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Underwood, Beitrag 1 von 1

Der „UNDERWOOD“

von Helmut Drechsler

Während man mir in der Schule das Schreiben mit der linken Hand abzugewöhnen versuchte, entdeckte ich daheim eine wesentlich unterhaltsamere Möglichkeit zu schreiben. Nicht die Hausaufgaben - die machten, handschriftlich verfasst, genauso wenig Spaß wie in der Schule; oder zumindest nur mäßigen. Aber daheim stand hinter meinen freiwilligen Schreibübungen (ab der dritten Klasse etwa) nicht die umständliche Schulmethode mit dem Schöne-Hand-Zwang (wo jetzt auch noch Mutter und Großeltern darauf achteten), sondern ein ganz monumentales Gerät vom Papa.

In der „Werkstatt“ hatte er sich eine Schreibnische beim Fenster, zwischen Kasten und Wand, eingerichtet, und da stand auf einem Tischchen ein schwarzer Blechkasten. UNDERWOOD war mit Goldbuchstaben drauf geschrieben. Man soll sich nicht täuschen lassen – nicht immer steht auf den Dingen das drauf, was sie dann wirklich sind. Oder weiß vielleicht jemand, was ein „Underwood ist und wie man damit umgeht? Jedenfalls war das nur einer von vielen in der mit seltsamen Apparaten reichlich ausgestatteten Werkstatt.

Papa saß gelegentlich vor dem geheimnisvollen Underwood. Dann hatte er die Blechhaube abgenommen und darunter kam ein niederes, sehr strukturiertes, gleichfalls schwarzes Gestell mit vernickelten Leisten und einigen Reihen von kleinen Scheiben, die wie Sitze auf einer Zuschauertribüne angeordnet waren, zum Vorschein. Darauf stand nochmals goldfarben „Underwood“ geschrieben.

Der Vater stopfte oben ein Blatt Papier hinein, drehte an einem Knopf und schob den Oberteil des Gestells zur rechten Seite. Dann begann er, mit einem Finger heftig nacheinander auf einige der kleinen Scheiben einzustechen, die jeweils einen der mir inzwischen bekannten Buchstaben, oder ein anderes Zeichen trugen. Im gleichen Moment, wo die Scheibe sich senkte, kam oben ein Blechfinger aus dem Gestell herausgefahren, klopfte gegen das Papier und hinterließ dort das gleiche Zeichen – eines genau neben dem anderen. Der Oberteil mit dem Papier ruckte dazu immer um ein kleines Stück nach rechts – nein, nach links.

Der Vater konzentrierte sich beinahe übermenschlich, einmal auf die Scheibchen, dann auf das Papier. Ich wurde ziemlich neugierig, was sein würde, wenn die Zeichen einmal den Papierrand erreichen. Kurz bevor die Zeichen aus dem Papier verschwanden, machte es laut „ping“ – ein Glockenzeichen ertönte.

Papa griff nach einem großen, vernickelten Hebel und drückte heftig daran. Mit einem ratschenden Geräusch schob sich der Oberteil mitsamt dem Papier auf die andere Seite und gleichzeitig rutschten die gedruckten Zeichen ein kleines Stück höher. Ich wollte das sofort auch probieren, was aber der Vater nicht wollte.

„Später“, sagte er, „später dann, wenn ich da fertig bin.“

Ich sah mir genau das Geschriebene an: Es war unglaublich, fast genauso gedruckt wie in meinen Schulbüchern! Fast – ein bisschen unregelmäßiger sah es schon aus. Wieder einmal war es an der Zeit, etwas zu fragen: „Was machst du denn da? Was ist denn das da?“

Der Vater sah noch angestrengter auf das Papier.

„Siehst ja; ich schreibe dem Sch. mit der Schreibmaschine einen Brief.“
„Warum schreibst du denn nicht mit der Hand?“
„Weil der Sch. nicht Kurrent lesen kann.“
„Warum schreibst du denn dann Kurrent, wenn er es nicht lesen kann?“
„Weil ich in der Schule nur Kurrent schreiben gelernt habe – oder Druckbuchstaben. Das dauert mir zu lange.“
„Aber mit der Maschine dauert es doch auch lange.“

Stille.

Ich kannte Papas handschriftliche Notizen in dem zackig-spitzen Auf-und-Ab. Wenn das Kurrent war, konnte es wirklich kein Mensch lesen.

„Du, was heißt denn ‚Underwood’?“
„Geh bitte, stör mich nicht andauernd, so komme ich nie weiter!“
„Aber wenn Du fertig bist, dann schreibe ich einen Brief?!“
„Hast Du Deine Aufgaben schon gemacht?“

Brummel.

Endlich ist er fertig, der Vater. Dreht das Papier heraus und geht damit zum Sekretär ins Wohnzimmer. Die Maschine ist frei. Ein Blatt Papier liegt noch da. Ich drehe es mit der Walze rein in die Maschine.

Was schreib ich? – einfach mir selbst. Bumm, da muss man ordentlich auf die Scheibchen hauen, damit etwas auf das Papier kommt. Nach einer Viertelstunde des Buchstabensuchens steht da endlich: „lieberhelmut“.

„Papa, wie schreibt man die Wörter aus-ein-ander?“
Aha – so also.

„Papa, wo sind denn die großen Buchstaben?“
Aha.

„Papa, warum schreibt es jetzt nur große Buchstaben?“
Aha.

„Papa, jetzt sind drei Scheiben drinnen stecken geblieben und auf dem Papier stehen drei Buchstabenfinger durcheinander!“
„So, jetzt ist Schluss, das ist nichts für Kinder. Kein Spielzeug! Geh woanders spielen!“
„Nein, ich will noch ...“

Ratsch, das Papier fliegt raus – rumms, die Blechhaube sitzt wieder drauf, und ein Schloss hängt er auch noch davor! Neidig ist er, der Papa. Der Schlüssel kommt in die Schreibtischlade, so viel sehe ich noch über die Schulter. Am Montag, wenn er wieder in der Fabrik ist ...

Die Maschine hat mir außerordentlich gut gefallen. Sofort, als es wieder geht, probiere ich sie nochmals. Das Papier kann ich jetzt selber mit dem Knopf reindrehen und mit dem großen Hebel jedes Mal um ein Stück hinausschieben. Natürlich kann man auch am Knopf weiterdrehen, und mit einem eigenen Zwischenraumschalter kommt man zu jedem Punkt der Zeile.

Wo die Scheibchen mit welchen Buchstaben sitzen, merke ich mir gleich: Das E, R und T sind nebeneinander oben, links drunter das A. B, N und M sitzen ganz unten, das C links davon, das K samt L ziemlich rechts, und das H in der Mitte. Der Punkt ist rechts unten, alle Ziffern in der obersten Zeile, die Null ist das O und daneben befindet sich das I, das auch als Einser verwendet wird. Alles andere findet sich schon.

Weil die Scheiben, die auch „Tasten“ heißen, teilweise so weit auseinander sitzen, klopfe ich auf die linken mit dem linken Zeigefinger und auf die rechten eben mit dem rechten. Das geht auch schneller.

Als der Papa nächstes Mal wieder – alle „heiligen Zeiten“ – einen Brief schreibt, sage ich ihm, er kann ihn mich schreiben lassen, wenn er mir ansagt.

Und wirklich: Ein bisschen schneller als er bin ich sogar schon. Ha – ich bin Herr über das Maschinenschreiben! Es macht Spaß. Weil das so praktisch und sauber ist, schreibe ich mir Bücher in Streichholzschachtelgröße. Das ist nicht so leicht, weil man die Seiten auf dem großen Blatt systematisch durcheinanderschreiben muss, bevor man es zerschneidet und mit einer Heftklammer zusammenklammerlt. Auch das Klammerln mit der Heftmaschine macht Spaß.

Weil es so gut geht, denke ich mir selber Geschichten aus (Freund Heinzis Abenteuerhefte sind da sehr inspirierend) und zeichne mir selber farbige Comics, bei denen ich die Sprechblasen mit der Schreibmaschine beschrifte. Kaufen kann ich mir keine Comics, weil ich kein Geld habe und für so ein „unnötiges Zeug“ auch keines bekommen werde. Die bunten Hefterln sind viel zu teuer.

Als ich so nach und nach alle Tasten ausprobiere, fällt mir auf, dass ein paar seltsame Zeichen auch dabei sind. Wieso denn das?

„Weil das eine polnische Schreibmaschine ist“, sagt Papa. Eine polnische, aha. Die Mama sagt, die Wurst, die ich meist am Wurstbrot habe, ist eine „polnische“.

„Wieso hast du denn eine polnische Schreibmaschine?“

Da rückt er mit der Wahrheit heraus: Das gute Stück ist eine Kriegbeute! Er hat sie in einem zerstörten polnischen Postamt „organisiert“, wie das scheinbar so üblich war. Die deutschen Truppen hatten es nach Beute durchsucht. Er auch, Sieger, der er damals war. Eine Schreibmaschine hatte er sich schon immer gewünscht. Er hatte sie einfach in seinen Luftwaffen-Fernschreibwagen eingeladen und nach Hause mitgenommen. Bereit zu neuen Taten.

„Du Papa, aber – hat die nicht jemandem gehört?“
„Oja, die hat einmal den Polen gehört, aber Polen gehörte dann zu Deutschland.“
„Aber dann hat sie doch Deutschland gehört, oder?“
„Nein, mir hat sie dann gehört.“

So ist das anscheinend mit der Kriegsbeute. Sie gehört dem, der sie sich nimmt.

Informationen zum Artikel:

Der „UNDERWOOD“

Verfasst von Helmut Drechsler

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre

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