Die Lesetruhe

Kleine Auswahl

Landkarte Österreichs und der angrenzenden Länder Tschechien Wien Niederösterreich Oberösterreich Salzburg Tirol Tirol Tirol Vorarlberg Kärnten Steiermark Burgenland Burgenland Slowakei Ungarn Kroatien Slowenien Italien Schweiz Deutschland

Ihr Beitrag ist gefragt:

Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Orte der Kindheit > Auswahl: 7 Beiträge

Der Weg am Bach

von Peter Paul Wiplinger

Es war derselbe Weg, sowohl für die Jungverliebten, die sich noch heimlich trafen, wie auch für die trauernden Hinterbliebenen, die - vor allem in der ersten Zeit nach dem Begräbnis – zum Friedhof hinaus gingen und von dort wieder zurück. Es war ein Weg für die kleinen und auch für die schon größeren Kinder, ebenso wie für die Erwachsenen und die Alten, die nur mehr mühsam und vorsichtig mit dem Stock ihre unsicheren Schritte machten oder gar in einem „Rollwagerl" saßen, so wie der alte Fleischhauer, dem man die Beine amputiert hatte; „Raucherbein" war die Diagnose gewesen; „unheilbar" hatte es geheißen. Die kleinen Kinder gingen zur Sicherheit – der Bach war ja direkt neben dem Weg – an der Hand ihrer Eltern. Die Kleinsten watschelten mühsam, aber freudig dahin, manchmal eine Schnur in ihrem Fäustchen, an dessen Ende sie ein Holztier – einen gelben Lindwurm, ein grünes Krokodil oder eine scheckige Katze – nachzogen. Diese „Viecherln“ waren bei allen Kleinen sehr beliebt. Meist war es das erste, worum sich so ein kleines Kind in eigener Verantwortung kümmerte. Wenn dieses nachgezogene Viecherl umfiel, vom Weg abkam oder gar in den Bach fiel – so wie mancher Ball der älteren Kinder – dann schrien die Kleinen jedes Mal wie am Spieß.

Den Weg am Bach ging man zum Beispiel in den späten Abendstunden oder gar in dunkler, manchmal aber auch mondheller Nacht, am liebsten in lauen Mainächten und im Sommer, vor allem dann, wenn man von den Leuten aus dem Ort nicht gesehen werden wollte; wenn man jung und verliebt war und noch gar nicht wußte, ob man beisammenbleiben würde oder auch nicht. Diese Liebespaare gingen den schönen Weg Hand in Hand, die Körper manchmal auch eng aneinander geschmiegt; später dann Arm in Arm. Man konnte dort, wo die Umgebung etwas dunkler war – auf den Wegstrecken zwischen den Laternen, die ohnedies nur ganz spärlich und abschnittsweise den Weg beleuchteten, oder im dunklen Schatten des großen Fichtenbaumes – manchmal ein eng umschlungenes Liebespaar treffen, das sich gerade innig oder leidenschaftlich küßte. Auch wenn man die beiden kannte, so war man doch diskret, ging schnell an ihnen vorbei und grüßte nicht. Es könnte ja unter Umständen einer von den beiden auch jemand sein, den man besser nicht gesehen haben sollte. Der Weg am Bach birgt viele Geheimnisse und behält sie für sich.

An Sonntagen oder festlichen Feiertagen war für manche Familien dieser Weg am Bach geradezu obligatorisch. Man sollte und mochte sich zeigen. Denn da gingen auch die anderen, eher die bürgerlichen Traditionsfamilien, diesen Weg am Bach hinaus und wieder zurück, vor allem am frühen Nachmittag, nach dem „Segen“ – einer Andacht in der Kirche, die jeweils um zwei Uhr begann. Da stiefelte man im Winter und trippelte man im Sommer als kleiner Knirps vor den Eltern und den größeren Geschwistern voraus; im Winter dick vermummt, in der warmen Jahreszeit im schwarzen, schönen Samtanzug, bei dem man besonders aufpassen mußte, daß man sich nicht schmutzig machte; später dann im Matrosenanzug, entweder mit dunkelblauem oder weißem Blouson und dem dazugehörigen Schlips, mit einer Kappe auf dem Kopf wie die Matrosen auf den Bildern vom Ersten Weltkrieg, hinten mit zwei langen Bändern daran. Man war stolz auf dieses „Outfit“ – würde man heute sagen – obwohl es absolut lächerlich war, aber eben der Mode entsprechend, wenn auch schon etwas antiquiert; ein Ausdruck eines gewissen Konservativismus sowie ein Signal für gesellschaftliche Zugehörigkeit; denn Arbeiterkinder, jene von den Fabriklern, und Bauernkinder trugen solche Kostüme natürlich nicht.

zwei Buben im Matrosenanzug vor Blumenfenster und Madonna

Der Weg am Bach war sehr schmal, gerade daß auf ihm zwei Menschen nebeneinander gehen konnten; und dies stellenweise auch nur dann, wenn einer der beiden etwas vor- oder zurückging. Das war vor allem der Fall, wenn einem jemand entgegenkam, zum Beispiel eine andere Familie mit ihren Kindern. Dann mußte man ausweichen. Begegnete man so einander, dann grüßte man, wechselte vielleicht auch ein paar Worte, blieb kurz stehen, verabschiedete sich mit Handschlag, Kopfnicken oder einer angedeuteten Verbeugung. „Grüßt ja schön, Kinder!“ hörte man ständig auf diesem Weg oder auch schon vorher als Ermahnung; und „Fallt ja nicht in den Bach!“ Und: „Benehmt euch anständig und schreit nicht!“ – „Geh weg vom Bach, sonst fällst du noch hinein!“, sagte man mir immer wieder, wenn ich von einem der großflächigen Granitsteine, mit denen der Uferrand des Baches ausgelegt war, zum anderen hüpfte, und dabei oft nur auf einem Fuß. Bis es dann doch einmal passierte – es war zu Ostern und ich im schönen, schwarzen „Samtgwandl“, mit einem eierschalenfarbenen Seidenhemd mit Rüscherln vorne, schwarzen Strümpfen und Lackschuhen. Ich hüpfte daneben und fiel in den Bach, aus dem ich unter Geschimpfe herausgezogen und dann mit der mir verhaßten Kinderfrau, die mir noch ein paar auf den Hintern verpaßte, daß ich „wie am Spieß“ schrie, worauf ich noch ein paar bekam, zurück nach Hause geschickt wurde. Dort wurde ich zuerst umgezogen und mußte dann „Winkerlstehen“, bis die anderen von ihrem Spaziergang endlich wieder nach Hause gekommen sind.

älterer Mann sitzt an Wegesrand, dem Weg entlang Sträucher
Peter Paul Wiplinger, Weg am Bach

An beiden Seiten des Weges liegen Gärten, Wiesen und andere Grundstücke. Wenn man zum Friedhof, zum Krankenhaus, jetzt Bezirksaltersheim, oder zum damals so genannten „Dreispitz“, einer Wegabzweigung, von der früher ein steiler, schmaler Weg zum Grubberg hinaufführte, hinausgeht, so liegt linker Hand ein Park. Dieser gehört zu den beiden darin befindlichen Häusern eines großen, angesehenen Textilfabrikanten – einer Villa mit später angefügtem Neubau und einem mächtigen ehemaligen Wirtschaftsgebäude mit einem daneben liegenden Glashaus. Im Park stand Jahrzehnte lang eine große Trauerweide, die schon sehr alt und brüchig war, so daß die beiden auseinanderstrebenden Hauptäste durch einen dicken Eisenring eingefaßt und zusammengehalten wurden.

Auch Ziersträucher gab es, die sonst nirgendwo zu sehen waren. Bei der Villa, in der auch ein kleines Büro, ein Comptoir, untergebracht war, standen ehemals kleine, dann immer mächtiger gewordene, hohe Fichtenbäume und auch eine Silberfichte mit ihren schönen grünblauen Zweigen. Die Frau des Fabrikanten ging am frühen Vormittag oder gegen Abend gerne auf dem ellipsenförmig angelegten, mit feinem hellem Sand bestreuten Weg, eigentlich einem Fahrweg, spazieren; stets allein, immer warm abgezogen; und wenn es hell war, mit einer Sonnenbrille vor den Augen. Sie ging, immer in ihre Gedanken versunken, eine Runde um die andere in ihrem eigenen Park. Dieser Fahrweg war vom Weg am Bach durch einen dicken Holzzaun mit kreuzförmig übereinander genagelten, dicken, runden Hölzern getrennt. Traf es sich zufällig, daß die Frau G. gerade auf diesem Teil des Weges spazierte, der dem Weg am Bach zugewandt war, und man selber den Weg am Bach hinausging, so erwartete die „Gnädige Frau“, daß man sie als eine zur Elite des Ortes zählende Respektsperson mit größter Ehrerbietung grüßte, was in der Regel auch geschah. Sie selbst antwortete aber auf den Gruß stets nur mit einem höchst distanziert gesprochenem „Grüß Gott!“ Möglich, daß sie schon einmal mit einer ihr etwas vertrauteren älteren Person ein paar Worte über den Zaun hinweg wechselte, ich weiß es nicht. Mir erschien sie immer nur als eine durch diesen Zaun, diese Absperrung von der übrigen Welt getrennte Person. Das Bild einer einsamen, in sich verschlossenen Frau, allein in ihrem großen, schönen Garten, sehe ich heute noch vor mir.

Dort, wo die einst jungen, jetzt mächtigen, hohen Fichten mit ihren Zweigen und Ästen im Wind rauschen, steht auch ein steinernes „Marterl“ aus grauem Granit. Hinter dem schmiedeeisernen Türchen im „Kopf des Marterls, befand sich ein in volkstümlicher Weise gemaltes Heiligenbild, die Muttergottes mit dem Jesuskind auf dem Arm. Davor standen in kleinen Vasen zur Sommerszeit immer frische Blumen. Fromme Frauen schmückten gerne die Muttergottes im Marterl. Und wir Kinder blieben mit unseren Eltern oder mit dem Kindermädchen häufig vor dem Marterl stehen und sagten ein ganz kurzes Gebet zur Heiligen Jungfrau Maria und zum Jesuskind im Marterl hinauf. Dies taten wir dann auch später, wenn wir – weil schon älter – alleine vorbeigingen, oder mit dem Roller oder dem Fahrrad, was eigentlich verboten war, an dem Marterl vorbeifuhren. Es war uns zu einer Gewohnheit geworden. Überhaupt aber war es in meiner Kindes- und noch in meiner Jugendzeit für viele Menschen selbstverständlich, daß man sich bekreuzigte [bekreuzigen], wenn man an einem Kreuz, an einem Marterl, an einer Kapelle, an einer Kirche oder an einem Friedhof vorbeiging. Heute tut das fast niemand mehr; höchstens noch einige alte Frauen oder die ganz Frommen, von denen es aber immer weniger gibt.

Wo früher beim Marterl und den Fichtenbäumen noch das Wasser des schmalen Baches dahinplätscherte, ist heute ein breiter Weg. Der Bach ist längst zugeschüttet; wie so vieles aus der Vergangenheit. Keiner bleibt mehr vor dem Marterl stehen. Niemand geht mehr im Park spazieren. Schwarze Limousinen fahren im Schritt-Tempo auf dem Fahrweg hin zur Villa. Das Glashaus gibt es nicht mehr. Der freundliche Gärtner und seine liebe Frau sind längst gestorben. Es begegnen einem keine „Fabrikler“ mehr, so wie damals beim Schichtwechsel, wenn man an der in der Nachkriegszeit beim Weg am Bach hingebauten kleinen Textilfabrik, aus der man immer die Maschinen rattern hörte, vorbeigeht. Auch die anderen Fabriken sind leer, stehen grau und verlassen als Industrie-Ruinen herum oder werden neuerdings in Museen umfunktioniert.

Kaum jemand noch, der mit der Gießkanne das Wasser aus dem Bach schöpft und damit den Garten gießt. Frühere Gärten sind nun Baustofflagerplätze. Wo einmal Erdäpfel, Kraut, Karfiol, Kohlrabi, Paradeiser, Gurken, Petersilie, Schnittlauch, Zwiebeln und Salat angebaut wurden, dort steht jetzt auf grauem Asphalt ein Supermarkt mit einem großen Parkplatz davor. Statt der Ribisel und der Radieschen gibt es Eternit und Beton. Kein Kinderlachen hört man mehr aus dem kleinen Gartenhäuschen, das in einer Ecke des Gartens stand, worin wir als Kinder bei Regen spielten oder unser Mittagsschläfchen hielten. Keine Familie geht mehr mit ihren Kindern am Sonntag oder an einem Feiertag fein angezogen den Weg am Bach entlang spazieren. Nachts liegt der Weg verlassen und beängstigend im Dunkeln. Die Liebespaare – oft nur auf kurze Zeit – flitzen in Autos durch die Gegend, tanzen bis zum frühen Morgen in lauten Diskotheken, die oft abgelegen irgendwo in der Landschaft liegen, vielleicht einmal Mühlen waren oder bekannte Gasthöfe. Immer mehr Alte und Kranke aus dem nahegelegenen Bezirksaltersheim begegnen einem auf dem Weg am Bach. Die Wiesenhänge unterhalb der früheren Gärten sind von einer geraden Schnellstraße durchgeschnitten. Nur der stets schöne Ausblick in die weite Ferne bis hin zum Böhmerwald ist noch geblieben. Wenn ich von Zeit zu Zeit aber wieder diesen Weg am Bach gehe, hinaus zum Friedhof, zum Grab meiner Eltern und Geschwister, dann begegnet mir manchmal doch noch ein mir bekanntes Gesicht. Dann grüßen wir einander freundlich und lächeln uns zu wie in vergangenen Zeiten.

Informationen zum Artikel:

Der Weg am Bach

Verfasst von Peter Paul Wiplinger

Auf MSG publiziert im Februar 2012

In: Erinnerungsbücher, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Mühlviertel, Haslach
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag stellt eine Erzählung aus dem Buch "Lebensbilder. Geschichten aus der Erinnerung" von Peter Paul Wiplinger vor, erschienen im der Edition der Heimat - Verlag Franz Steinmaßl 2003, S. 202-207.

© Buchverlag Franz Steinmaßl

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.