabt hatte (alle Kinder haben es gewusst, aber wer vertratscht schon eine Freundin?) und als ich in Hausmannstätten überlegte, wie ich zurückkommen sollte, denn ich hatte natürlich vorher nicht bedacht, dass ich kein Geld für den Autobus besaß, klaubte mich schon ein Gendarm (hießen die damals so?) auf und drückte mich dem nächsten Lastwagenchauffeur in die Hand. Irgendjemand war ins Tal gelaufen und hatte vom Greißler aus telefoniert.

Einen dieser Sommer, ich glaube, es war 1943, hat die Mutter meiner Mutter mit uns geurlaubt. Die Großmutter (wir haben nie Omi oder Oma zu ihr gesagt!) trug knöchellange, schwarze Kleider mit Spitzen, Biesen und Stickereien und viele Unterröcke, aber keine Unterhose, wie ich in diesem Sommer zu meinem Entsetzen feststellte. Sie hatte es nach vielen Jahren des Elends endlich geschafft, sorgenfrei leben zu können und sah keinen Grund, sich an der Arbeit in Hof oder Küche zu beteiligen. Das schien ihren Status aber in den Augen der Bauern eher noch zu heben, sie wurde ganz eindeutig als unser Familienoberhaupt betrachtet. Für mich war das vorteilhaft, denn sie erlaubte mir viel mehr als die Mutter, die sich ihr vor den anderen nicht zu widersprechen traute.

Informationen zum Artikel:

Urlaub in der Steiermark, 1940-1943

Verfasst von Traude Veran

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz-Umland, Graz-Liebenau, Hausmannstätten / Steiermark, Süd-/Weststeiermark, Heiligenkreuz am Waasen, Liebensdorf
  • Zeit: 1940er Jahre

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