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Meine Ankunft auf Erden

von Herta Rohringer

Es war ein wunderschöner Junitag als sich meine Eltern und die Eltern meiner Mutter auf den Weg in den Türkenschanzpark machten. Meine Mutter stand knapp vor der Niederkunft mit mir und war zur Entbindung im schönen Frauenhospiz in der Peter-Jordanstraße angemeldet. Sie war eine moderne junge Frau und hatte alle Ansinnen der Schwiegermutter, das Kind mit Hilfe einer Wehmutter (Hebamme) zur Welt zu bringen, entrüstet zurückgewiesen. Meine Großmutter meinte nun, es könnte nicht schaden, auf jeden Fall im Hospiz kurz vorbeizuschauen, wenn man schon in der Nähe sei. Meine Mutter willigte schließlich ein, nicht ahnend, dass die Familie den Heimweg ohne sie würde antreten müssen. Bei der Aufnahme nannte sie die Hebamme „Kleine Pfingstrose", war sie doch klein, zart und von blühendem Aussehen.

Dies änderte sich in den folgenden Stunden, denn ich war wirklich „eine schwere Geburt" und offensichtlich wollte ich mit der Welt noch nicht konfrontiert werden. Aber man ließ uns Zeit, sich zu entscheiden, die Medizin war noch altmodisch. Als ich aber hörte, dass man eine Zange verwenden wollte, machte ich kurzen Prozess, ich war immer schon gegen Zwang, daran hat sich bis heute nichts geändert.

Als meine Mutter mich zu sehen bekam, war sie so geschockt , dass sie ausrief: „Der Zwieflkrowot soll mein Kind sein!" Damit schockierte sie alle Hebammen und Schwestern, die meinten, jede Mutter fände ihr Kind schön. Auch der Hinweis, dass in ein paar Stunden auch aus mir ein herziger Säugling werden würde, konnte sie nicht beruhigen.

Ich habe in meinem ganzen Leben keinen Zwieflkrowotn kennengelernt, aber nach ihrer Beschreibung muss ich ungefähr wie Arpad der Stammvater der ungarischen Dynastie ausgesehen haben: vorne eine Vollglatze, hinten lange schwarze Haare, dazu der lange Schädel, geburtsbedingt. Das Schönste waren meine Ohren, nicht abstehend, sondern klein und eng anliegend, was meine Mutter mit mir wieder etwas versöhnte.

Wenige Monate später war ich kugelrund, flachsblond, ein echter slawischer Abkömmling. Somit waren alle Erbanteile sichtbar geworden.

7-monatiges Kleinkind in Bauchlage
Besagter "Zwieflkrowot" im Alter von sieben Monaten (Jänner 1936)

Zwieflkrowotn waren Wanderhändler wie Rastlbinder oder Scherenschleifer, Pfannen- und Kesselflicker, alle außer Ersterem habe ich in meiner Jugend noch kennengelernt. In den Kriegsjahren waren wir sehr froh, wenn der Pfannenflicker ins Haus kam. Neue Töpfe oder Reindln waren kaum zu bekommen, und die Nieten, die er einschlug, hielten viele Jahre. Kennzeichnend waren die Rufe, mit denen diese meist sehr ärmlich gekleideten Männer auf ihre Anwesenheit aufmerksam machten: „Kesselflicka, Pfanneflicka is do – hobts Gschirr, olde Reindl zon Richtn?" Dann setzten sie sich auf dem Gang, meist zwischen den Klotüren, beim Fenster nieder, räumten ihre Werkzeuge aus und begannen zu reparieren. Sie galten auch als Kinderschreck, weil gedroht wurde, sie würden schlimme Kinder mitnehmen. Für diese armen Leute wären zusätzliche Kinder sicher eine Strafe gewesen.

Informationen zum Artikel:

Meine Ankunft auf Erden

Verfasst von Herta Rohringer

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 17. Bezirk
  • Zeit: 1935 bis 1936

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

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