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Napola, Beitrag 1 von 1

Von der Schulbank in den Krieg

von Werner Koss

Zunächst ist hier noch die Begebenheit mit der "Napola" einzufügen, das muss wohl der Herbst 1943 gewesen sein. Die "Napola" war eine Art Eliteschule, der Name war die Abkürzung für „Nationalpolitische Erziehungsanstalt“. Das war ein politisch gefärbtes Gymnasium mit Betonung auf Sport und hatte zwei Zentren, das Theresianum in Wien und Traiskirchen in Niederösterreich. Die Vorgangsweise für die Aufnahme in diese Schule war so, dass die „DJ“- und „HJ“-Führer aus ihren ihnen unterstellten Jungen eine Auswahl trafen und Empfehlungen für die Aufnahme in die Napola gaben. Meistens waren die Kriterien, dass diese Buben sehr sportlich waren und auch gute schulische Erfolge hatten.

Eines Tages wurde mir mitgeteilt, dass man mich vorgeschlagen hatte, und es wurde bekannt gegeben, dass in der Argentinierstraße im Theresianum in Kürze eine Aufnahmsprüfung stattfinden werde. Zu diesem Termin fand ich mich bei der angegebenen Adresse ein, es waren ungefähr 30 Jungen aus ganz Wien dort versammelt. Wir mussten in einem Innenhof des Theresianums antreten, es wurde eine kurze Erklärung abgegeben, eine Einleitung, was die Napola sei, welche Ziele sie verfolge und dass es für uns eine Auszeichnung wäre, dass wir hier zu dieser Aufnahmsprüfung antreten durften. Darauf wurde der ganze Haufen zu einem Stiegenhaus geführt, das zwischen zwei Innenhöfen in den ersten Stock hinauf führte. Dort war ein großer Saal und wir mussten hintereinander antreten, an einem Tisch saß ein Napola-Professor, und mit Namensaufruf wurden wir dann zu einem offenen Fenster geleitet. Dort stand eine kleine Treppe, die zu dem Fenstersims hinaufführte. Es wurde dann befohlen, dass einer nach dem anderen dort hinaufgehen und in den Hof hinunterspringen musste. In der Zwischenzeit war unten im Hof ein großes Feuerwehrsprungtuch aufgestellt worden, und direkt vor dem Fenster stand ein weiterer Napola-Angehöriger und prüfte die Reaktion jedes Einzelnen, der dort – nicht wissend, was ihn nach dem Sprung erwartete - hinkam und praktisch ohne Zögern springen musste. Als ich drankam, hatte ich den Vorteil, dass ich vom Klettern und von meinen Bergtouren Tiefblicke gewohnt war, ich stieg auf das Fenster, sah mit einem Blick, dass da ein Sprungtuch war, und sprang ohne zu zögern hinunter. Das war aber nicht bei allen der Fall, und es ergab sich dann, dass ungefähr die Hälfte dieses Haufens die Aufnahmsprüfung aus diesem Grund, wie immer er genannt wurde, Zögern oder Feigheit, nicht bestand.

Wir anderen fünfzehn wurden aufgenommen und Klassen zugeteilt. Somit wechselte ich vom Realgymnasium Marchettigasse in die Napola in der Argentinierstraße. Ich kann mich nur dunkel erinnern, es waren, glaube ich, zwei Monate bis vor Weihnachten, die ich dort am Unterricht teilnahm. Genau kann ich mich noch an den Klassenvorstand erinnern, ein Dr. Pfisterer, der Geschichte und Deutsch unterrichtete und einen sehr spannenden Unterricht gestaltete. Einige Zeit vor Weihnachten erfuhr ich, dass man mich aufgrund meiner bergsteigerischen Ambitionen und meiner Begeisterung für den Bergsport vorgeschlagen hat, nach Sonthofen in Bayern, in die Ordensburg der Napola zu kommen, weil dort eine Spezialabteilung für Bergsteigen mit dem Schulischen verbunden war. Wir schrieben dies meinem Vater und er schrieb zurück, dass er damit nicht einverstanden wäre, und bat bis zu seinem nächsten Kurzurlaub zu warten, der vor Weihnachten angesetzt war, um die Sache dann selbst zu regeln. Er war mit dieser ganzen Aktion von Anfang an nicht einverstanden, wollte mir aber diesen Weg nicht ganz verbieten. Allerdings war dann die Aussicht, dass man mich nach Bayern schicken wollte, ausschlaggebend, dass er mit dem Argument, dass die Mutter dann allein wäre und er ja im Feld sei, beantragte, dass man mich doch wieder in die Mittelschule in die Marchettigasse zurücksenden solle.

Dem wurde auch ohne jeden Einwand stattgegeben, mein Vater hörte einige lobende Worte über mich, die ihn sehr zu freuen schienen, und damit setzte ich zu Beginn des Jahres 1944, nach den Weihnachtsferien meinen Schulbesuch in der Mittelschule Marchettigasse fort. Das war also mein kurzes Intermezzo in der damaligen Elite-Schule der Nationalsozialisten, der Napola. Die Schule in der Marchettigasse wurde dann allerdings bald geschlossen, ich glaube sie wurde für Verwundeten-Betreuung herangezogen und wir mussten in die Mittelschule Neustiftgasse übersiedeln, wo wir dann noch bis zum März 1945 Unterricht hatten.

Es wurden zu dieser Zeit die älteren Jahrgänge, die bis jetzt nicht einrücken mussten, und die ganz jungen, die Jahrgänge 1928 und 29 zum so genannten Volkssturm eingezogen. Es waren Einheiten, die vor allem in der Handhabung der Panzerfaust ausgebildet wurden. Das war eine kleine Rakete, die man aus ungefähr 20 Meter Entfernung auf heranrückende Panzer schießen musste und die große Sprengwirkung hatte. Da man wusste, dass die heranrückenden Russen vor allem mit Panzertruppen operierten, wurde dieses letzte Aufgebot mit dieser Waffe, der Panzerfaust, ausgerüstet. Die deutsche Propaganda arbeitete natürlich auf Hochtouren. Es wurden die gräulichsten Sachen berichtet, was die Russen für unmenschliche Handlungen setzten, dass sie Gefangene vorne auf ihre Panzer auf die Geschütze banden, um zu vermeiden, dass die Verteidiger auf die Panzer schossen. Noch von einer ganzen Reihe weiterer fürchterlicher Untaten wurde berichtet, die natürlich großen Glauben fanden, da wir ja keine andere Informationsquelle hatten. Es wurden auch, so weit ich mich erinnern kann, immer wieder abschreckende Bilder gezeigt, dass Feiglinge, die desertiert waren, entweder erschossen oder auf Bäumen aufgehängt wurden; darunter auch junge Burschen, die unerlaubt die Einheiten verlassen hatten, um nach Hause zurückzukehren.

Es wurde dann auch der Jahrgang 1930, das muss schon Ende März 1945 gewesen sein, zur Stellung einberufen. Wir bekamen Einberufungsbefehle oder Mitteilungen, dass wir uns bei irgendeiner Gaustelle zu melden hätten, um eingeteilt zu werden, als die jüngsten Einheiten, die gerade noch herangezogen wurden. Auch mein Freund Ernst Hrubesch bekam so einen Stellungsbefehl. Wir wussten, dass die Chancen zu überleben – es wurde immer wieder von großen Verlusten dieser Einheiten geflüstert – sehr gering waren. Wir beratschlagten kurz und beschlossen dann, diesem Stellungsbefehl nicht nachzukommen und uns am nächsten Tag auf den Schneeberg hinauf zurückzuziehen. Dort kannten wir uns gut aus.

Der Zugverkehr funktionierte interessanterweise noch, und so fuhren wir in den letzten Märztagen nach Puchberg am Schneeberg und gingen über das Schneebergdörfl und über die Breite Ries auf die Fischerhütte. Zur Lage der Front ist hier zu bemerken, dass die Russen im Süden des Schneebergs, bei Gloggnitz und Reichenau bereits einen Keil vorangetrieben hatten, der versuchte, um den Schneeberg herum die deutschen Truppen zu umzingeln. Die Nordseite des Schneebergs, Puchberg und das ganze Triestingtal waren noch in deutscher Hand. Es waren noch einige andere auf der Fischerhütte oben, die offenbar dieselbe Idee gehabt hatten wie wir, nämlich da oben die Entscheidung und das Ende des Krieges abzuwarten. Alle zwei, drei Tage fuhr einer von uns mit den Ski über die Breite Ries hinunter ins Schneebergdörfl, wo wir bei bekannten Bauern immer einige Lebensmittel bekamen, Kartoffeln, zum Teil auch Würste, Mehl und Butter. Wir trugen das hinauf auf die Hütte, wo genügend Brennholzvorräte waren, so dass wir uns einmal am Tag etwas Warmes kochen konnten. Wir waren nun also hier heroben auf der Fischerhütte in 2000 Meter und sollten auch noch einige Wochen da bleiben, bevor wir dann in den ersten Maitagen den Weg Richtung Wien antraten.

Fortsetzung im Beitrag "Odysee vom Schneeberg nach Wien"

Informationen zum Artikel:

Von der Schulbank in den Krieg

Verfasst von Werner Koss

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 4. Bezirk, Argentinierstraße, Theresianum / Niederösterreich, Industrieviertel, Schneeberg, Fischerhütte, Schneebergdörfl
  • Zeit: 1943 bis 1945

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Auszug dem lebensgeschichtlichen Manuskript von Werner Koss: "Erlebt, überlebt, genossen. Von Alltag, Gipfelstunden, Radsportfreuden und noch einigem mehr aus den Jahren 1930-2009", S. 34-36.

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