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Harmonie und Technik

von Ferdinand Planegger

Ich war kein angepasster Schüler. Es gab Unterrichtsfächer, da war ich hervorragend, und es gab Disziplinen, die ich nicht so recht kapiert habe. Mein Problem und das meiner verzweifelten Lehrer war, dass ich ein fürchterlicher Trotzkopf war, nicht umsonst bekam ich den Spitznamen „Trotzi“.

Ein gutes Beispiel dafür – ich glaube, es war in der zweiten Klasse Hauptschule – war der Deutschunterricht mit den Bereichen: Diktat, Grammatik, Aufsatz. Die Zensuren waren bedrohlich, und es drohte mir eine Nachsitzstrafe, für mich die denkbar schlimmste Strafe. Meine letzte Chance bekam ich mit einer Hausaufgabe, diese sollte ein Aufsatz mit dem Thema „Harmonie und Technik“ sein.

Ziemlich verzweifelt und nicht mehr an eine Lösung des Problems glaubend, trottete ich nach Hause. Meine Mutter konnte mir auch nicht helfen, sie war eine einfache Frau, und mein Vater war sowieso nicht ansprechbar. Der rettende Tipp kam dann doch von meiner „Mam“. Sie sagte zu mir: „Geh doch einfach ein bisschen spazieren, da fällt dir sicher eine Geschichte ein.“ Das fand ich gut, und ich war auch schon weg, bevor ihr noch irgendeine Arbeit für mich einfiel.

Unterwegs zu meinem Lieblingsplatz, dem Bahnhof Bruck an der Mur, vergesse ich schnell meine Sorgen. Schon von weitem höre ich die vertrauten Lautsprecher mit dem obligaten Satz: „Bitte einsteigen und Türen schließen, wir wünschen gute Reise!“ Erst geht ein Ruck durch den ganzen Zug, dann nimmt der tonnenschwere Koloss langsam Fahrt auf, und die Dampflok stößt gewaltige Schwaden von anfangs schwarzem und danach weißem Dampf aus.

Vereinzelt höre ich den Hammermann – so nenne ich jenen Eisenbahner, der mit einem langstieligen Hammer an den Zügen entlanggeht und an jedes einzelne Rad der Waggons klopft. Am Klang kann er erkennen, ob die großen Stahlräder homogen und intakt sind. Eine wichtige Sicherheitsmaßnahme.

halbwüchsiger Junge hält irgendwas in Händen

Ich bin müde von den vielen Eindrücken dieser rollenden Technik und setze mich auf „meine“ Bank. Sie liegt ziemlich zentral am Hauptbahnsteig, jenem Perron, der direkt am Bahnhofgebäude anschließt und eigentlich der einzige richtige Bahnsteig ist. Hier befanden sich alle für einen Bahnhof wichtigen Infrastruktureinrichtungen. Natürlich die Kassenhalle mit Ein- und Ausgang, die Bahnhofsrestauration, eine Trafik, ein Kiosk für Reiseproviant, die Fahrdienstleitung mit dem Mann mit der roten Kappe. Nur er durfte mit seiner Kelle den Lokführern das Zeichen für freie Fahrt geben. Das war einer meiner damaligen Berufswünsche. Nur, da musste man viel lernen – da war es wieder, das Lernen.

Schlagartig waren meine schulischen Nöte wieder im Vordergrund: Harmonie und Technik! War das vielleicht eine Möglichkeit für meinen Aufsatz? Technik – ja, es gab viel Technik, es war eigentlich alles Technik an der Bahn, aber Harmonie? Vielleicht sogar romantische Details?

Natürlich! Es gibt ja auch eine ganze Menge Menschen am Bahnhof, und Menschen haben Gefühle und wollen Harmonie! Das war es, ich hatte fast schon die Lösung, jetzt brauche ich nur noch etwas zu Papier bringen für meine Hausaufgabe.

Der Mann an der Gepäcksaufbewahrung war so ein bisschen mein Freund, mit ihm konnte ich mich manchmal über dies und jenes unterhalten. Er rettete mich mit einem winzigen Notizblock, bestimmt nicht größer als eine Spielkarte, aber immerhin. Er war ein sehr vielseitiger Mann, denn er versah nicht nur den Dienst am Gepäckschalter, er war auch Gepäckträger, so ähnlich wie seinerzeit Hans Moser im legendären „Hallo Dienstmann“. Dazu wechselte er einfach seine normale Dienstkappe gegen eine rot umrandete Uniformmütze mit der klassischen, in Chrombuchstaben gehaltenen Aufschrift „Dienstmann“. So einfach war das einmal. Zweitberufe gab es immer schon. Aber ich schweife ab.

Mit Notizbuch und einem in den Tiefen meiner Lederhose gefundenen Bleistiftstumpen begebe ich mich auf meine besagte Bank. Eine schöne Bank, sie war aus Eisen und hatte schöne, geschwungene Armlehnen, der Sitzbereich aus Holz wurde jedes Jahr mit grüner Farbe frisch gestrichen. Da sitz ich nun und schau mir die nähere Umgebung an. Es gab so viele kleine Details, und doch waren sie mir nie so richtig aufgefallen. Jetzt aber sehe ich auf einmal mit anderen Augen. Ich sehe die wunderschönen Stützsäulen, die eine Art Baldachin tragen, das schräg abfallende Vordach, das den Bahnsteig vor Regen und Schnee schützt. Die Säulen sind aus Gusseisen mit vielen Verzierungen, nach oben hin fächern sie auseinander und tragen somit das Dach.

Alle drei bis vier Meter waren im Dach lichtspendende Drahtglasscheiben eingelassen. Am Trägerwerk der Konstruktion waren verzierte, auch in Metall gehaltene Blumenkästen angehängt, darin blühten wunderschöne Balkonblumen (ich glaube es waren Petunien). Überragt wurde die ganze Pracht von der alles beherrschenden elektrischen Bahnhofsuhr. Ich habe immer ganz fasziniert auf den Minutenzeiger geschaut, denn der drehte nicht ruhig und unsichtbar seine Runden, nein, dieser Zeiger sprang, immer wenn eine Minute vorbei war, sichtbar zum nächsten Minutenteilstrich. Alle Eisenbahner schwören auf diese Uhr, angeblich die genaueste in der ganzen Stadt. Na ja ...

Das war alles in meinem oberen Blickfeld. Den Blick nach unten, auf den Boden gerichtet, kam die nächste „romantische“ Überraschung. Das viel begangene Pflaster war eigentlich ein Kunstwerk. Da waren viele bunte Steine in Gelb, Blau und Schwarz gehalten. Quadratisch und – wie im Jugendstil üblich – gefasst mit vielen Ornamenten und Mustern, die mir noch nie aufgefallen waren. In alten Häusern der Gründerzeit kann man diese schönen Beläge heute noch bewundern.

Vis-à-vis des Bahnsteiges und der Geleise erhob sich die Gloriette, ein kleiner Berg mit einer steil ansteigenden Böschung führte zu ein paar Häuschen und kleinen Schuppen für die damals übliche Kleintierhaltung, vornehmlich von „Eisenbahnerkühen“ – so nannte man gerne die Ziegen, die gut zu halten waren, auch auf sehr steilen Hängen. Es gab aber auch noch Hühner und Gänse zu bewundern auf diesem steilen Terrain. Böse Zungen behaupteten, die „Keuschler“ müssen ihre „Henna“ mit Stricken anhängen, sonst „kugeln’s“ ab auf dieser sogenannten „Bockleit’n.“

In Sichtweite der Züge waren zaghafte Versuche einer Reklame für Urlaub zu bewundern. Für heutige Werbebegriffe etwas naiv gehaltene Einladungen ins Mariazeller Land (zugehörig zum politischen Bezirk Bruck), zum „Grünen See“ und ins Hochschwabgebiet, das ja den Wienern durchaus bekannt ist, beziehen sie doch unter anderem aus diesem Gebiet mit der Hochquellenwasserleitung einen großen Teil ihres Trinkwassers. Gleich vor dem Bahnhofsplatz warten die gelb-schwarzen Postautobusse mit wunderbar klingendem Posthorn – „Tatü-tata, die Post ist da“ – auf ihre Sommerfrischler.

Es gäbe noch viel zu berichten von „meinem“ Bahnhof, den es so heute nicht mehr gibt, aber leider, leider – ich muss nach Hause und meinen Aufsatz ins Reine schreiben, sonst muss ich morgen in der Schule nachsitzen. Oh Gott, nur das nicht!

Informationen zum Artikel:

Harmonie und Technik

Verfasst von Ferdinand Planegger

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-Ost, Bruck an der Mur
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Das gerade ein Bahnhof zu meinem Lieblingsplatz wurde, schreibe ich meinem ausgeprägtem Fernweh zu. Es ging mir nicht so gut in diesen Nachkriegsjahren. Dieses Fernweh war vielleicht eher ein Fluchtgedanke.

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