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Ein viel zu großer Anzug

von Roland Girtler

Linz: Die Weltstadt meiner Kindheit und Jugend

Linz hatte für mich stets einen besonderen Reiz. Zunächst ist Linz die Hauptstadt eines Landes, dessen Bürger – laut Meinung eines Wiener Beamten, mit dem ich einmal zu tun hatte – das Höchste sind, was Österreicher werden können, nämlich Oberösterreicher. Und schließlich sind meine gütige Schwester Erika und meine verehrte Tochter Heidrun geborene, also echte Linzerinnen.

Mit Linz verband ich, das Landarztkind aus Spital am Pyhrn, Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre die große Welt. Mich, den jungen Burschen, faszinierte Linz. In Linz pulsierte das Leben – ein zauberhafter Gegensatz zur Langeweile des Dorfes. Ich genoß Linz in seiner Farbigkeit jeweils im Spätsommer knapp vor Schulanfang, wenn meine guten Eltern – meist an einem Donnerstag, ihrem freien Tag – mit mir und meinem Bruder in einem alten Volkswagen aus dem Gebirge nach Linz fuhren, um für uns ein passables Gewand zu kaufen, nämlich ein Sonntagsgewand, geeignet für Kirchenbesuche, erste Schultage, Firmung, Fronleichnamsumzüge und andere wichtige Angelegenheiten. Hose und Rock sollten nicht nur von nobler Qualität sein, sondern man müsse auch hineinwachsen können, glaubten meine Eltern.

Diese Einkaufsfahrten, die die Landbevölkerung zu lieben scheint, waren für mich so etwas wie die Eroberungen eines geheimnisvollen Kontinents. Und sie erinnerten mich auch an die Geschichte vom oberösterreichischen Bauernkrieg unter Stefan Fadinger, der in edlem Tun im Kampf für Menschenrechte mit seinem Bauernheer nach Linz gezogen war, um es einzunehmen, allerdings erfolglos. Seitdem hat sich einiges geändert, und Linz hat sich der vom Lande hereinbrechenden Schar willig geöffnet und macht dies immer williger.

Unsere Einkaufsfahrten waren Rituale, mit denen sich das Ende der Ferien und der Beginn der Schulzeit andeuteten. Genau betrachtet, waren sie Übergangsrituale vom freien und heiteren Leben der Ferien in einen – so empfand zumindest ich es – Zustand unnötigen und mich belastenden Ernstes mit böse blickenden Lehrern und dem Ärger des frühen Aufstehens, überhaupt, als ich dann mit zehn Jahren in das Gymnasium Kremsmünster mit seinem strengen Internat gesteckt wurde.

Dieser Gedanke an eine qualvolle Zukunft entstand in mir regelmäßig gegen Ende August, allerdings wurde er durch die Einkaufsfahrt nach Linz etwas gemildert. Denn diese Fahrt brachte Abwechslung und ließ mich für ein paar Stunden den Atem bunten weltstädtischen Lebens, wie ich glaubte, kosten.

Mit diesem Leben war am Beginn der 50er Jahre noch etwas verknüpft, was Linz für mich zu einer Weltstadt werden ließ: die vielen amerikanischen Besatzungssoldaten und die fremden, in Militärfarben bemalten Autobusse, in denen unter anderem die Kinder der Soldatenfamilien, dies fiel mir besonders auf, zur Schule oder sonstwohin gebracht wurden.

Sie alle machten den Eindruck, Menschen aus einer anderen, exotischen und phantastischen Welt zu sein, einer Welt, der wir in den Kinos, vor allem in den üblichen Wildwestfilmen, begegneten. Die eigenartige und bunte Linzer Kultur kündigte sich bereits an, wenn wir uns Linz näherten, denn auf Häuserfassaden waren nicht nur riesige Reklamebilder zu sehen, sondern man konnte auch geheimnisvolle Wörter lesen: Ami go home. Zunächst wußte ich nicht, was dies heißen solle. Doch als ich die erste Klasse des Gymnasiums, in der mir ein erster Einblick in Latein gewährt worden war, mühevoll absolviert hatte, glaubte ich, hinter diesen mysteriösen Satz gekommen zu sein. Daher verkündete ich bei der Einkaufsfahrt vor dem Übertritt in die zweite Klasse meiner Mutter stolz, daß in den beiden Worten Ami go der lateinische Terminus amicus stecken müsse. Amicus sei demnach in ami go verballhornt worden. So meinte ich jedenfalls und meine Mutter gab mir recht, wahrscheinlich war sie angetan von meinen Lateinkenntnissen.

Jedenfalls fand ich es höchst freundlich von den Linzern, daß sie uns, die wir vom gewöhnlichen Land in die ehrbare Stadt fuhren, mit derartigen Aufschriften als amici, also als Freunde, begrüßten. Das Wort home blieb für mich unübersetzbar.

Erst später erfuhr ich, daß man mit dem Satz Ami go home die lästigen Besatzungssoldaten aus Amerika, die Amis, bewegen wollte, das schöne Linz zu verlassen. Aber mir imponierten diese in Jeeps durch die Gegend rasenden Leute mit ihren beigefarbenen Hosen, teuren Sonnenbrillen und wertvollen Zigaretten, von denen ich ab und zu eine rauchte.

Unser erster Besuch in Linz, um 1949, wurde zu einem besonderen Ereignis. Ich war acht Jahre und mein Bruder sechs Jahre alt. Bei uns im Dorf war es Pflicht – dies hatte uns unsere Mutter eingetrichtert –, jeden Menschen, egal ob alte Magd, würdevollen Pfarrer oder roten Bürgermeister, freundlich zu grüßen. Taten wir dies nicht, so konnte es passieren, daß man uns eine Watschen verabreichte. Die Grußpflicht war uns auf diese Weise zu unserer zweiten Natur geworden. Wir grüßten ständig irgendwelche Leute. So war es auch in Linz. Mein Bruder, ein liebenswürdiger und pflichteifriger Mensch, er ist es heute noch, entsprach mit besonderem Eifer seiner Grußpflicht.

Und das auf der Linzer Landstraße. Aus irgendeinem Grund hatte ich vorgezogen, das Grüßen hier in Linz meinem Bruder zu überlassen. Offensichtlich dachte ich, es würde genügen, wenn einer von uns die Leute hier grüßte. Meine Eltern, die mit unserer kleinen Schwester hinter uns marschierten, kümmerten sich nicht um das stete Grüß Gott ... Grüß Gott ... Grüß Gott ... Grüß Gott ... meines Bruders. Die uns Begegnenden ignorierten das ihnen zugedachte Grüß Gott und gingen, ohne den Gruß zu erwidern, einfach weiter. Meinen Bruder störte dies nicht, und er grüßte dennoch. Endlich blieb eine freundliche Frau stehen, sagte auch Grüß Gott! und fügte lächelnd hinzu: Du bist aber ein lieber Bub, weil du so brav grüßt. Aber du brauchst hier nicht grüßen, denn hier sind zu viele Leute. Sie streichelte sein blondes Haar und setzte ihren Weg auf der Linzer Landstraße fort. Erst jetzt wurde mir klar, daß die Menschen in der Stadt andere waren als die bei uns am Dorf. Am Dorf wollten sie gegrüßt, hier in der Stadt in Ruhe gelassen werden.

Diese soziologische Erkenntnis, die erste meines Lebens, war für mein Leben bestimmend, und ich richtete mich nach ihr. Im Dorf, in dem sich die Menschen kennen, und wo sie dauernd miteinander irgendetwas zu tun haben, bleibt man nicht ungegrüßt. Das hat den Vorteil, kein x-beliebiger Jemand zu sein, man gehört zum Dorf und hat hier seine typische Rolle zu spielen: als Pfarrer, Lehrer, Kaufmann oder als Besucher der Volksschule. Der Nachteil des Dorfes ist: Man fühlt sich dauernd kontrolliert, und es ist schwer, aus seiner Rolle zu schlüpfen, ohne deswegen gleich das Getratsche auf sich zu ziehen. Als Lehrer muß man streng sein, als Pfarrer würdig und als Schüler brav.

Anders ist dies in der Stadt, hier kann man sich leicht der Kontrolle der Leute entziehen und anonym die Dinge tun, die man gerne macht. So kann der Pfarrer in der Stadt ruhig einmal in ein Bordell gehen, ohne sofort als der hochwürdige und segnende Herr entlarvt zu werden.

Die Stadt – und für mich war Linz identisch mit der Stadt schlechthin – bietet also Freiheit. Diese Erkenntnis ging mir auf, als mein Bruder durch die gütige Dame seiner Grußpflicht entbunden wurde. Es war ein befreiendes Gefühl, hier nicht grüßen zu müssen. Der alte Spruch Stadtluft macht frei, von dem ich in der Schule hörte, hatte also seine Bedeutung nicht verloren.

Unser Weg führte uns bei diesen Einkaufsfahrten vor Schulanfang regelmäßig zur Mozartkreuzung, wo ein prächtiges Kleidergeschäft, der Kralka, von uns ehrfürchtig betreten wurde. Meine Mutter äußerte ihre Wünsche, und wir Buben wurden in allerhand Gewänder zur Probe gesteckt. Ich erhielt 1950 in diesem ehrenwerten Geschäft eine vornehme Knickerbocker mit einem entsprechenden Rock dazu.

Mir gefiel dieses Sonntagsgewand überhaupt nicht, aber mir war es damals egal – später nicht mehr –, was ich so zu feierlichen Anlässen trug. Für den Wochentag hatte ich ohnehin die edle Lederhose. Bei diesen zeremoniellen Anlässen des Anprobierens mußten wir uns auf Geheiß der Mutter bücken und allerhand Verrenkungen durchführen. Meine Mutter wollte sehen, ob die betreffenden Kleidungsstücke auch groß genug seien, denn wir sollten in diese hineinwachsen können. Dazwischen meinte meine Mutter immer wieder etwas, das mich gegenüber dem weltstädtischen Personal des Kleiderhauses verärgerte: Wissen Sie, wir sind vom Land. Ich war der Meinung, es sei nicht nötig, daß wir uns als zur Landbevölkerung gehörend ausgaben. Zumindest an diesem einen Tag wäre es mir angenehm gewesen, als Einwohner von Linz, als Bewohner einer Weltstadt betrachtet zu werden. Die Stadt Linz war also für mich eine besondere Welt mit einem besonderen Reiz, den ich dankbar genoß.

Für mich, den jungen Burschen, blieb Linz weiterhin anziehend, überhaupt als ich mit 17 dahinterkam, daß es in Linz auch Striptease-Lokale gab, denn diese waren für mich inzwischen zu Symbolen weltstädtischen Lebens geworden.

Cover
Informationen zum Artikel:

Ein viel zu großer Anzug

Verfasst von Roland Girtler

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Erinnerungsbücher, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum, Linz
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist veröffentlicht in dem Erinnerungsbuch:

Heide Stockinger (Hg.): Jung-Sein in Linz. Geschichten aus den 50ern, Wien-Köln-Weimar 2008; S. 151 ff.

Erstveröffentlichung in: Sandra Schmolmüller, Gerhard A. Stadler (Hg.): Stadtbuch Linz. Ein Stadtfänger für Wortführer und Fortschreiter,Wien: Promedia Verlag, 1993.

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