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Die Schiffgassler

von Ferdinand Planegger

Die „Schiffgassler“ – damit waren eigentlich wir Buben gemeint, die in den 50er Jahren in der Schiffgasse wohnten und diese auch als Revier und Spielplatz in Beschlag nahmen. Die Schiffgasse ist eine alte Gasse in Bruck an der Mur und führt, noch innerhalb der ehemaligen Stadtmauern, westlich vom großen Hauptplatz zu einem noch erhaltenen Wehrturm am Schiffertor mit der kleinen Marienkapelle und zur Schifflände, damals eine unbefestigte Sandstraße an den Gestaden der Mur bis zur Grazer Brücke und zur ehemaligen Schwimmschule.

Die Schiffgasse war geprägt von kleinen Gewerbebetrieben. Am Anfang der Gasse, eigentlich noch am Hauptplatz (namentlich Koloman-Wallisch-Platz) gelegen, war das Postamt, gefolgt von der Fleischhauerei und dem Gasthaus Szabo. Aus einem Fenster des großen Andauer-Hauses heraus betrieb die Frau Pirker eine Trafik, da konnte man noch Zigaretten einzeln kaufen. Ich musste öfters für meinen Vater 5 Stück Arbeiter-Tschick holen, die sogenannten „3er“ zum Preis von 18 Groschen pro Stück. Ab 1959 gab es dann die Smart-Export, eine Filterzigarette mit Korkmundstück als Filter, meine damalige Einstiegsdroge.

Wir hatten den Herrn Böhm, unseren Friseur, einen Kosmetiksalon, den Seifensieder Schmölzer auf Nr. 10, zwischendurch gab es für kürzere Zeit ein Geschäft für Jagdwaffen. Ein paar Häuser weiter war die Mostschank, hier gab es auch Bier über die Gass’n. Wir Kinder durften für unsere Väter das Bier holen, das taten wir freiwillig und gerne, denn beim „Heimtragen“ tranken wir gerne einen Schluck aus dem Bierkrügel. Durch Schütteln und Drehen entstand mehr Schaum und verdeckte dadurch unsere Untat. Wenn das nicht gelang, gab es seitens meines Vaters eine Schimpfkanonade auf den Wirt, den vermeintlichen Halsabschneider.

Es gab auch die Schusterwerkstatt des Herrn Hofmann, hier arbeitete der von uns Buben sehr geschätzte „Schuster-Peter“, er war nämlich in seiner Freizeit Motorrad-Rennfahrer und stolzer Besitzer einer Puch 250 SGS.

Im Hinterhof der Schusterei gab es einen Malermeister, dessen Namen ich vergessen habe, nicht aber seine „Handschrift“, die er auf meiner Wange hinterlassen hat. Das kam so: Im Hof seiner Malerwerkstatt standen viele große Fässer zum Einsumpfen der Farbe und Säcke mit Kreide in großen Klumpen, die aber leicht zu brechen waren. Eines Tages – es war ein Samstag, der Maler war nicht da – kamen wir auf die glorreiche Idee, eine Schnitzeljagd auf ganz besondere Art und Weise zu veranstalten. Es wurden keine Papierschnitzel als Fährte gelegt wie sonst immer, nein, diesmal wollten wir mit den gestohlenen Klumpen Kreide unsere Spur legen. Es war meine Idee, die Zeichen auf Hauswände, Türen und Tore, auf Gartenzäune und auch auf die Straße oder den Gehsteig zu malen. Es war eine Riesenhetz, mein Freund Herbert als Mitveranstalter und ich waren die gefeierten Spielführer. Toll!

Besonders am Abend in der Dämmerung hatte dieses Spiel seinen Reiz, denn jetzt wurde es zusehends schwieriger, die gemalten Zeichen und Pfeile in der Dunkelheit zu erkennen. Das Spielareal führte um einen ganzen Häuserblock über die gesamte Schifflände bis zur Roseggerstraße.

Am nächsten Morgen – es ist Sonntag, 7 Uhr früh – steht die Polizei vor der Tür, im Gefolge der Malermeister und mein zerknirschter Freund Herbert. Irgendwer hatte uns beobachtet, der Malermeister hatte die Anzeige erstattet wegen seiner gestohlenen Kreidesäcke. Beim Verhör kam schnell heraus, wer die Rädelsführer waren, und jetzt zitterten uns die Knie. Ich kassierte die besagte Watschn vom Maler, aber viel schlimmer war die Wiedergutmachung. Wir wurden dazu verdonnert, die gesamten Kritzeleien mit der Kreide in unserem Grätzel zu reinigen. Mit Wurzelbürste und Wassereimer mussten wir unter dem Gelächter unserer anderen „Freunde“ den ganzen Sonntag bürsten und waschen. Von den Erwachsenen kriegten wir obendrauf die Schelte zu hören. Natürlich mussten wir dem Malermeister die Kosten der Kreide ersetzen.

Bis die neue evangelische Kirche in der Grabenfeldstraße gebaut war, gab es in der Schiffgasse zwar keine Kirche außer der Marienkapelle, aber es gab einen Saal, wo jeden Sonntag ein Gottesdienst gehalten wurde. Für mich war es Pflicht, da hinzugehen, obwohl meine Eltern mit der Kirche nix zu tun hatten; dementsprechend war auch mein Engagement, da hinzugehen. Vorbildfunktion? Fehlanzeige!

Porträt eines zehn- bis zwölfjährigen Buben
Der "Burli", also ich, im Jahr 1955

Ich wohnte in der Schiffgasse Nr. 8, auch ein sogenanntes Geschäftshaus. Bei uns gab es einen „Pepihacker“, wie der Pferdefleischer genannt wurde, später dann eine städtische Freibank; hier wurde Fleisch von Tieren, die notgeschlachtet werden mussten, billiger verkauft.

Im Hof hatten wir eine Reparaturwerkstatt für Kühlgeräte und einen Parkettbodenleger, den Herrn Wieringer. Bei ihm verdiente ich fallweise mein Taschengeld, ich durfte die Federn in die Parkettnuten als Verbindung klopfen. Da saß ich auf meinem Stockerl, hatte einen Riesenberg von Parkettbrettln vor mir und klopfte den ganzen Tag. Für den Lohn kaufte ich mir die erste Bluejeans, eine billige Nachahmung der echten Levi’s, und die dauernd benötigten Ersatzteile für mein Eigenbaufahrrad.

Mein Fahrrad war eine Ansammlung von Altteilen vom Schrottplatz der Fa. Krawagna. Wir waren ja begeisterte Alteisensammler. Speziell in der Mur lagen Unmengen von Gerät aus dem Krieg, das war manchmal richtig gefährlich, es gab auch Explosionen. In Bruck gab es auch einige Bombenruinen, da versuchten wir Kupferkabel abzubrennen, um an den begehrten Rohstoff zu kommen. Manchmal organisierten wir Wasserhähne aus Messing, auch ein gut bezahltes Metall.

Mit unseren Schätzen ging es dann zum Krawagna, es wurde gewogen, und wir wurden nicht selten übers Ohr gehauen. Wenn wir reklamieren wollten, kam die Antwort: „Was willst du Rotzbua …“, und die G’schicht war erledigt. Das Alteisen mussten wir selbst auf den großen Schrotthaufen bringen, die Buntmetalle wurden wegen ihres höheren Wertes in eine eigene Kammer gesperrt. Auf dem großen Alteisenplatz fanden wir aber auch anderes brauchbares Gerät für unsere Fahrräder. Wir warfen unser gerade verkauftes Eisen auf den Haufen und schmissen so manches andere brauchbare Teil gleich wieder über den Zaun, außer Sichtweite des Platzmeisters. Das war unsere Rache für den Gewichtsbetrug an uns, wir fanden das nur gerecht.

Eine andere Einnahmequelle war das Krenwurzengraben. Ich wusste, wo besonders dicke Wurzen zu finden waren, nämlich zwischen den Böschungssteinen der Mur, dort gedeihen sie am besten, sie können durch die Steine nicht in die Länge wachsen und werden dadurch dicker und besser. Die Gasthäuser, die gerne Würstel mit Kren verkauften, waren unsere Abnehmer. Andere Gasthöfe und Restaurants belieferten wir im Frühsommer mit fertig gebundenen Blumensträußerln, meistens Narzissen vom nahegelegenen Heuberg.

Im Hochsommer kam dann die Schwammerlzeit, für mich die schönste Zeit, denn ich liebte immer den Wald mit seinen Düften und die Ruhe. Um 5 Uhr früh nahm ich meine Freunde Toni und Rudi mit auf die Schweizeben und weiter Richtung Hochanger zu meinen Schwammerlplätzen. Hier gab es Eierschwammerln in großen Mengen. Wir verteilten uns an genau besprochenen Abschnitten und trafen uns zwei Stunden später am Ausgangspunkt. Ich hatte genug von den kleinen „Reherl“, ich wollte Steinpilze und fand sie auch, aber nicht jedes Jahr am gleichen Ort, die muss man immer wieder neu suchen. Ich hatte eine Nase dafür, die Plätze gab ich auch meinen Freunden nicht preis. Am Waldrand wo die Forststraße aus dem Weitental in die Stadt zurückführt war eine Pilzsammelstelle eingerichtet, wo wir unsere Schätze gleich verkaufen konnten. Ein Erlös von 50 Schilling war da schon möglich. Noch mehr war natürlich „drin“, wenn wir unsere Beute sozusagen im Direktvertrieb an die Gasthäuser verkauften.

Manchmal musste ich mit meiner Mam und einem Leiterwagen in den Wald fahren, um Holz zu klauben, dafür gab es beim Förster eine Berechtigungskarte. Ich machte gerne mit, denn erstens ging ich liebend gerne in den Wald und zweitens durfte ich auf dem Hinweg im leeren Wagen mitfahren. Nach Hause ging ich dann hinten und musste helfen, die schwere Fuhre zu bewegen.

Wir hatten wenig Geld in der Familie. Das war nicht gottgewollt, vielmehr war es dem Alkoholismus meines Vaters zuzuschreiben, der sich wie immer vor der Arbeit drückte; er sei ein Kaufmann und Denker und nicht für Arbeit gemacht oder so ähnlich. Er hatte sein Geschäft in Grund und Boden gesoffen, war jetzt Frührentner und betätigte sich mit zweifelhaften Nebenjobs als Winkeladvokat ... Sehr beliebt war er bei seinen Saufkumpanen, aber das ist eine andere Geschichte.

Wir, meine Mutter und ich – meine ältere Halbschwester hatte mit 14 Jahren längst die Familie verlassen und ging in den Dienst zu anderen Leuten –, hielten uns grade so über Wasser. Trotzdem war ich glücklich, mit meiner Mam allein zu sein, und das Holzholen war immer eine schöne Zeit. Während die Mutter mit einer Axt die fast noch grünen Äste zu handlichen Stücken hackte, sammelte ich Tannenzapfen und große Rindenstücke.

Ich denke heute noch an meine Arbeitspausen, als ich auf irgendeinem Baumstumpf saß und in die Baumkronen blickte. Das war meine Welt, hier fand ich meinen Seelenfrieden. Für mich stand fest, mein Herrgott wohnt im Wald, und die hohen Bäume waren für mich ja auch wie eine Kathedrale, hier konnte ich mit ihm reden, und wenn’s mal schlecht ging, auch beten.

So ist es heute noch.

Informationen zum Artikel:

Die Schiffgassler

Verfasst von Ferdinand Planegger

Auf MSG publiziert im Juni 2013

In: Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-Ost, Bruck an der Mur
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Diese Geschichte schreibe ich im Mai 2013 in der Reha nach einer Krebs-OP. Plötzlich werden Erinnerungen und Erlebnisse meiner Kindheit für mich wichtig. Es läuft sozusagen ein Film ab und ich kann gar nicht so schnell schreiben und formulieren, wie die Gedanken auf mich einprasseln. Ich hoffe dass das ganze Geschreibsel lesbar wird.

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