Die Lesetruhe

Kleine Auswahl

Landkarte Österreichs und der angrenzenden Länder Tschechien Wien Niederösterreich Oberösterreich Salzburg Tirol Tirol Tirol Vorarlberg Kärnten Steiermark Burgenland Burgenland Slowakei Ungarn Kroatien Slowenien Italien Schweiz Deutschland

Ihr Beitrag ist gefragt:

Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Orte der Kindheit > Auswahl: 7 Beiträge

Julbach I - ein ödes Kaff im Nirgendwo?

von Walter Cerveny

In den Ferien des Jahres 1939 machte ich mit meinen Eltern eine Schiffsreise von Wien nach Passau, wobei wir auf dem Schiff in Linz übernachteten. Ich hatte mir diese Fahrt auf einem Schiff so sehr gewünscht, und meine Eltern erfüllten mir diesen lange ersehnten Wunsch nun gleich mit einer zweitägigen Reise bei herrlichstem Wetter.

ein Paar in entspannter Pose auf einem Schiff

Schon seit langem hatte ich eine unerklärliche Liebe zum Wasser und zum Meer, ohne jedoch dieses jemals vorher gesehen zu haben. Aber ich verschlang alle Bücher, die irgendetwas mit dem Ozean und Hochseeschiffen zu tun hatten und derer ich habhaft werden konnte. Deshalb hatte ich schon seit längerer Zeit den Wunsch nach einer Schifffahrt und meldete mich sogar 1942 bei der Musterung zur Marine, was bei so manchem anwesenden Offizier nur ein Kopfschütteln hervorrief, denn in Wien dürfte so etwas nicht allzu häufig der Fall gewesen sein.

Auf der Rückfahrt von Passau verließen wir das Schiff zu meinem Leidwesen in Linz, da mein Vater auf die Annonce einer Zeitung hin einen Urlaub in Julbach in Oberdonau (den Begriff „Österreich“ gab es damals nicht mehr) gebucht hatte. Kein Mensch wusste mit diesem Ortsnamen etwas anzufangen. Ich wäre viel lieber nochmals auf ein Sommerlager gefahren oder zumindest in Wien geblieben und hätte das „Gänsehäufel“ an der Alten Donau oder das wunderschöne Hietzinger Strandbad besucht. Oder wenigstens mit meinen Freunden gespielt und geblödelt oder was sonst auch immer. Aber wieso musste es um alles in der Welt ausgerechnet Julbach sein, unter dem ich mir überhaupt nichts vorstellen konnte. Ein ödes Dorf in Nirgendwo?

Von Linz fuhren wir also am 1. August 1939 mit der Mühlkreisbahn von Urfahr bis Öpping, wo wir in einen Bus umsteigen mussten, der uns schließlich in das, von mir schon im Vorhinein als „Kaff“ abgestempelte Julbach brachte.

Ortsansicht aus mittlerer Entfernung

Der Ort war damals wirklich noch ein „Kaff“ und keiner von uns, ich am allerwenigsten, ahnte, dass ich 63 Jahre später noch immer in dieses Dorf im Dreiländereck Österreich-Deutschland-Tschechien fahren würde. Aber wir sind dort hängen geblieben, nicht allein deshalb, weil es infolge seiner Abgeschiedenheit im Krieg ein kulinarisches Paradies war, sondern auch weil sich meine Mutter mit Frau Wurm, der Wirtin, so sehr anfreundete, dass wir schon bald alle per du und dicke Freunde wurden.

Doch so weit war es noch nicht, denn in diesem ersten Jahr wohnten wir bei einem Bauern und zwar auf dem Kirchenplatz. Der Misthaufen war dort mitten im Hof und die Fliegenbelästigung gigantisch, aber mir gefiel es trotzdem. Die Bauersleute waren sehr freundlich und lieb, doch besonders angetan hatten es mir die Tiere. Die Enttäuschung darüber, dass ich das Schiff schon in Linz wieder hatte verlassen müssen, war bald verflogen. Ich hatte die Furcht vor langweiligen und öden Ferien sehr rasch revidiert, genoss diese in vollen „würzigen“ Zügen – wozu auch der würzig-intensive Geruch des Misthaufens seinen Teil beitrug.

Aber schön der Reihe nach: Julbach liegt an einem Südhang im Tal der Kleinen Mühl, sehr geschützt vor den kalten „Böhmwinden“. Es wurde daher – und wird auch heute noch – in den Fremdenverkehrsprospekten immer wieder als „Meran des Mühlviertels“ bezeichnet. Damals – im Sommer 1939 – war es kleines „Kaff“ mit immerhin doch drei Kaufmannsläden und fünf Wirtshäusern. Heute ist es kaum wiederzuerkennen, so ausgebreitet hat sich der Ort, aber es gibt nur mehr einen Kaufmann, aber immerhin noch vier Wirte. Bald jedoch nur mehr drei, wie man hört.

Bei einem von diesen (Gasthof Wurm) bekamen wir auch im Krieg und in den schweren Zeiten danach immer genügend zu essen, so dass wir eigentlich niemals wirklich Hunger leiden mussten. Herr Wurm trieb immer wieder Butter, Speck, Fleisch, Eier und Mehl auf, auch als in den späteren Kriegsjahren die Ablieferungspflicht doch immer strenger wurde, was anfangs wegen der schwierigen Transportwege nicht immer der Fall war. Meine Mutter lebte, nachdem ich eingerückt war, die meiste Zeit in Julbach und konnte so auch meinen Vater in Wien recht gut versorgen, zumal die Post bis zuletzt gut funktionierte und Herr Wurm ein Meister des unauffälligen Verpackens war. (…)

Man konnte von Julbach aus nicht nur schöne Ausflüge machen sondern man konnte stundenlang durch die Wälder streifen, die Natur beobachten, den verschiedenen Geräuschen des Waldes lauschen oder seine Früchte sammeln und genießen. Wie oft strich ich allein durch den grünen Tann und fand jede Menge von schönen und guten Pilzen. Oft musste ich aber gar nicht weit gehen, denn manchmal wuchsen sie fast vor der Haustüre. Besonders als wir einmal auf der Höhenstraße wohnten, brauchte ich nur ein paar Schritte am Kreuzweg des Kalvarienberges hinaufzugehen und schon lachten mir die ersten Herrenpilze entgegen. (…)

Im Winter 1940/41 war ich gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe, immer wieder hatte ich Erkältungen und auch schlecht war mir öfters, wahrscheinlich hatte das mit dem Wachstum zu tun. Trotzdem wollten wir Weihnachten wieder in Julbach verbringen, das inzwischen von mir heiß geliebt wurde. Und so fuhren wir mit dem Zug nach Linz und mit der Mühlkreisbahn weiter nach Öpping. Und hier in der Mühlkreisbahn bekam ich plötzlich Schüttelfrost und hohes Fieber. Der Schaffner war sehr bemüht um uns und wies meinen Eltern ein leeres Abteil an, so dass ich bis Öpping wenigstens liegen konnte. Das ging einigermaßen gut, aber die Fahrt nach Julbach in einem Pferdeschlitten habe ich lange nicht vergessen, denn ich klapperte den ganzen Weg mit den Zähnen und kam mehr tot als lebendig in unserem Ferienort an. Ich erholte mich aber nach einigen Tagen sehr rasch und zu Sylvester war ich bereits wieder voll bei Kräften. Nicht zuletzt dank der guten Küche von Frau Wurm. Dann genoss ich die schneereichen Wintertage mit meinen Freunden, die ich hier bereits gefunden hatte und kam pumperlgesund und gut erholt nach Wien zurück. (…)

zwei Burschen neben einem Hauwagen
Als Erntehelfer in Julbach 1942

Vor meiner Einberufung zur Wehrmacht, die durch einen gutmütigen Wiener Major bis Oktober 1943 hinausgeschoben worden war, verbrachte ich ebenfalls noch drei Wochen im nahrhaften Julbach, wo ich auch bei der Heuernte im Hause Wurm fleißig mithalf, ehe es mich doch wieder nach Wien zog, denn ich wollte die letzten Tage vor meinem Militärdienst noch mit meinen Eltern und meinen Wiener Freunden gemeinsam verbringen.

Ende September 1943 bekam ich also das gefürchtete Papier, allerdings konnte ich meine Ausbildung in Wien machen und zwar in der Breitenseer Kaserne, nur 15 Gehminuten von meinem Zuhause entfernt. Ich wurde zum Funker ausgebildet, was mir wirklich viel Spaß machte. Ende Jänner 1944 war meine Ausbildung beendet und nun sollte es an die Front gehen. Vorher gab es jedoch noch 14 Tage Abstellungsurlaub, und den verbrachte ich in Julbach! Das Wetter war ein Traum. Meterhoher Schnee, klirrend kalte Nächte, prächtige sonnige Tage. Ein schöneres Bild konnte ich mir gar nicht an die Front mitnehmen. Diese wunderbare Landschaft des Mühlviertels, die Ruhe, der blendende, glitzernde Schnee inspirierten mich plötzlich zu einem Gedicht, dem später noch viele folgen sollten. (…)

Schneelandschaft mit Wald im Hintergrund

Wir verbrachten auch sehr, sehr viele Winterurlaube in Julbach. Eine Reise ins Mühlviertel war für mich immer etwas Besonderes, unabhängig von der Jahreszeit. Einige dieser Winterfreuden sind mir in besonderer Erinnerung geblieben. So jene schönen Ostertage in der ersten Hälfte der 70er Jahre, als am Hochficht die ersten Schritte unternommen wurden, dort ein Schizentrum aufzubauen. Wir waren damals ziemlich allein, als wir uns auf den Weg in den Holzschlag machten. Es gab natürlich noch keinen Parkplatz, kein Restaurant und keine Lifte. Lediglich ein kleiner Schlepper mit zwei Bügeln stand einsam und verlassen am linken Rand des flachen Hanges. Als wir uns diesem näherten, sprach uns der Betreuer dieser Aufstiegshilfe an und bat uns, die ersten Spuren zu ziehen. Vielleicht kämen dann einige der anderen Skifahrer – es waren etwa 10 bis 12 Gäste auf den weißen Wiesen – auch auf die Idee, diesen Lift zu benützen. Wir dürfen dafür den ganzen Tag umsonst fahren. Natürlich taten wir ihm diesen Gefallen.

Informationen zum Artikel:

Julbach I - ein ödes Kaff im Nirgendwo?

Verfasst von Walter Cerveny

Auf MSG publiziert im Jänner 2011

In: Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Mühlviertel, Julbach / Wien, 14. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1970er Jahre

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.