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Wie ich zum Widerstandskämpfer wurde I

von Paul Vodicka

Man wird nicht Widerstandskämpfer wie ein Soldat, der die Uniform anzieht und sagt, so jetzt geh ich in den Krieg. Es müssen besondere Voraussetzungen, wie zum Beispiel ideologische, ethische oder auch ethnische gegeben sein. Bewegt durch ein besonderes Ereignis, setzt man den ersten Schritt, macht dann einen zweiten und alles andere ist eine logische Folge.

Bei mir war es die Familie, die meinen Weg vorgezeichnet hat. Ich wurde 1928 in Wien-Ottakring geboren und bin im sogenannten „Negerdörfl“, einem Elendsviertel in Wien-Ottakring, aufgewachsen.

Schon mein Großvater war in den Klassenkämpfen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eingebunden. Er war ein Kampfgefährte des Ottakringer Bürgermeisters Franz Schuhmeier. Franz Schuhmeier war ein großer Arbeiterführer, der oft in Opposition zu dem Opportunisten Victor Adler stand und mit seiner Tätigkeit richtungweisend für die gesamte Arbeiterbewegung war.

1892 gründete Schuhmeier den Arbeiterbildungsverein „Apollo“ mit dem Sitz in Neulerchenfeld, aus dem dann am „Hainfelder Parteitag“ am 30.12.1888 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ hervorging.

Von 1896 bis 1898 war er Reichsparteisekretär und entwickelte in dieser Funktion gemeinsam mit Albert Sever (einem Wohnungsnachbar von meinen Großeltern im Haus des Ottakringer Arbeiterheims) und Anton David, die bis heute noch bestehende interne Organisationsstruktur mit der Schaffung eines Vertrauensmännerapparates.

Diese Organisationsform wurde auch von der KPÖ eins zu eins übernommen.

Schuhmeier schuf ein Kommunalprogramm mit der Forderung des allgemeinen Wahlrechts, dem Bau von Wohnhäusern und Volksbädern sowie den Ausbau einer Volksfürsorge.

Ein weiterer Programmpunkt war die Volksbildung. Mit dem Historiker und Hochschulprofessor Ludo Hartmann schuf er die erste Volkshochschule in Ottakring.

1913 wurde Schuhmeier von dem Christdemokraten Paul Kunschak, dem Bruder des späteren Regierungsmitgliedes der Zweiten Republik, ermordet. An seinem Begräbnis am Ottakringer Friedhof nahmen über 100.000 Menschen teil. Es war eine der größten Demonstrationen, die jemals in Österreich stattgefunden haben.

Mein Großvater war ein begeisterter Verehrer von Schuhmeier und verstand es hervorragend die Kämpfe der Wiener Arbeiterschaft zu schildern. Mein Bruder und ich hörten mit glühenden Ohren zu.

Meine Eltern – meine Mutter war Schneiderin, mein Vater Werkmeister im Telegraphenbauamt der Post – waren immer am linken Flügel, zuerst bei der SJ und später bei der SDAP.

Nach den Ereignissen rund um den Schattendorfer Prozess traten meine Eltern und mit ihnen ihre Bekannten 1927 der Kommunistischen Partei bei. Diese Gruppe bildete auch eine Zelle im Widerstand gegen den Faschismus.

Zuerst haben sie gegen den Schuschnigg-Faschismus und dann gegen den Nazifaschismus illegal gekämpft. Meine Mutter hat bis 1942 die „Rote Fahne“ vertrieben. Die Zeitungen hat sie von der Genossin Poldi Kühnberger erhalten.

Meine Eltern haben mich und meinen Bruder von der politischen Arbeit fern gehalten, weil sie doch gefährlich war. Sie wollten uns schützen, aber wir haben trotzdem mitgekriegt, was vor sich gegangen ist. In unserer Wohnung fanden die Treffen der Genossen statt, hier lagen die Materialien und wurden auch von hier aus verteilt. Wenn die Genossen gekommen sind, wurde die Gangtür mit Decken zugedeckt, damit kein Laut, keine Gespräche hinausdringen konnten. Außerdem hörte mein Vater immer mit einem kleinen Volksempfänger London oder Moskau.

Wir hatten eine Zimmer-Küche-Wohnung, 20 m² Küche, 20 m² Schlafzimmer. Mein Bruder und ich mussten ins Schlafzimmer gehen; dort war übrigens immer das Fenster leicht geöffnet, denn wenn schwere Stiefel über die Stiege hinaufgekommen wären, dann wären die Genossen aus diesem Fenster hinausgesprungen. Die Gefahr des Verrats war ja immer vorhanden.

Damals, nach 1939, war Verdunkelung, die Nacht war finster, es gab keine Straßenbeleuchtung und Schutzwarte kontrollierten, ob in irgendeinem Fenster ein Lichtschimmer zu sehen war.

Mein Bruder und ich haben natürlich alles mitgekriegt und haben verstanden: Es passiert etwas, eine faschistische Gesellschaft wird bekämpft. Ideologisch waren wir ja nicht geschult. Zu Hause wurde uns eingeschärft, wir sollten in der Schule nicht über unsere Familie erzählen, nichts verraten, uns auf keine Diskussionen einlassen.

Die Schulzeit war für mich eine sehr lehrreiche Zeit. Ich war in zwei verschiedenen Milieus eingebunden. Auf der einen Seite war es das kleinbürgerliche bis bürgerliche Umfeld des Realgymnasiums, wo ich als Negerdörfler leicht verrufen war. Auf der anderen Seite waren die rauen Naturburschen vom Negerdörfl, die mich als Milchkind betrachteten. Eine Situation, die meine Menschenkenntnis positiv bereichert hat.

Informationen zum Artikel:

Wie ich zum Widerstandskämpfer wurde I

Verfasst von Paul Vodicka

Auf MSG publiziert im August 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 16. Bezirk
  • Zeit: vor 1900, 1900er Jahre, 1910er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Eine ausführlichere Darstellung der Aktivitäten Paul Vodickas und anderer Mitglieder des kommunistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Österreich findet sich in der Publikation: "Widerstand und Befreiung. 1934-1945. Zeitzeugen berichten", herausgegeben von Charlotte Rombach, Wien 2010.

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