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Ein Tag in der Stadt meiner Kindheit

von Eva Novotny

Während der Zug allmählich einschleift, sehe ich vom Fenster aus den Turm der Herz-Jesu-Kirche, dann den Barbarafriedhof, den Wissensturm, ich ziehe meinen Anorak an und mache mich zum Aussteigen fertig. Ich bin in Linz.

In wenigen Schritten habe ich die neue, ansprechende Bahnhofshalle durchquert und fahre zwei Stationen mit der unterirdisch geführten Straßenbahn. Es ist bequem, so schnell am Ziel zu sein.

Mein Elternhaus in der Makartstraße liegt wie ein verwunschenes Schloss mitten im Garten, der an einer Seite von kahlen Wohnblocks eingerahmt ist, auf der anderen grenzt ein Blindenheim direkt an die Grundgrenze, nach Osten hin hat ein Hort seinen Garten.

Meine Tochter wartet schon, denn sie geht heute arbeiten und übergibt mir die einjährige Leonie, die ich in den Kinderwagen setze, anbinde und einpacke und losfahre. Ich bin vom frühen Aufstehen müde, aber das Gehen wird mich wach halten.

Der Tag ist grau verhangen, mitunter fallen ein paar Flocken oder ein kalter Nordwind fegt durch die Straßen. Ein Tag in der Stadt meiner Kindheit und Jugend, er birgt so viele Erinnerungen.

Tok-tok-tok klappert die Ampel, um den Blinden auch die gefahrlose Überquerung der Straße anzuzeigen. Das hätte ich als Schulkind manchmal benötigt, wenn der Nebel so dicht über der Straße lag, dass man den gegenüberliegenden Gehsteig nicht ausnehmen konnte!

Ich eile an den alten, einstöckigen Häusern mit den gepflegten Vorgärten vorbei. Hier wohnte die Redl, da die Hieger, Schulkolleginnen, deren Vornamen ich schon vergessen habe. Es ist, als hätte ich erst gestern mit ihnen geplaudert. Ich werfe den Blick auf meine erste Volkschule in die Raimundstraße, biege aber in die Melichargasse ein.

Die Erinnerungen an die erste Klasse, den Schulbeginn, sind nicht gut, weil ich einmal nachsitzen musste und von meinen Klassenkolleginnen deshalb verspottet worden war. Unsere Direktorin, die mich unterrichtete, war Angst einflößend streng gewesen, und weil ich etwas nicht gleich kapiert hatte, musste ich länger in der Schule bleiben. Gestraft wurde damals nicht zimperlich. Wir waren 38 Schülerinnen in der ersten Klasse, und da musste eiserne Disziplin herrschen. (In der vierten Klasse waren wir 50.)

Foto einer Volksschulmädchenklasse mit Lehrerin
Meine erste Volksschulklasse (1950)

Die Stufen zwischen den Vorgärten, die zum Eingang in das kleine Milchgeschäft geführt hatten, an denen ich eben vorbeigehe, sind noch vorhanden. In diesem winzigen Lokal füllte die Milchfrau meine 3-Literkanne täglich an, sie pantschte dabei viel daneben.

Das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit den im Spätsommer nun noch höher wuchernden blauen Hortensien gibt es auch noch. An dieser Stelle hatte ich meine Geldbörse verloren, die mir, nach innigen Gebeten zum heiligen Antonius, jemand nach Hause gebracht hatte und mir so eine Strafpredigt ersparte. Mein Vater bestand nur darauf, dass ich dem guten Herren 10 Prozent Finderlohn gebe.

So erfahre ich, dass Orte im Gedächtnis verankert sind, an denen sich etwas ereignet hat oder Begegnungen stattgefunden haben. Alle diese Erinnerungen vermisse ich an meinem heutigen Wohnort. Nichts gibt es, was mich mit Plätzen, Straßen, Häusern verbindet.

Ich schiebe den Kinderwagen in die Wienerstraße, die früher Wiener Reichsstraße benannt war. Vorbei an der Einhorn-Apotheke, in der wir auch damals schon unsere Medikamente geholt hatten.

Ich denke an die hübschen, bunten Blumenrabatte am Rande des Gehsteigs, die im Vorjahr auf Höhe der Fleischerei Nothhaft angelegt wurden und bald wieder die Vorbeigehenden erfreuen werden. Die Tochter des Geschäftes besuchte acht Jahre lang mit mir das Gymnasium. Oft kamen wir bei uns zu Hause zusammen, um Mathematik zu lernen, und im Vorjahr, beim 45. Maturajubiläum sahen wir einander wieder und fanden eine Verbindung über unsere Töchter, die beide in Singapur leben. Ein Kreis hat sich wieder geschlossen, als sich unsere Kinder im fernen Land begegneten.

Ich überquere die Unionkreuzung. Vor dem Phönixtheater versammelt sich eine Schar von Jugendlichen – schade, dass es zu meiner Jugendzeit noch nicht existiert hat. Damals war es ein eher schlechteres Kino.

Ein paar Häuser weiter erinnere ich mich an ein Haus, in dem ich in meiner Jugendzeit mit meiner Jungschargruppe eine alte, verarmte Dame besucht hatte. Es war mein bisher prägendstes Weihnachtserlebnis gewesen. Die alte Dame, mit Tränen der Freude in den Augen, als wir für sie sangen und auf einem alten Leiterwagen Lebensmittel und Brennstoff in ihre armselige Behausung gebracht hatten, steht vor mir und lächelt mir mit ihren blitzblauen Augen zu. „Schön war’s, ihr habt mir soviel Freude gemacht!“ höre ich sie sagen.

Wie kurze Filmszenen laufen die Ereignisse vor mir ab. Menschen tauchen auf, die damit in Zusammenhang stehen, die man schon längst vergessen zu haben glaubt.

Im Nebenhaus sehe ich ein Thai-Geschäft. In der Auslage Porzellanschalen, Gewürze und die Ankündigung echter Thai-Massage, aber noch ist es geschlossen, es ist erst halb neun Uhr morgens.

Mein Weg führt mich weiter bis zur Bahnunterführung. Die Stiegen schleppe ich den Kinderwagen nicht hinab. Ich kehre um, eisiger Wind peitscht Staub in mein Gesicht. Ich schaue ins Gesicht meiner Enkelin, sie lächelt mich an und versucht mit dem Mund die einsamen Schneeflocken aufzufangen. Ihre Nasenspitze ist rot angelaufen, so wie meine handschuhlosen Hände. Wo wird sie in sechzig Jahren sein? Welche Erinnerungen werden sie prägen?

Ich gehe auf der anderen Seite der Wienerstraße zurück. Der Gehsteig ist beinahe menschenleer an diesem trüben, kalten Tag. Die riesige Geschäftsfront, in der vor kurzem noch etliche Billardtische gestanden waren, ist leer, zum Verkauf angeboten. Nach der Unionkreuzung fällt mir die Menüankündigung „Kärntner Spezialitäten“ eines Gasthauses auf, dann ein Orienteppich-Geschäftchen mit Sonderangeboten und gleich danach ein Laden mit russischen Waren. Wodka und Kaviar stehen in der Auslage, die so aussieht, als wäre sie in einer Moskauer Vorstadt – armselig, ungestaltet, und ich frage mich, wer hier russische Lebensmittel kauft, denn so ist das Geschäft überschrieben. Scheinbar haben sich auch in Linz russische Staatsbürger angesiedelt, die vor vierzig Jahren noch als Feinde gegolten hätten.

Ein paar kleine Geschäftchen, ein Drogeriemarkt und danach ein Afrika-Geschäft, auch diese Auslage ist spärlich gestaltet und ich kann nicht entnehmen, was es hier zu kaufen gibt, aber wenn es keine Kunden gäbe, könnte dieses Geschäft nicht existieren.

Türkische Jugendliche kommen mir entgegen. Einer macht sich einen Spaß und tut so, als wollte er etwas auf mich werfen. Ich zucke zusammen und denke nur: „Blöde Buben.“ Hätten wir uns das je getraut?

Jetzt stehe ich an der Stelle, an der ich mit meinem Vater zur Volkschulzeit den Faschingsumzug angeschaut habe. Ich war als Hexe verkleidet, mit einer langen Stoffnase, die meine Mutter gebastelt hatte, und der ausgestopfte Buckel rutschte immer den Rücken hinunter. Mein Vater trug auch einen lustigen Hut. Wir applaudierten, als die geschmückten Pferdewagen vorbeifuhren und alle möglichen Figuren tanzten darauf herum. Faschingsdienstag war damals wirklich heiter. Heute tut sich nichts, man sieht kaum jemanden, der sich verkleidet.

Nun bin ich schon bei der Brucknerstraße angelangt. In dieser Straße befindet sich eine Klosterschule. Bei einer Schwester bekam ich meinen ersten Klavierunterricht und erinnere mich noch an den aufregenden Vortragsabend, an dem ich mit ihr vierhändig spielen durfte. Heute sind in dieser Privatschule Inländerklassen, weil die nahe Otto-Glöckel-Schule fast nur mehr von Ausländern besucht wird. Im Kindergarten, den meine Enkel besuchen, gibt es kaum österreichische Kinder. Zwanzig verschiedene Nationen spielen dort unter der Leitung liebevoller Kindergärtnerinnen friedlich miteinander, und ich hoffe für meine Enkelkinder, dass dieser Frieden erhalten bleiben möge.

Mädchen in weißem Kleid mit Körbchen am Fronleichnamstag

Ein mit Pfingstrosen und Schwertlilien geschmückter Altar war zu Fronleichnam vor der Schule aufgebaut. Ich durfte im weißen Erstkommunionkleid hinter dem sogenannten Himmel, einem Baldachin, unter dem das Allerheiligste in der Monstranz getragen wurde, bei der Prozession mitgehen. Wie gerne hätte ich damals den roten Samtpolster mit den Marterwerkzeugen Jesu getragen, aber leider wurde ich dazu nie auserwählt. Meine Eltern hatten mir nur ein Körbchen mit Blütenblättern gefüllt, das ich ausstreuen durfte.

Ich denke, dass meine Enkel es lächerlich fänden, Blütenblätter zu streuen und Pölster mit Nägeln, Geißeln oder Dornenkrone zu tragen.

Unterdessen bin ich beim Friseur vorbeigekommen, vom Herrn Stockinger ließ sich Vater die Haare schneiden, und meine Mutter hatte ihre Frau Helga, mit der sie so zufrieden war.

Nach dem Fahrradgeschäft war das Tor zu dem Haus, in dem Ulli gewohnt hatte, die ich zwanzig Jahre später zufällig in Wien getroffen habe. Sie erzählte vom plötzlichen Herztod ihres Sohnes. Sie und mich verband das Schicksal, die größten Mädchen der Klasse zu sein und drei Jahre lang in der Stirnreihe, vor dem Turnunterricht, nebeneinander stehen zu müssen.

Meine Volksschule war nach dem ersten Jahr in die neuerbaute Glöckelschule übersiedelt. Ich erinnere mich noch, wie über die Wotruba-Plastiken, die die Fassade zur Wienerstraße zieren, mit abfälligen Worten diskutiert wurde, wie wir Spalier standen, als die Pummerin von St. Florian vorbeigeführt wurde, um wieder zum Stephansdom nach Wien gebracht zu werden, und wie später ein großer Flohmarkt der Pfarre Herz-Jesu auf Tischen stattfand, auf denen Schuhe und Kleidung in großen Mengen verkauft wurden.

Auch die gegenüberliegende Kirche war viele Jahre ein Stück Heimat für mich gewesen.

Anfangs war die neuromanische Kirche, in der tausende Glühbirnen den Altar erleuchteten, eine beliebte Hochzeitskirche. Auch mir gefielen die vielen Lichter und ich konnte mich lange nicht an die radikale Vereinfachung und Leere gewöhnen, in der Art, wie die Kirche nach dem Konzil umgestaltet wurde.

Aber es war nicht die äußere Verwandlung, es war die Veränderung im Inneren, die uns in Aufbruchstimmung versetzte. Zwei rührige Kapläne, die die Jugend begeisterten, den Alten Aufmerksamkeit schenkten, ungewohnt mitreißende Predigten hielten, in denen sie viel zu sagen hatten, die in die Familien kamen und uns mit ihrer Begeisterung für die Erneuerung der Kirche ansteckten, brachten Leben und Mitmenschlichkeit in die Pfarre. Leider hielt die Euphorie nur wenige Jahre an. Die angebliche Bedrohung durch den Islam, wie es ein Pfarrer im Jahr der Bosnienflüchtlinge ausdrückte, ließ die offenen Türen wieder zugehen und heute ist das Kirchenvolk durch eine unerwünschte Bischofsernennung wieder nahe davor, in zwei Lager zu zerfallen. Es stimmt mich wehmütig und traurig, wenn ich sehe, dass meine Enkel keine Bindung mehr zu dieser Kirche haben. Ich hatte in meiner Jugendzeit eine Junschargruppe von 30 Kindern und war eingebunden in eine Jugendgruppe von deren Erlebnissen ich heute noch zehre.

Jungschargruppe mit zwei Betreuerinnen
Meine Jungschargruppe (1960)

Kleine Leonie, wie wirst du einmal die Kirche erleben?

In einem Kurzwarengeschäft besorge ich einen Reißverschluss. Ich bin froh, dass ich deshalb nicht in die Innenstadt muss. Türkische Frauen nähen noch selber, so gibt es Gott sei Dank auch wieder ein Zubehörgeschäft, das es die längste Zeit nicht gegeben hatte. Die Besitzerin spricht fließend Deutsch und erzählt mir, dass sie schon 20 Jahre hier lebt.

Neben ihrem Geschäft hat ein Inder einen Laden eröffnet. Gewürze, Reis, indische und pakistanische Lebensmittel, CDs und indische Filmkassetten sind in der Auslage zu sehen. Wer kannte Kurkuma und Kardamom und die anderen Köstlichkeiten der asiatischen Küche vor 50 Jahren? Die Österreicher reisen viel und so mancher kauft auch in diesem Geschäft.

Die italienische Pizzeria gibt es schon etwas länger, aber als ich Kind war, sprach man noch nicht so freundlich von den Italienern. Da hörte man noch das Wort „Katzelmacher“ oder sah in Italienern nur Betrüger und Diebe.

Als ich acht Jahre alt war, sprachen mich an der Stelle, an der jetzt eine Leihfirma ihr Büro hat, amerikanische Soldaten an. Sie wollten mir Schokolade schenken, aber ich sagte nur mein Sprücherl auf, dass ich von Fremden nichts annehmen dürfe. Sie drängten mir aber die Schokolade auf, die ich dann nach Hause mitnahm. Die zwei jungen Soldaten sind mir ganz freundlich in Erinnerung. Oft denke ich, ob sie heute in Afghanistan den Kindern auch Süßigkeiten anbieten und sich bei denen beliebt machen wie damals bei uns?

Am Bulgariplatz taucht die Straßenbahn aus dem Untergrund auf. Sie erinnert mich an meine Fahrten zum Gymnasium. Manchmal war es schwer, in sie hineinzukommen. Am Trittbrett musste ich stehen oder eingepfercht im Inneren, von grausigen Männern begrapscht, so dass ich froh war, später das Fahrrad nehmen zu können.

In der Straßenbahn beförderten wir auch unsere Skier, wenn wir auf den Pöstlingberg fuhren, um Ski zu fahren und dann wieder über die berüchtigte Maier-Wiese herunter in die Stadt kurvten, um wieder mit der Straßenbahn heimzufahren. Wer kann sich das heute noch vorstellen?

Hier am Bulgariplatz endete damals für mich die Stadt. Ein Stück musste man noch gehen, dann war rechter Hand eine große Wiese, auf der jedes Jahr das Zirkuszelt der Familie Rebernigg stand. Tochter Gitta besuchte dann jeweils eine Woche lang meine Volksschule, und wir bestaunten sie, als sie sich im Zirkuszelt in eine Schachtel packen ließ und uns in der Schule ihre Verrenkungen vorführte. Mir hatte sie einen Affen versprochen, doch zu meinem Leidwesen und der Freude meiner Mutter ihr Versprechen nie eingelöst! Selbstverständlich war ein Besuch im Zirkus immer ein Ereignis. Meine Enkel kennen Zirkusluft nicht mehr.

In der Nähe dieser Wiese standen auch einige Flüchtlingsbaracken. Mit meinen Jungscharkindern besuchte ich einmal eine arme Familie, der wir Lebensmittel und Kleidung brachten und ich war sehr erstaunt, als uns der arme Mann, ein Flüchtling aus der Batschka, mit einer Polaroidkamera fotografierte und uns den farbigen Abzug – ich hatte noch kein Farbfoto gesehen, gleich mitgab. Oft musste ich später an dieses Erlebnis denken, wenn ich bei armen Leuten Dinge entdeckte, die ich mir selbst nicht leisten konnte. Ich habe mir dann gesagt: „Ich habe eine Wohnung, ich denke an morgen, spare für meine Zukunft. Sie genießen das Jetzt ohne an morgen zu denken, und gönnen sich heute Freuden, da sie nie wissen, was morgen sein wird und wovon sie etwas sparen sollten, wird ihr Geld doch nie für eine Wohnung reichen.“

Von Ferne sehe ich das Haus einer Freundin aus der Jugendzeit, mit der mich viel verbunden hat. Als ich Linz schon verlassen hatte, verunglückte sie bei einer Rodelpartie tödlich, als sie ausprobieren wollte, ob die Bahn für ihre Kinder nicht zu gefährlich sei. Es war ein schwerer Schlag und eine Erfahrung, dass das Leben kostbar ist und nur geliehen und keiner von uns weiß, wie lange.

Porträt eins blond gelockten Kleinkindes

Ich wundere mich, mein kleines Mädchen im Kinderwagen ist noch immer nicht eingeschlafen, sie nimmt alle vorbeihuschenden Eindrücke auf, und wenn ich in ihr zartes rosiges Gesichtchen blicke, dann lächelt sie mich an wie ein kleiner Engel, den mir der Himmel geschickt hat.

Um uns beide aufzuwärmen gehe ich den kleinen Umweg übers Florazentrum. Die Halle mit den Blumen kann zu jeder Zeit ein trauriges Gemüt froh stimmen. Der Tisch mit den blauen Glockenblumen leuchtet vor den rosa und weißen Zyklamen, und die Vielfalt der blühenden Orchideen in allen Farben lässt sich nur mit Staunen bewundern.

In den Bauten der Fünfzigerjahre, an denen ich jetzt vorbeikomme, ging ich einmal von Tür zu Tür, um Jungscharkinder anzuwerben. Ein kleines vorlautes Mäderl, das ich damals für meine Gruppe anwarb, sah ich später als Rundfunkreporterin in Wirtschaftsangelegenheiten im Fernsehen, und ich schickte ihr ein Foto von einem Ausflug unserer Gruppe vor 43 Jahren, so dass sie mich anschließend zu ihrem 50. Geburtstag einlud. Wieder schloss sich ein Kreis, Anfang und Ende sind nicht weit voneinander entfernt.

In dem Haus in der Drouotstraße war unser Schuster zu Hause. Wie oft brachten wir unsere Schuhe hin und er flickte sie, doppelte die Absätze, machte ein neues Fersenleder hinein, und ich wunderte mich immer, wie er unter dem Haufen von Schuhen unsere mit einem Griff herausfand. Es roch so gut nach Leim. Auch der Geruch des Bäckers, gleich um die Ecke, ist mir noch in Erinnerung, und ich ging gerne zu ihm hin, weil ich oft ein Zuckerl geschenkt bekam. Es kannten mich alle Geschäftsleute, und es ist nicht so wie heute, dass ein ständiger Wechsel ein Kennenlernen ausschließt.

Ich schiebe den Kinderwagen in den Penny-Markt, um Milch und Brot und Obst zu kaufen. Es ist schon praktisch, alles an einem Ort beisammen zu haben, aber die Kassierin kennt mich nicht; als ich vorige Woche hier war, war eine andere da.

Meine Runde ist nun bald zu Ende, die Müdigkeit hat sich gelegt, auch meine kleine Leonie hat noch kein Auge zugedrückt und erhascht mit Blicken alles, was sie umgibt.

Mädchen in Garten, im Hintergrund mehrstöckige Neubauten der 1950er Jahre

An den Bau unserer Nachbarhäuser kann ich mich noch gut erinnern, denn zu Kinderzeiten waren rund um unseren Garten Schrebergärten und nach dem Bau des vierstöckigen Gebäudes fielen die Schatten schon viel früher als vorher auf den Garten, und die netten Plaudereien mit den Gartenbesitzern wichen einer anonymen Menge von Bewohnern, von denen wir kaum je einen kennengelernt haben.

Ein Vogelkäfig steht in einem geöffneten Fenster, dahinter ein mehrstöckige Wohnhausfassade
Das neu erbaute Wohnhaus (1954)
Drei Kinder in einem winterlichen Garten vor einer Linzer Villa
Die Autorin (im dunklen Mantel) mit Cousin und Cousine (1949)

Ich erreiche die Makartstraße und gehe den efeubewachsenen Holzzaun entlang. Jedes Jahr strich ihn mein Großvater mit schlecht riechendem Karbolineum, um ihn vor Ungeziefer zu schützen. Nun macht der Efeu diese Arbeit überflüssig. Die Granitpfeiler zwischen den Holzlatten dienten als Aussichtssitze, als noch Motorradrennen in unserem Wohnviertel stattfanden. Auf jedem Pfeiler saß ein Zuschauer des Rennens. Fritz Dirtl hieß der Held, den mein kleiner Bruder nachahmte, als er mit einem Kartonlenkrad und dem Motorgeräusch –brr-brr-brr – in Kreisbogen durch den Garten lief. Beim Eingangstor stand eine hohe Trauerweide, die auch von Zuschauern dieses Ereignisses besetzt war und deren abfallende Äste immer viel Mist auf der Straße machten, aber dieser sah nicht so hässlich aus wie die Dosen und Plastiksackerln, Rechnungszettel und Schokoladenpapiere, die die Schüler der nahen Berufsschule heute vor dem Zaun fallen lassen. Wer kann sich Motorradrennen mitten im bewohnten Gebiet noch vorstellen? Ein bisserl gescheiter sind wir doch geworden.

Nun bin ich zu Hause angelangt, dort, wo ich meine Kindheit verbrachte.

Villa mit Garten, halb verdeckt hinter einem hölzernen Gartenzaun und verschneiten Bäumen und Sträuchern

Mein Elternhaus, das der aus Südtirol vertriebene Großvater 1926, von einem holländischen Kaufmann erbaut, gekauft hatte, steht noch so dort, wie vor fast 90 Jahren. Es hatte einmal ein Wahrzeichen, ein Schiff, auf dem Dach, das sich jedoch ein Spengler von den Eltern erbeten hat. Das Haus könnte viel erzählen, was sich in all den Jahren ereignet hat. 1944 waren rundum viele Bomben gefallen, auch die Kirche hatte eine getroffen, in der eine Bewohnerin unseres Hauses, die glaubte, dort sicherer zu sein als in unserem Keller, umgekommen war. Die entwurzelten Bäume des Nachbargartens waren auf unserem Dach gelandet, die Glasscheiben durch gewaltige Explosionen geborsten, aber das Haus mit seinen fest gemauerten Granitsteinen blieb.

Ich denke an mein kleines Enkelkind und wünsche sehnlichst, dass sie nie so etwas erleben dürfe. Sie ist das letzte von fünf Kindern, die das Glück haben, in einem Garten herumtollen zu können, Tiere und Pflanzen beobachten zu können und trotzdem in der Stadt zu leben.

Als ich Kind war, konnte ich auch Eidechsen, Vögel, Grillen, Mäuse, Schmetterlinge und viele Blumen im Garten erleben und von ihnen lernen.

Zum Muttertag kamen oft Fremde in den Garten und stahlen unsere Tulpen, unseren Flieder. Heute stiehlt keiner mehr Blumen. Oft schliefen Bettler im Garten unter der riesigen Blutbuche, und mir war es, wenn ich in der Dunkelheit heimkam, ganz ungeheuer, als die Bäume und Sträucher lange Schatten warfen und das Gartentor klemmte und schwer aufging und ich durch diese finstere Gasse zum Haus eilen musste, immer in Angst, überfallen zu werden. Heute macht es mir keine Angst mehr.

Ich gehe ins Haus und koche ein Mittagessen, während Leonie spielt. Um 12 Uhr bringt meine Tochter zwei Kinder aus dem Kindergarten, die anderen zwei kommen aus der Schule. Die Erinnerungen verlöschen, denn die Erzählungen der Kinder, ihre Erlebnisse des heutigen Tages sind jetzt von Bedeutung.

Erst abends im Zug denke ich, wie tief sich die Orte der Kindheit eingeschnitten haben und dass Leben einer ständigen Veränderung unterworfen ist, die nie an den Ausgangspunkt zurückkehrt.

Geschrieben im März 2009

Informationen zum Artikel:

Ein Tag in der Stadt meiner Kindheit

Verfasst von Eva Novotny

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum, Linz
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre, 2000er Jahre

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